"Sie sollten noch mehr schicken"

Ausgediente E-Geräte aus Europa landen in Agbogbloshie in Ghana. Unter erbärmlichsten Bedingungen nehmen Menschen hier alte Monitore und Computer auseinander. Die Dokumentation "Welcome to Sodom", die jetzt in den Kinos läuft, zeichnet das Porträt eines apokalyptisch anmutenden Ortes.


Ein Mann verbrennt Müll, um an Metall zu gelangen
Szene aus "Sodom": In Accras Stadtteil Agbogbloshie landet Elektroschrott aus Europa, der hier in seine Einzelteile zerlegt wird. (Foto: Camino Filmverleih)

Stundenlang schiebt und zieht Kwasi den Korb eines alten Lautsprechers über verdreckten Boden. Mit zusätzlichen Magneten präpariert, soll der Lautsprecher dabei helfen, kleinste Metallteile und -drähte aufzuspüren. Damit füllt Kwasi Stück für Stück einen alten Sack, bis sie mehre Kilogramm Metallschrott aufgelesen hat – für die sie später nur wenige Cedi bekommt. Da nutzt es ihr auch wenig, dass sie sich die Haare kurz geschoren hat und sich für einen Jungen ausgibt.

Kwasi ist nicht die einzige, die zwischen den Bergen an hingeworfenen Monitoren, Computern, Mobiltelefonen und anderem Elektroschrott sowie ausgedienten Linienbussen nach etwas Brauchbarem, etwas Verwertbarem sucht. 6.000 Menschen leben und arbeiten auf der Müllhalde Agbogbloshie in der ghanaischen Hauptstadt Accra – in der Hoffnung auf das große Wunder, den einen Glücksfund, der sie aus dem Elend katapultiert.

Für ihren Dokumentarfilm "Welcome to Sodom" haben die die österreichischen Filmemacher Florian Weigensamer und Christian Krönes die Menschen von Agbogbloshie zwei Monate lang begleitet. "Wir haben uns für diesen Unort interessiert, dafür, wie die Menschen dort leben", sagt Regisseur Florian Weigensamer.

Die Kamera folgt acht Protagonisten und dokumentiert ihren Alltag. Der Film zeigt, wie sie Computer, Monitore und Busse mit einfachsten Mitteln auseinandernehmen, um an die wertvollen Metalle zu gelangen. Das wichtigste Hilfsmittel dabei: Feuer.

Das Feuer, in dem Kabelberge, Monitore, Computer verbrannt und eingeschmolzen werden, legt die begehrten Metalle frei. Als Brandbeschleuniger benutzen die Recycler Styropor. Schwarze, dichte Rauchwolken steigen von der Müllkippe auf und erfüllen die Luft mit dem Geruch von verbranntem Plastik und heißem Kupfer.

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Agbogbloshie, früher eine Sumpflandschaft voller Vögel, gilt heute als einer der vergiftetsten Orte der Welt. Altöl hat den Boden schwarz gefärbt, Schwermetalle wie Blei, Arsen, Kadmium oder Quecksilber aus dem Schrott verseuchen die Erde. Überall liegen Metallteile, Unrat und Plastiktüten verstreut. Die Einheimischen nennen den Ort "Sodom".

Und auch das ist Teil von Agbogbloshie: Alltag in einer fürchterlichen Umwelt – ein junger Mann sitzt auf einem alten Autositz und lässt sich die Haare schneiden, eine Gruppe Jugendlicher tanzt und posiert, ein paar Jungs gucken Wrestling. Und zwischen dem Unrat und den permanenten Rauchschwaden sind ausgemergelte Schafe und Rinder auf der Suche nach Fressbarem.

Woher all der Schrott kommt, wird nicht erzählt. Eines Kommentars enthält sich der Film. Nur zwei Tafeln zu Beginn und am Ende geben ein paar grundlegende Informationen, so fehlt es denn mitunter auch an der Einordnung des Gesehenen. Stattdessen erzählen die Protagonisten aus dem Off von ihrem Leben, ihren Wünschen und Hoffnungen, was dem Film eine poetische Tiefe verleiht und im Widerspruch zu den erschütternden Bildern steht.

Wer verwertet unseren Elektroschrott?

Rund 250.000 Tonnen ausgedienter Computer und Telefone landen jedes Jahr in Agbogbloshie. Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe werden pro Jahr schätzungsweise 400.000 Tonnen Elektroschrott aus Deutschland illegal exportiert – nach Ghana, Nigeria oder China.

 

Die von den europäischen Staaten unterzeichnete Basler Konvention verbietet den Export defekter Altgeräte. Viele Geräte werden deshalb als wiederverwertbar deklariert.

Für Filmemacher Christian Krönes ist der Schrottplatz ein Ort, den die Globalisierung geschaffen hat. Hier zeigt sich der Kapitalismus ungeschminkt. Die – überwiegend muslimisch geprägte – Müllkippe ist arbeitsteilig und sehr hierarchisch organisiert, jeder hat seine Funktion: Frauen und Mädchen dürfen nur Wasser oder Essen verkaufen, einige Männer handeln, manche reparieren, was noch irgendwie zu retten ist, andere verbrennen den Schrott und wieder andere durchsuchen den Müll nach Verwertbarem. "Wir können alles reparieren. Wir sind die besten Recycler der Welt", sagt einer von ihnen. "Sie sollten noch mehr schicken."

Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch in Ghana. Entsprechend lockt die Müllhalde viele Menschen an, in der Hoffnung auf ein bisschen Geld. Auch aus den umliegenden Staaten kommen sie, mit dem Ziel Agbogbloshie schnell wieder zu verlassen. Ein frommer Wunsch an einem Ort, der mit gefährlichen Chemikalien belastet ist.

"Welcome to Sodom. Dein Handy ist schon hier"

Die Dokumentation von Florian Weigensamer und Christian Krönes läuft seit Donnerstag in den deutschen Kinos.

"Die Menschen, die versuchen nach Europa zu gelangen, sind nicht auf der Suche nach einem Luxusleben", sagt Regisseur Weigensamer mit Blick auf die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, die einem Teil der Europäer nicht willkommen sind. "Wir haben Agbogbloshie geschaffen und die Menschen haben alles Recht dort wegzuwollen."

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