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"E-Autos allein sind keine Lösung"

Zum Auftakt der Automesse IAA lobt Kanzlerin Merkel die Fortschritte der Autoindustrie bei der Elektromobilität. Eine Gruppe renommierter Verkehrsexperten warnt jedoch: Für die nötige Verkehrswende reicht das nicht. Fehlgeleitete Konzepte für E-Autos könnten sogar negative Folgen für die Umwelt haben.


Kanzlerin Merkel vor einer Werbewand der IAA
Merkel eröffnet die IAA 2019. Anders als beim letzten Mal übt sie keine Kritik an den Autobauern, sondern zeigt viel Verständnis für den "Umbruch", den Industrie und Arbeitnehmer stemmen müssten. (Foto: Screenshot/IAA)

Elektroautos, autonomes Fahren, Digitalisierung des Verkehrs – das sind die Konzepte, mit denen die Mobilität nach den Vorstellungen der Bundesregierung und der Autoindustrie klima- und umweltfreundlich gemacht werden soll.

Eine Gruppe renommierter Verkehrsexperten warnt nun jedoch, dass damit allein die nötige Verkehrswende nicht zu erreichen sei. Fehlgeleitete Konzepte für E-Autos könnten sogar negative Folgen für die Umwelt haben, so die Professoren.

So würden zum Beispiel die wachsenden Größen, Gewichte und Beschleunigungsvermögen dieser Fahrzeuge zumindest lokal zu mehr Schadstoffen durch steigenden Reifen- und Fahrbahnabrieb führen, wenn die Pkw-Dichte nicht gleichzeitig heruntergefahren wird.

Die Wissenschaftler gehen mit der offiziellen Verkehrspolitik hart ins Gericht. "Es dominiert die sektorale Sicht und die Durchsetzung von Einzelinteressen, das heißt von Lobbys", schreiben sie in einem Positionspapier zur Verkehrswende. Nicht erst mit den Fridays-for-Future-Demonstrationen sei deutlich geworden, dass eine "grundsätzliche Umgestaltung der Verkehrssysteme" auf allen Ebenen notwendig sei – von den Städten bis zum internationalen Verkehr.

Die Experten erinnern daran, dass der Mobilitätssektor in Deutschland weit davon entfernt ist, seinen Beitrag zu den Zielen des Pariser Weltklimaabkommens zu leisten. Ebenso seien die verkehrsbedingten Belastungen durch Schadstoffe, Lärm und Flächenbeanspruchung in Groß-, Mittel- und Kleinstädten weiterhin deutlich zu hoch.

In der Expertengruppe haben sich 13 emeritierte Verkehrsprofessoren aus Deutschland und Österreich zusammengeschlossen. Sie treffen sich einmal jährlich zum Erfahrungsaustausch.

CO2-Ausstoß verteuern, Verkehr vermeiden, Erneuerbare ausbauen

Statt "gehypter" Scheinlösungen wie der Umstellung der kompletten heutigen Autoflotte auf E-Mobilität fordern die Experten, die Verkehrswende in der ganzen Breite anzugehen.

Sie fordern unter anderem, fiskalische Anreize, die nicht nur technische Innovationen, sondern auch Verhaltensänderungen bei den Bürgern auslösen würden – darunter eine "angemessene CO2-Bepreisung" des Sprits, eine Anpassung von Parkgebühren und die Einführung einer Maut auf Stadtstraßen, die sich an der jeweiligen Schadstoffbelastung vor Ort orientiert.

Für ärmere Haushalte, die sonst zu stark belastet würden, soll es finanzielle Ausgleichsmaßnahmen geben – etwa über einen "Klima- oder Mobilitätsbonus".

Für wichtig halten die Experten es auch, die Raum- und Stadtplanung so zu verändern, dass zukünftig weniger Verkehr entsteht und unter anderem ein Umsteigen vom Auto auf Busse, Bahnen, Fahrrad und Zu-Fuß-Gehen erleichtert wird.

Als Problem bei einer forcierten Umstellung auf E-Mobilität sehen die Verkehrsforscher die begrenzte Verfügbarkeit von Ökostrom. "Derzeit und mittelfristig" fehle regenerativer Strom insgesamt, zudem bestünden Kapazitätsengpässe in den Verteilnetzen.

Der Kasseler Professor Helmut Holzapfel, einer der Unterzeichner des Papiers, sagt: "E-Autos, die nicht mit Ökostrom betrieben werden, sind eine Mogelpackung."

Die Bundesregierung müsse den Hochlauf der Elektro-Flotte mit höheren Ausbauzielen für die Grünstrom-Produktion koppeln, andernfalls führe das massenhafte "Strom-Tanken" zu einem höheren CO2-Ausstoß, weil dann Kohle- und Gaskraftwerke die Lücke füllen müssten.

Der Ökostrom-Anteil im Netz betrug im ersten Halbjahr dieses Jahres 44 Prozent. Der weitere Zubau von Wind- und Solaranlagen liegt jedoch deutlich unter Plan.

Wie das Ziel der Bundesregierung für 2030 – 65 Prozent Öko-Anteil – erreicht werden soll, ist völlig offen. Wächst die E-Auto-Flotte bis dahin deutlich, braucht es entsprechend mehr Wind- und Solaranlagen, um die 65 Prozent zu erreichen.

Priorität für Bahn-, Bus- und Radverkehr

Den Menschen, so die Professoren, müsse das Umsteigen auf umweltfreundliche Verkehrsmittel erleichtert werden. "Die Bundesregierung muss die Steilvorlage nutzen, die ihr die Fridays-for-Future-Bewegung bietet. Immer mehr Menschen sind bereit, sich umweltfreundlich zu verhalten", so Holzapfel.

Dazu müssten aber auch die Rahmenbedingungen entsprechend verändert werden. Deutlich höhere Investitionen in Busse, Bahnen und Fahrrad-Infrastruktur seien dringend.

Klaus Beckmann, Professor für Stadtbauwesen, ehemaliger Chef des Deutschen Instituts für Urbanistik und Mitautor der Erklärung, mahnt: "Es sollte uns allen klar sein: Keine Entscheidungen für ein wirksames Maßnahmenprogramm zur Erreichung der Klimaziele zu fällen, ist auch eine weittragende Entscheidung – nämlich, die Ziele nicht zu erreichen."

In diesem Sinn sei die Verkehrswende kein modisches Schlagwort, sondern "eine wissenschaftlich fundierte Notwendigkeit, um die Zukunft des Verkehrs in einer nachhaltigen Form zu ermöglichen".

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