Die Kunterbunt-Koalition wird's wuppen

Im bayerischen Landtagswahlkampf spielen Umweltthemen keine geringe Rolle – wenn sie Emotionen ansprechen wie das Bienensterben. Dagegen scheint der Klimawandel kein Wahlkampfschlager mehr zu sein, nicht mal bei den Grünen. Dabei könnten die vielleicht sogar die CSU stürzen.


Luftballons
Politische Diversität macht sich am weiß-blauen Himmel breit. (Foto: Dominique Garcin-Geoffroy/​Flickr)

In Bayern läuft der Wahlkampf für die "Schicksalswahl" 2018 auf Hochtouren und es scheint nicht mehr völlig ausgeschlossen, dass die Grünen den künftigen Ministerpräsidenten (oder sogar eine Ministerpräsidentin) stellen, als stärkste Partei einer Sechserkoalition aus Grünen, SPD, FDP, Linken, Freien Wählern und der ÖDP.

Irgendein prägnanter Begriff müsste dafür erst noch gefunden werden, vielleicht "Kunterbunt-" oder "Takatuka-Koalition", so was. Ausgerechnet in Bayern, das wär eine Gaudi!

Umweltthemen spielen vor allem in München, Bundeshauptstadt der Besserverdienenden-Ökos, keine geringe Rolle in diesem Wahlkampf. Die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) beispielsweise, die katholische und noch etwas bürgerlichere Variante der Grünen, hat ein Plakat aufgehängt, das eine offenbar jüngst verstorbene Honigbiene zeigt, und textet dazu: "Wir erleben das größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier."

Also, um das fleißige Insekt tut es mir ehrlich leid, das muss nicht sein. Was die Dinos betrifft: Ich glaube, es ist weniger gefährlich, ab und zu beim Zwetschgendatschi-Essen von einer Wespe gestochen zu werden, als wenn einem beim Hundespaziergang im Englischen Garten ein Tyrannosaurus Rex über den Weg läuft. Insofern bin ich ganz froh, dass die Viecher ausgestorben sind. Mit Datschi würden die sich nicht zufriedengeben.

In Zeiten von "Jurassic Park" waren Dinos mal groß in Mode. Auch Ökologisches unterliegt markanten Trends. Oft geht es dabei um Themen, die sich gut "emotionalisieren" lassen, um Leser zu gewinnen, Wähler zu ködern oder Spenden einzusammeln. Stichwort: Eisbär auf der Scholle!

Energiewende kein Aufreger?

Auch das Waldsterben war mal so ein In-Thema: Der deutsche Wald in Gefahr, das zog, jedenfalls vor dreißig Jahren. Heute würden die Kämpfer für den Deutschen(!) Wald wohl vom Verfassungsschutz beobachtet.

Solche Modethemen poppen schnell auf, werden dann ein paar Monate "gespielt", wie es so schön marketingmäßig heißt, und verschwinden wieder in der Versenkung, um einem neuen Trend Platz zu machen. So ging es etwa mit der Lebensmittelverschwendung, die dem Bienen- respektive Insektensterben weichen musste, bevor sich das Mikroplastik breitmachte. Insofern ist die ÖDP ein bisschen hinter dem Trend. Aber ein paar Stimmen von Hobbyimkern in München-Schwabing wird man schon noch einheimsen.

Der Klimawandel scheint als Wahlkampfschlager in Bayern keine allzu große Rolle mehr zu spielen. Vielleicht meinen die zuständigen Parteien, dass der Kampf gegen die Erderwärmung und für erneuerbare Energien schon längst Allgemeingut ist und keinen Wähler mehr hinter dem Pellet-Ofen hervorlocken kann.

Vor vier Jahren warben die Grünen, wenn ich mich recht erinnere, noch ganz offensiv mit Bildern von verspiegelten Dächern eines bayerischen Dorfes für ihre "Kernkompetenz". Heute trauen sie sich das vielleicht nicht mehr so recht, weil mit zunehmender Zahl von Solar- und Windkraftwerken die Schattenseiten der Energiewende immer deutlicher werden. Dann schon lieber für Biene Maja kämpfen, die ganz und gar positiv besetzt ist, vom Deutschen(!) Honig mal abgesehen.

Besser, man hört auf die Experten

Ich möchte jetzt keinesfalls so verstanden werden, dass ich die Brisanz ökologischer Probleme wie des Insektensterbens unterschätzen würde, obwohl ich den Eindruck hatte, dass es in diesem Sommer besonders viele Wespen gab und ich die Windschutzscheibe häufiger und intensiver als sonst von Insektenleichen reinigen musste. Aber das kann ein Zufallsbefund sein.

Der Kolumnist

Der Autor und Journalist Georg Etscheit lebt in München und engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Naturschutz. (Foto: Monika Höfler)

Besser, man hört auf die Experten. Gerade las ich in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit dem Autor Andreas Segerer, Oberkonservator an der Zoologischen Staatssammlung München, der ein Buch mit dem Titel "Das große Insektensterben" herausgebracht hat. Darin sagt er, dass die Dringlichkeit des Themas noch gar nicht erkannt worden sei. "Alle reden vom Klimawandel, aber das Insektensterben ist wesentlich brisanter."

Das ist eine brisante These! Ich warte jetzt auf Leserbriefe, die Herrn Segerer vorhalten, dass er da leichtfertigerweise eine Katastrophe gegen die andere ausspiele, dass der Klimawandel viel schlimmer oder zumindest gleich schlimm sei wie das Insektensterben und dass die Lebensmittelverschwendung und das Mikroplastik und natürlich das noch lange nicht besiegte Waldsterben auch nicht unterschätzt werden dürften und dass es ja so etwa gebe wie kumulative Effekte, dass also eins zum anderen komme, und dass ...

Hoffen wir auf die Kunterbunt-Koalition. Es kann ja nur besser werden.

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