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Aktive Mobilität, Vorschläge aus der Mottenkiste und echter "grüner" Wasserstoff

Kalenderwoche 45: Die Bundesregierung hat immer noch nicht verstanden, dass wir in punkto Mobilität radikal umdenken müssen, sagt Jens Mühlhaus, Vorstand beim Münchner Ökostrom-Anbieter Green City und Mitglied des Kuratoriums von Klimareporter°. Nicht der Wechsel der Antriebsart muss finanziert werden, sondern die Transformation der Mobilität – damit es weniger Autos auf den Straßen gibt.


Jens Mühlhaus. (Foto: Dominik Parzinger)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Kuratoriums erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Jens Mühlhaus, Vorstand beim unabhängigen Ökostrom-Anbieter Green City AG.

Klimareporter°: Herr Mühlhaus, die Bundeskanzlerin hatte für diese Woche mal wieder zum Autogipfel geladen. Das Ergebnis: eine erhöhte und erweiterte Kaufprämie für E-Autos. Bringt das die E-Mobilität sinnvoll voran?

Jens Mühlhaus: Wenn der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer gleich nach dem Gipfel die Kaufprämie als "Subventionsgedöns" bezeichnet, sagt das doch eigentlich alles, oder?

Die bisherige Prämie hat ja auch nicht wirklich etwas gebracht. Wir erinnern uns: die eine Million E-Autos, die laut Bundesregierung ja eigentlich schon bis zum nächsten Jahr auf unseren Straßen sein sollten.

Ich glaube, dass die Idee schon vom Ansatz her komplett falsch ist. Wir müssen nicht mit monetären Anreizen mehr Autos auf die Straße bringen – egal, ob Elektro, Hybrid oder Verbrenner, sondern deutlich weniger. Wie sollen wir sonst bitte aus dem Verkehrskollaps rauskommen? Die Bundesregierung hat leider immer noch nicht verstanden, dass wir in puncto Mobilität radikal umdenken müssen.

Was wir als Basis für neue Mobilitätssysteme brauchen, ist meiner Meinung nach die Aktive Mobilität, also der Fuß- und Radverkehr, kombiniert mit einem sehr gut ausgebauten öffentlichen Verkehr und Sharing-Angeboten. Und mittel- und langfristig sollte eine gute Planungspolitik in den Städten und auf dem Land dafür sorgen, dass die Wege wieder kürzer werden und das für alle Seiten lästige Pendeln entfallen kann.

Was wir also nicht brauchen, sind Investitionen und Subventionen für mehr oder andere Autos. Wir brauchen ein nationales Investitionsprogramm für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, dazu Subventionen für die Erreichbarkeit der ländlichen Räume und für neue Mobilitätsangebote. Die Transformation der Mobilität muss finanziert werden, nicht der Wechsel der Antriebsart der Autos.

Wie Mobilität ohne Auto funktionieren kann, zeigt gerade die Stadt Augsburg. Dort testet man jetzt die bundesweit erste Flatrate für den Nahverkehr. Heißt im Klartext: Ein Ticket für Bus, Bahn, eigenes Carsharing und Leihfahrrad. Das ist für mich zukunftsweisend, das sollte subventioniert werden und genau da müssen wir meiner Meinung deutschlandweit hin.

"Grüner Wasserstoff ist das Erdöl von morgen", sagte Staatssekretär Michael Meister aus dem Forschungsministerium auf der Wasserstoff-Konferenz diese Woche in Berlin. Hat er recht?

Auf einer Pressekonferenz klingt so etwas natürlich super. Das ist eine knackige Überschrift, das macht Hoffnung. Ganz so ist es aber dann doch nicht.

Was dort ein bisschen wie ein Novum präsentiert wurde, ist doch eigentlich ein alter Hut. Das erste Förderprogramm für Wasserstofftechnologien gab es bereits vor mehr als einem Jahrzehnt. Und jetzt, wo in es Sachen Klimapolitik hakt, holt man den Wasserstoff quasi aus der Mottenkiste hervor und plant gleich eine "nationale Wasserstoffstrategie".

Verstehen Sie mich nicht falsch, Wasserstoff kann ein Baustein bei der Energiewende sein. Aber auch nur, wenn es sich um echten "grünen" Wasserstoff handelt, der mit erneuerbaren Energien erzeugt wird. Und genau da sehe ich das Problem.

Mir fällt es ehrlich gesagt sehr schwer, daran zu glauben, dass es bei uns jetzt auf einmal einen rasanten Ausbau von grüner Wasserstofferzeugung geben soll. Und wie umweltfreundlich der Vorschlag des Entwicklungsministers ist, mit einer "Energiepartnerschaft" grünes Gas aus Afrika oder gar aus Australien zu importieren, das kann jeder für sich selbst beantworten.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die Warnung der 11.000 Wissenschaftler hat mich definitiv bewegt. Und zwar nicht in erster Linie, weil sie etwas Neues verkündet haben. Denn dass die bisherigen internationalen Klimaschutzpläne nicht ausreichen, ist ja hinlänglich bekannt.

Sondern weil zum ersten Mal eine Gruppe von Menschen, die sonst stets rational und analytisch auftreten, einen wirklich lauten Appell in die Welt gerufen hat. Hier sind auf einmal Tausende angesehene Wissenschaftler, die uns knallhart zurufen: Tut endlich was!

Wir haben das zum Anlass genommen, uns bei Green City selbst einmal die Gretchenfrage zu stellen: Reicht das, was wir als Unternehmen gerade tun?

Und die ehrliche Antwort ist: Nein, es reicht noch nicht. Darum werden wir unsere Anstrengungen in den kommenden Jahren noch einmal erhöhen – und so hoffentlich mit dazu beitragen, den weltweiten Klimanotstand doch noch abzuwenden.

Fragen: Susanne Schwarz

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