Mein Schwager Klaus und das Neun‑Euro‑Ticket

Beim Neun-Euro-Ticket weiß man nicht: Soll man weinen oder lachen? Ist es nur ein Strohfeuer oder kann es die Branche der öffentlichen Verkehrsunternehmen in eine neue Umlaufbahn schießen? Die Betreiber von Bussen und Bahnen brauchen jedenfalls dringend eine Offensive.


Einige Passagiere auf einem Bahnsteig im Kölner Hauptbahnhof, an dem ein Regionalzug hält.
In diesem Sommer wird im Regionalverkehr bestimmt mehr los sein. (Foto: Michael Gaida/​Pixabay)

Mein Schwager Klaus freut sich schon seit Wochen. Für neun Euro durch ganz Deutschland, und das für drei Monate.

Klaus hat ein Auto und fährt damit auch die ganze Zeit. Zur Arbeit und auch in der Freizeit.

Aber mein Schwager ist ein Schnäppchenjäger. Als die Deutsche Bahn AG vor vielen Jahren die günstigen Lidl- und Aldi-Tickets verkaufte, stand er ganz vorne in der Schlange. Es reizt ihn, etwas zu haben, das es nur für ganz kurze Zeit supergünstig gibt.

Er ist seit Tagen mit der Reiseplanung beschäftigt. Inzwischen ist er sogar Experte in den unterschiedlichen Zuggattungen und kann sofort einen Regio von einem IC oder ICE unterscheiden.

Er hat sich vorgenommen, in den drei Monaten Deutschland einmal von West nach Ost und von Nord nach Süd zu befahren. Es geht nicht direkt und nicht ganz lückenlos, aber es geht. Klaus hat extra Urlaub genommen, aber eigentlich kann er nur an Wochenenden. Sylt will er auslassen, es gibt ja noch andere Ziele.

Auf meine Frage, ob er denn auch für seine Alltagsfahrten während dieser Zeit die Bahn nutzen will, ist seine Antwort klar und eindeutig: Nein! Das gehe doch gar nicht.

Gut eingerichtet – mit dem Auto

Die Familie wohnt in einem der für Deutschland so typischen Einfamilienhäuser, natürlich im Grünen, aber nicht weit weg von der Stadt.

Sie hat sich gut eingerichtet. Die Arbeitsstellen der Eltern, die Schule der Kinder, der Tennisplatz, die Einkaufshalle, alles ist wunderbar erreichbar – aber natürlich nur mit dem Auto. Die Familie verfügt – jetzt, wo der Große auch den Führerschein hat – mittlerweile über drei Autos im Haushalt.

Das ist auch deshalb gut, weil sich Klaus dann immer zum Bahnhof chauffieren lassen kann. Klaus hatte mal für einige Monate wegen permanenter Übertretung der Höchstgeschwindigkeiten den Lappen weg und musste sich von seiner Frau zum Bahnhof bringen und wieder abholen lassen.

Er kennt den Alltag mit Bussen und Bahnen und möchte das nicht noch mal erleben. Sein Leben funktioniert nur mit Auto. Aber in der Freizeit mal was ganz Verrücktes tun, das möchte er schon.

Das Neun-Euro-Ticket ist maßgeschneidert für meinen Schwager. Er wird auch nicht alleine sein, das weiß er, aber in der Freizeit ist er locker und tolerant, Hauptsache er kommt dort an, wo er es geplant hat, und das zu einem Preis, den es so wahrscheinlich nie wieder geben wird.

Er wird sein Alltagsverhalten nicht ändern, weil sein Leben vollkommen um das Auto herum gebaut ist. Mein Schwager Klaus steigt jedenfalls nicht vom Auto auf die Bahn um.

Einfache Formel

Meine Familie ist groß, meine Nichte Silvia wohnt in der Stadt. Sie hat auch ein Auto und nutzt es seit der Pandemie auch wieder öfter, aber eigentlich ist das Fahrrad ihr Hauptverkehrsmittel.

Ihr Abo beim Verkehrsunternehmen hat sie auslaufen lassen, weil sie nicht mehr jeden Tag ins Büro geht und sich daher kein neues Abo lohnt. Sie ist jetzt deutlich weniger mit dem Bus unterwegs.

Porträtaufnahme von  Andreas Knie.
Foto: David Außerhofer

Andreas Knie

Der Sozial­wissen­schaftler mit den Schwer­punkten Wissen­schafts­forschung, Technik­forschung und Mobilitäts­forschung lehrt an der TU Berlin und leitet die Forschungs­gruppe Digitale Mobilität am Wissen­schafts­zentrum Berlin. Andreas Knie ist Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°.

Während mein Schwager Klaus euphorisch plant, ist Silvias Meinung zum Neun-Euro-Ticket zurückhaltend. Sie wird sich das Ticket kaufen, aber sie wird ihr Verhalten überhaupt nicht ändern und auch nicht häufiger mit dem Bus fahren. Sie wartet auf ein neues, hoffentlich flexibleres Angebot ihres Verkehrsunternehmens.

Was ihr aber gefällt, ist die einfache Formel "Neun Euro für 90 Tage" und vor allen Dingen überall in Deutschland. Silvias beste Freundin wohnt in Hamburg, da will sie demnächst hin und gemeinsam wollen sie für neun Euro ins Alte Land fahren.

Aber dummerweise ist der Fernverkehr ja ausgeschlossen. Vermutlich wird sie also mit dem Auto nach Hamburg fahren und noch zwei Menschen über die Mitfahrzentrale mitnehmen.

Mit viel Likör

Wenn man sich die Welt schön saufen könnte, dann ist das Neun-Euro-Ticket eine gute Sache. Es motiviert Menschen, die Bahnen zu nutzen, die das vorher nur selten gemacht haben.

Und es wird vermutlich der Idee eines einfachen, einheitlichen Preises neue Fans bescheren. Warum braucht es komplizierte und regional so unterschiedliche Tarife? Bei ausreichendem Willen ginge es einfacher. Das wäre mal ein Anfang.

Das Neun-Euro-Ticket könnte helfen, die Tür aus den dunklen Kellern des öffentlichen Personenverkehrs in das helle Licht der Zukunft der Verkehrswende aufzustoßen. Einfacher und einheitlicher Tarif, immer und überall für alle – und am besten einfach digital.

Was wäre das für eine Welt, in der alle Zug- und Busgattungen, alles was verfügbar ist, immer und überall für monatlich neun Euro bundesweit zu haben wären?

Vielleicht – und mit viel Likör – wird das Neun-Euro-Ticket bei den Menschen das Verlangen nach einem solchen Angebot verstärken und sie laut rufen lassen: Warum kann das nicht immer so sein?

Aber am Ende des Tages werden die jetzigen Verkehrsunternehmen auf die operativen Begrenzungen hinweisen und die Schwierigkeiten benennen können, warum das alles nicht so einfach geht.

Eine Branche, die gar nicht will

Es gilt bei dieser Gelegenheit daran zu erinnern: Nicht die Branche selbst hat sich das Neun-Euro-Ticket ausgedacht, es war die Politik, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einen Akzent gegen die einseitige Entlastung der Autofahrenden setzen wollte. Es war dann die Branche, die auf die Probleme und die eigene Unzulänglichkeit verwiesen hat.

Eine Ausweitung der Idee des Neun-Euro-Tickets auf das Alltagsangebot hat die Branche "aus internen Gründen" nicht geschafft und nicht schaffen wollen, selbst dort nicht, wo – wie in Berlin – die Länder dies unterstützen.

Und hier liegt auch das eigentliche Problem vergraben und zur Lösung hilft dann auch kein Schnaps mehr: Die Branche selbst hat kein Interesse an mehr Kunden. Die Branche hat auch überhaupt kein Interesse, einen wirkungsvollen Beitrag zur Verkehrswende zu liefern.

Tacheles!

In unserer Kolumne "Tacheles!" kommentieren Mitglieder unseres Herausgeberrats in loser Folge aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen.

Es sind in der überwiegenden Mehrzahl autofahrende Männer, die öffentliche Verkehre über die örtlichen Aufgabenträger "bestellen", mit Geld, das ihnen nicht gehört, und damit Angebote definieren, die keiner versteht, was aber auch keinem auffällt, weil es bis auf die Menschen, die keine Alternative haben, auch von keinem genutzt wird.

Am Ende des Tages hat es vielleicht dann doch etwas Gutes, dass mit dem Neun-Euro-Angebot die Branche einmal völlig durcheinandergewirbelt wird. So bleibt zu hoffen, dass sich vielleicht doch was ändert, weil Kunden plötzlich merken, dass es auch anders gehen könnte. Vielleicht ist auch mein Schwager Klaus darunter.

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