Der technische Auto-Traum ist an der Grenze

Die Angst vor dem Elefanten im Raum: Die Bundesregierung gönnt sich eine neue Mobilitätsforschung, vergisst aber, die entscheidende Frage zu stellen. Wie wird Mobilität in der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft künftig möglich ohne das Auto?


Ein ausgestopfter Elefant steht in einer großen Museumshalle.
"Der Elefant im Raum": Ein großes und für alle offensichtliches Problem, über das aber niemand spricht. (Foto: Nimish Gogri/​Flickr)

Der Bundestag debattiert am heutigen Donnerstag über die Mobilitätsforschung und wird ein umfangreiches Programm unterschiedlicher Förderlinien verabschieden.

Gut so, möchte man sagen. Angesichts des Umstands, dass der Verkehr für rund 40 Prozent der Treibhausgase verantwortlich ist, scheint das ein wirklich sinnvolles Anliegen zu sein.

Die Mobilitätsforschung, die über den Tellerrand schauen und neue Wege eröffnen sollte, hatte viele Jahrzehnte im dafür eigentlich zuständigen Bundesforschungsministerium eine Heimat. Hier gab es Förderprogramme und auch wissenschaftliche Institute, die sich mit der Verkehrswelt von morgen beschäftigten.

Als ein gewisser Edmund Stoiber 2005 als "Superminister" von München nach Berlin gelockt werden sollte, entschied man, die Mobilitätsforschung vom Forschungs- ins Wirtschaftsministerium zu verlagern. Allerdings konnten zukunftsweisende Forschungsansätze in einem sehr pragmatisch orientierten Ministerium nicht wirklich gedeihen und stagnierten.

Es gab keinen ministerialen Ort mehr für die großen Entwürfe von morgen. Das kann sich jetzt ändern. Das Thema Mobilitätsforschung soll wieder stärker auf der Top-Agenda der Politik platziert werden.

Das Auto war der Kern des Traums vom guten Leben

Allerdings denken die Parteien der großen Koalition dabei vor allen Dingen an die Förderung von neuen Technologien: Wasserstoff und Brennstoffzelle, Elektromobilität, autonomes Fahren und Drohnen stehen hoch im Kurs. Das Problem: Das gab es tatsächlich immer schon in den unterschiedlichen Förderprogrammen des Verkehrs-, Wirtschafts-, Umwelt- und Forschungsministerium.

Für ein Hochtechnologieland wie Deutschland ist das eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit. Warum unterzieht sich der Bundestag also noch der Mühe, das Ganze nochmals zusammenzufassen und zu beschließen? Man möchte offenbar ein Zeichen setzen: Wir sind modern, wir setzen auf Forschung und Entwicklung.

Andreas Knie
Foto: Innoz

Andreas Knie

Der Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung lehrt an der TU Berlin und leitet die Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin. Seit 2018 ist er wissenschaftlicher Chefberater des Nürnberger Mobilitätsanbieters Choice. Er ist Mitglied im Klimareporter°-Herausgeberrat.

Dabei wird deutlich, dass etwas fehlt. Die Kernfrage der Zukunft wird nicht bearbeitet: Das Auto hat uns in Deutschland wie in vielen anderen Nationen nachhaltig geprägt, das Auto ist Symbol und Treiber für individuelle Freiheit und Wohlstand zugleich.

Moderne Gesellschaften mit ihren raumgreifenden Lebens- und Arbeitsformen wären ohne Autos nicht entstanden, die fahrzeugfertigenden Industrien sind zu mächtigen Industrieverbünden geworden. Das Auto war der technische Kern des Traums vom guten Leben.

Doch jetzt kommt dieses Modell an seine Grenzen. Der Ressourcenbedarf ist zu groß, die Okkupation des öffentlichen Raumes zu dominant, die Pendlerwege eine zu große Belastung und in den großen Städten kann eine Zwei-Tonnen-Karosse – als private Mobilitätsreserve auf öffentlichem Grund vor der privaten Tür abgestellt – die Ansprüche an komplexe Beweglichkeit nicht mehr erfüllen.

Allerdings ist vom Tiefbauamt über die Straßen- und Bauordnung bis zum Steuerrecht in der gründlichen deutschen Regulierungswelt alles auf die Popularisierung des Autos abgestellt. Selbst die Organisation des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs war und ist eine Art "Resteverwertung". Alles ist rund um das Auto gebaut und wird betrieben für die Menschen, die nicht Auto fahren können.

Forschung beginnt mit den richtigen Fragen

Eine Alternative zur Autogesellschaft sind Busse und Bahnen sicherlich nicht. Und da helfen leider auch keine Förderprogramme für Elektromobilität, für wasserstoffbetriebene Brennstoffzellen oder gar für Drohnen.

Forschung soll ja eigentlich die Horizonte weiter stecken, die Machbarkeitsgrenzen verschieben. Dem Mobilitätsprogramm der Bundesregierung droht die Gefahr, die Pfadabhängigkeit aber eher zu vergrößern.

Wir kennen das schon: Wir fördern die effizientere Dampfmaschine, das schnellere Pferd, den besseren Stummfilm, die leisere Schreibmaschine und den kontraststarken Schwarzweißfernseher.

Tacheles!

In unserer Kolumne "Tacheles!" kommentieren Mitglieder unseres Herausgeberrats in loser Folge aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen.

Forschung beginnt aber damit, die richtigen Fragen zu stellen. Wenn das Auto die Demokratie und den wirtschaftlichen Wohlstand maßgeblich vorangetrieben hat, aber jetzt dieses technische Gerät in seiner massenhaften Ausprägung nicht mehr funktioniert, weil die ökologische und soziale Belastbarkeitsgrenze überschritten sind, ist also die Frage zu lösen: Kann man das Auto aus der modernen Gesellschaft entfernen, ohne die freiheitlich-demokratischen Grundrechte der Wohlstandgesellschaft zu gefährden?

Das neue Mobilitäts-Forschungsprogramm müsste daher weniger auf technische Lösungssuche ausgerichtet sein, sondern endlich auf den Elefanten im Raum – den Gegenstand, um den sich alles dreht, den sich aber keiner wirklich traut anzusprechen.

Und das ist schlicht die Frage: Was kommt nach dem Auto? Wenn sich die Bundesregierung im Regierungsalltag nicht traut, diese Frage zu stellen, in der Forschung könnte man es tun. Hier muss man es tun.

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