Mit dem, äh, Flugtaxi

Die Münchner CSU hat einen Vorschlag gemacht, wie man das Leben in der bayerischen Landeshauptstadt nachhaltig verbessern kann. Beim Neubau des Hauptbahnhofs in München soll auch ein Landeplatz für Flugtaxis gebaut werden. Bei der Einweihung könnte Edmund Stoiber die Festrede halten.


Eine Mischung aus Flugdrohne und Hubschrauber steht in einer Ausstellung.
Mit diesem Flugobjekt könnten die Münchner schnell zum Flughafen gelangen: "Ehang 184", die erste elektrische Passagierdrohne, wurde im südchinesischen Guangzhou entwickelt. (Foto: Alex Butterfield/​Wikimedia Commons)

Die Münchner elektrisiert derzeit ein Thema wie kein anderes. Seit nämlich die Rathaus-CSU, die mit der SPD in einer großen Koalition fast ähnlich unglücklich verbandelt ist wie Merkel, Seehofer und Nahles in Berlin, endlich einmal einen wirklich seriösen und zukunftsträchtigen Vorschlag gemacht hat, wie man das Leben in der ohnehin von Glück und Wohlstand gesegneten bayerischen Landeshauptstadt nachhaltig verbessern kann. Wenn das noch möglich ist – wurde doch München gerade wieder einmal zu einer der lebenswertesten Städte der Welt gekürt.

Jetzt aber raus damit: Die CSU hatte Anfang Juli in einem knapp gehaltenen Antrag an das Stadtparlament gefordert, beim Umbau des Münchner Hauptbahnhofes eine Plattform für Lufttaxis einzuplanen. "Die Deutsche Bahn wird gebeten, beim Neubau des Münchner Hauptbahnhofs dafür zu sorgen, dass eine geeignete Fläche so gestaltet wird, damit darauf Flugtaxis starten und landen können", heißt es in dem vom Fraktionsvorstand unterzeichneten Papier. "Es ist zu erwarten, dass in wenigen Jahren die Technik so ausgereift ist, dass Flugtaxis für den Personentransport eingesetzt werden können. Es bietet sich an, dass bei der Neugestaltung des Hauptbahnhofes dieses moderne Beförderungsmittel bereits eingeplant und eine geeignete Fläche vorbereitet wird."

Der Flugtaxi-Hype verdichtet sich

Volltreffer, zumindest PR-mäßig! Anderntags prangte die Idee auf allen Titelseiten der Lokalmedien und auch Tage nach dem Coup ist der Hype noch nicht abgeebbt. Als vor ein paar Jahren die ersten Berichte über die Entwicklung elektrisch betriebener, führerloser Multikopter für den Personentransport auf den Wirtschafts- und Wissenschaftsseiten auftauchten, konnte man das Ganze noch für die etwas durchgeknallten Ideen windiger Startup-Gründer halten, die mit spektakulären Storys Geld bei Investoren einzusammeln gedachten.

Doch nach geschätzt einer Million euphorischer Geschichten über Volocopter, Lilium und Co scheint sich der Flugtaxi-Hype zu greifbarer Realität zu verdichten. Schon in wenigen Jahren könne es so weit sein, heißt es, dass vorzugsweise erst einmal in Dubai oder – natürlich – in China, wo man ja auch dem hierzulande abgewrackten Transrapid zu neuen Ehren verholfen hat, autogroße Drohnen mit schwenkbaren Minipropellern zu Hunderten und Tausenden in der Luft herumschwirren, um Geschäftsleute, dem Verkehrschaos am Boden enthoben, zu ihren Terminen zu fliegen.

Kein Radlerkrieg mehr, keine Parkplatzsuche, keine Knöllchen

In schweren Zeiten wie diesen sind solche Berichte ein echter Hoffnungsschimmer. Kein Radlerkrieg mehr auf den Straßen, keine Staus, keine Parkplatzsuche, keine Knöllchen von zickigen Politessen, keine explodierenden Hoverboards, kein Gedränge in überfüllten Metros, keine nach Unwettern liegengebliebenen S-Bahnen, kein Schwitzen oder Frieren mehr in ICEs mit ausgefallener Klimaanlage, kein ... gar nichts.

Ja, die Zukunft kann so schön sein, trotz Asylkrise, Dieselgate, Klimawandel und Insektensterben. Endlich erhebt sich das Auto, das vom Symbol von Freiheit und Unabhängigkeit zur Menschheitsgeißel schlechthin geworden ist, in die Lüfte, angetrieben von sauberem Ökostrom und leise schnurrend wie die flüsterleisen Laubbläser der jüngsten Generation.

Der Kolumnist

Der Autor und Journalist Georg Etscheit aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Naturschutz. (Foto: Monika Höfler)

Hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in seiner ersten Regierungserklärung nicht selbst gesagt, er werde den Freistaat "zu einer führenden Pilot- und Produktionsregion für individuellen Flugverkehr wie etwa Flugtaxis machen?" Das war einer der absoluten Knaller dieser Epoche machenden Rede, neben der "Bayerischen Kavallerie" und der "europaweit ersten Referenzstrecke für ein Hyperloop-System" zur unterirdischen Beförderung von Mensch und Material mittels Druckluft oder wanderndem Magnetfeld – "solargetrieben und ohne Lärmbelästigung", wie Söder betonte.

Schade, dass ein paar Nihilisten und Defätisten schon wieder anfangen zu meckern und wissen wollen, wie umweltfreundlich die Flugtaxis wirklich seien und ob es nicht gefährlich werden könne, wenn solche führerlosen Maschinen einmal rudelweise über unsere Köpfe hinwegbrettern würden. Und sie wollen wissen, ob die Drohnen wirklich keinen Lärm machen und ob die Menschen es hinnehmen würden, wenn einmal der Luftraum in den Städten und Ballungsräumen von solcherart Fluggerät bevölkert sein könnte.

Die Festrede könnte Edmund Stoiber halten

Papperlapapp! Wer Zukunft will, muss bereit sein, Risiken in Kauf zu nehmen. Und zum Lärm: Ein Redakteur, der sich im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung sehr kenntnisreich mit Für- und Wider von Flugtaxis auseinandersetzte, schrieb zutreffend, dass es bei der Einführung jeder neuen Technologie Skeptiker und Schwarzmaler gegeben habe. Und dann seien sie doch gekommen, die Autos und Handys, millionenweise. Zum Segen der Menschheit, wie ich hinzufügen möchte.

Also sollten wir uns schon mal freuen, wenn in Bayern bald die weltweit erste Flugtaxi-Verbindung vom Münchner Flughafen zum Münchner Hauptbahnhof eingeweiht wird. Vielleicht lebt dann ja Edmund Stoiber noch und könnte die Festrede halten.

Textvorschlag: "Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München mit zehn Minuten, ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen am ... am Hauptbahnhof in München starten Sie ihren Flug. Zehn Minuten, schauen Sie sich mal die großen Flughäfen an, wenn Sie in Heathrow in London oder sonstwo, meine sehr, äh, Charles de Gaulle in Frankreich oder in, äh, in, äh ... in Rom.

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Wenn Sie sich mal die Entfernungen ansehen, wenn Sie Frankfurt sich ansehen, dann werden Sie feststellen, dass zehn Minuten Sie jederzeit locker in Frankfurt brauchen, um ihr Gate zu finden. Wenn Sie vom Flug, äh, vom Hauptbahnhof starten, Sie steigen in den Hauptbahnhof ein. Sie fliegen mit dem Flugtaxi in zehn Minuten an den Flughafen in ... an den Flughafen Franz-Josef Strauß."

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