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Bild: Anti-Klimaschutz-Propaganda verbreiten

Auch Bild feiert jetzt in einer großen "Zukunfts"-Beilage die neuen Elektroautos. Erst mal ist aber Bundestagswahl. Da kommt ein Gewerkschaftschef gerade recht, um auf dem Bild-Titel in den Mund gelegt zu bekommen: "Klimaschutz kostet Hunderttausende Jobs!"


Dass die Bild ein rückwärtsgewandtes Kampagnenblatt ist, wissen die Leserinnen und Leser des Klima-Lügendetektors schon lange, lange, lange, lange, lange, lange, lange. (Und zwei Kollegen vom Bildblog haben darüber gerade ein hervorragendes Buch geschrieben.)

Vor ein paar Tagen gab es wieder neues Anschauungsmaterial (siehe Ausriss).

Nein, wir meinen mit "rückwärtsgewandt" nicht die Zeile zu "Sex im Alter".

Sondern die Hauptschlagzeile. Um gegen Klimaschutz hetzen anschreiben zu können, macht die Redaktion hier eine Aussage des Vorsitzenden der IG Metall ganz groß auf.

Auf Seite 2 gibts das "Bild-Interview" mit Jörg Hofmann etwas ausführlicher:

IG-Metall-Chef klagt in Bild: Politik hat völlig den Kontakt zur Redalität verloren! 

Die Politik habe "völlig den Kontakt zur Realität verloren", kritisiert der Gewerkschaftsmann dort. Er nennt Pläne zu einer Anhebung des Renten-Eintrittsalters "Irrsinn". Und sagt: "Wer den Wählern ... jetzt Steuersenkungen verspricht, veräppelt sie."

Nun, dazu hätte man eigentlich auch knallige Schlagzeilen für die Titelseite texten können – aber klar, Bild schießt lieber gegen Klimaschutz als gegen CDU/CSU.

Woher kommt aber jetzt das Zitat mit den "Hunderttausenden Jobs"? Aus dieser Passage:

Jobkiller E-Auto ... Hofmanns Sorge: Es sind - Zitat - weit mehr als 100.000 Jobs in Gefahr. 

Fällt Ihnen etwas auf? Hofmann spricht von "weit mehr als 100.000 Jobs", die "in Gefahr" seien. Das ist ebenfalls eine hohe Zahl, aber die genügte Bild offenbar nicht für die dramatische Titelzeile.

Die basiert auf der im Text nachgeschobenen Zahl von 410.000 Jobs. Diese wiederum stammt aus einer Studie, die bereits anderthalb Jahre alt ist und einiges Aufsehen erregte.

Die Taz-Redakteurin Anja Krüger hatte sich das Papier damals genauer angeschaut. Ergebnis: Die Horrorzahl steht zwar tatsächlich dort, wird aber lediglich für ein Extremszenario mit den denkbar ungünstigsten Annahmen genannt. Es ist also sehr unrealistisch, dass sie jemals Wirklichkeit wird.

Selbst der VDA, der Lobbyverband der Autoindustrie, wies diese Panikmache damals auf Spiegel Online zurück:

Mit scharfer Kritik an diesen hohen Prognosen zu Jobverlusten äußerte der Verband der Automobilindustrie (VDA) - Zitat: Die Annahme, dass in den kommenden Jahren bis zu 410.000 Stellen wegfallen könnten, geht von einem unrealistischen Extremszenario aus, versichert VDA-Geschäftsführer Kurt-Christian Scheel. 

Stört Bild aber offenbar nicht. Denn für eine fette Portion Klimaschutz-Bashing wenige Tage vor der Bundestagswahl ist die Zahl natürlich prima.

Die Wahrheit ist natürlich eine andere. Jedenfalls viel differenzierter. Auch wenn in der Automobilbranche durch die Umstellung der Antriebstechnologie Jobs verloren gehen, entstehen woanders viele neue Arbeitsplätze.

Die Gesamtbilanz ist jedenfalls laut einer Studie der Stiftung Klimaneutralität deutlich positiv. Bis 2030 können demnach durch Klimaschutz rund 360.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Der Erscheinungstag dieser Bild-Schlagzeile war übrigens genau der Tag, an dem die wohl größte Studie zu Klimawandel und Gesundheit in Deutschland vorgelegt wird – erarbeitet von der Krankenkasse BKK-Nordwest gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und dem Helmholtz-Zentrum Hereon.

Bereits in den vergangenen zehn Jahren haben demnach Krankheiten, die durch die Erderhitzung begünstigt werden, deutlich zugenommen – etwa Hitzekollaps oder Hitzschlag, Heuschnupfen oder Lyme-Borreliose. Auf tagesschau.de lesen wir dazu:

Im Ergebnis ist die Zahl dieser klimasensiblen Erkrankungen im Untersuchungszeitraum drastisch angestiegen - teilweise um bis zu 50 Prozent. Hitzewellen etwa führen zu einer messbaren Zunahme an Krankenhaus-Einweisungen, insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern sowie Menschen über 75 Jahre. Zitat: Die Auswertung zeigt das Ausmaß und dass wir viel näher an den negativen Folgen des Klimawandels dran sind, als viele glauben, sagt Matthias Augustin vom Institut für Versorgungsforschung, der an der Studie beteiligt war. 

Genauso gut (nein, auf viel soliderer Faktengrundlage) hätte die Bild also auch titeln können:

Klima-Schutz rettet Hunderttausende Menschen! 

Hat sie aber natürlich nicht.

Das Irre ist – Bild weiß es eigentlich selbst besser. Just in derselben Ausgabe findet sich eine zwölfseitige Beilage namens "Zukunfts-Bild", in der es unter anderem um E-Autos geht. Auf einer opulenten halben Seite wird dort das neue Elektromodell von Volkswagen gefeiert – das sieht dann so aus:

VW baut Auto für morgen: Ein Babysitter auf vier Rädern. 

Ein Hinweis darauf findet sich sogar auf der Titelseite. Scrollen Sie noch mal zum Anfang dieses Textes – sehen Sie das kleine blaue Kästchen im ersten Ausriss, oben rechts?

Aber die allermeisten Leute werden natürlich nur die demagogische Anti-Klimaschutz-Schlagzeile sehen ...

Ergänzung am 25. September: Den Kollegen vom Bildblog ist noch etwas ganz anderes aufgefallen: Im vollständigen Interview mit Jörg Hofmann sagt der Gewerkschafter sogar das ziemliche Gegenteil von dem, was die Bild-Schlagzeile daraus macht: dass richtig gemachter Klimaschutz "ein Erfolgsmodell" sein kann.

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