Riesiger Fangarm fischt jetzt Plastik aus dem Meer

In den Ozeanen treibt noch viel mehr Plastikmüll als bislang angenommen. Nun hat der Niederländer Boyan Slat im Pazifik eine gigantische Aufräumaktion gestartet. Mit einem 600 Meter langen Konstrukt wird der Müll gewissermaßen eingekesselt. Wie viel das bringt, ist offen.


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In nur fünf Jahren will der erst 24-jährige Niederländer Boyan Slat mit seinem "Ocean Cleanup"-System den "Great Pacific Garbage Patch" zur Hälfte beseitigt haben. (Foto: The Ocean Cleanup)

Im Pazifischen Ozean, zwischen Hawaii und der Westküste der USA, wurde vor 20 Jahren ein "achter Kontinent" entdeckt. Er besteht nicht aus Landmasse, sondern einzig und allein aus Plastikmüll.

"Great Pacific Garbage Patch" (GPGP) wird der Plastik-Kontinent genannt, Großer Pazifischer Müllstrudel. Mit 1,6 Millionen Quadratkilometern Fläche ist er mehr als viermal so groß wie Deutschland – und damit der größte von insgesamt fünf Plastikmüll-Strudeln in den Weltmeeren, in denen sich ein Teil der Millionen Tonnen an Kunststoffteilen sammelt, die Jahr für Jahr in die Ozeane gelangen.

Am vergangenen Wochenende startete nun eine einzigartige Reinigungsaktion: Von der San Francisco Bay aus ist ein Schiff mit dem sogenannten System 001 in Richtung Great Pacific Garbage Patch unterwegs, der sich rund 300 Seemeilen vom Festland entfernt befindet. An dem Schiff hängt ein neues Konstrukt, mit dem in großem Stil Plastik aus dem Meer gefischt werden soll.

System 001 besteht aus einem rund 600 Meter langen, U-förmigen Schwimmkörper, an dem ein Vorhang aufgehängt ist, der drei Meter ins Wasser reicht. Die Strömung soll den Plastikmüll in das Gebilde hineintreiben, der dann vom Schiff eingesammelt und abtransportiert wird.

Die Grundidee ist also recht einfach – es ist trotzdem der erste Versuch dieser Art und gleich in riesiger Dimension. Im Lauf der Woche sollen zunächst Testläufe auf See durchgeführt werden. Falls alles wie geplant funktioniert, steuert das Schiff seinen endgültigen Zielort an und das "Cleanup" kann beginnen.

Die Aktion ist Teil des Projekts "The Ocean Cleanup", das 2012 von dem damals 17-jährigen Niederländer Boyan Slat ins Leben gerufen wurde. Jetzt als 24-Jähriger studiert er Luft- und Raumfahrttechnik – und hat den riesigen Fangarm zusammen mit seiner Crew selbst entwickelt.

Die Initiative hat sich viel vorgenommen: Eine im Frühjahr im Fachmagazin Scientific Reports erschienene Studie, an der auch Slats "Ocean Cleanup Foundation" beteiligt war, schätzt die Zahl der Plastikmüllteile im Great Pacific Garbage Patch auf 1,8 Billionen. Das ist deutlich mehr als zuvor angenommen – und mit steigender Tendenz. Insgesamt gehen die Wissenschaftler von mindestens 80.000 Tonnen Plastikmüll in dem Strudel aus.

Zerfallendes Plastik gibt auch Treibhausgase ab

Zu System 001 sollen sich künftig noch Dutzende weitere dieser Systeme gesellen. In fünf Jahren, so das Ziel, soll so die Hälfte des Plastikmülls im GPGP beseitigt werden. Bis 2050 könne der Ozean "plastikfrei" sein, heißt es bei The Ocean Cleanup.

Würde dies tatsächlich gelingen, wäre es nicht nur für das Meer ein Segen. Neben der extremen Vermüllung durch Plastikabfall sind die Weltmeere auch stark verschmutzt und überfischt, sie heizen sich auf und versauern.

In San Francisco startet die Plastikmüll-Sammelaktion des Niederländers Boyan Slat im Pazifik
Beginn der Ocean-Cleanup-Aktion des Niederländers Boyan Slat am vergangenen Wochenende in San Francisco: Das Schiff zieht eine 600 Meter lange schwimmende Barriere hinter sich her, mit der Plastikteile aus dem Meer eingefangen werden sollen. (Foto: Benjamin Von Wong/​The Ocean Cleanup)

Zugleich verstärken sich diese Prozesse gegenseitig. Weniger Plastik in den Ozeanen wäre ein guter Anfang und würde eine der großen Stressquellen vermindern, die die maritimen Ökosysteme unter Druck setzen.

Auch für das Klima wäre das eine gute Nachricht. Denn wie kürzlich eine Studie der University of Hawaii zeigte, gibt Plastik unter UV-Licht – also unter dem Einfluss von Sonnenstrahlen – klimaschädliche Gase ab, darunter auch das besonders aggressive Methan, und trägt so zur weiteren Treibhausgasproduktion bei.

Die Forscher hatten in einem langfristigen Experiment untersucht, was passiert, wenn Plastik in der Umwelt verwittert und zu Mikropartikeln zerfällt. Untersucht wurde ebenfalls, wie sich das Plastik verhält, wenn es zuvor rund 150 Tage lang in Salzwasser gelegen hat.

Das Ergebnis: Je länger die Plastikpartikel der UV-Strahlung ausgesetzt waren, desto mehr Treibhausgase produzierten sie. Am meisten Klimagase produzierte Polyethylen. Es ist der Kunststoff, der heute weltweit mit Abstand am häufigsten hergestellt wird – und auch am häufigsten in der Umwelt landet.

Dabei stiegen die Emissionsraten im Laufe der Zeit immer weiter an, je mehr die Partikel zu Mikroplastik zerfielen. Als Ursache vermuten die Forscher die größere Oberfläche, die entsteht, wenn die Partikel bei der Verwitterung immer kleiner werden.

Bildung von neuem Mikroplastik soll verhindert werden

Dass Plastikmüllteile mit der Zeit zu Mikroplastik zerfallen, ist auch beim "Ocean Cleanup"-Projekt der entscheidende Punkt. Nach Schätzungen macht beim Mikroplastik der schwimmende Teil nur ein Prozent der Gesamtmenge aus. Der große Rest wird auf dem Grund der Meere vermutet, also dort, wo System 001 gar nicht hinreicht.

Ob die Reinigungsaktion des "Plastikfischers" Boyan Slat so viel bringt, wird deshalb von einigen Experten bezweifelt. Der Ansatz von "The Ocean Cleanup" ist jedoch genau andersherum.

Mit der Müllsammel-Aktion soll verhindert werden, dass die Plastikteile überhaupt zu Mikroplastik zerfallen können, indem man sie vorher aus dem Meer herausfischt. Auf diese Weise würde die schon vorhandene Menge an Mikroplastik zumindest nicht weiter anwachsen – ein erster Schritt zu einer nachhaltigen Lösung des Plastikproblems.

Beim Great Pacific Garbage Patch jedenfalls sollen nur acht Prozent seiner Masse aus Mikroplastik bestehen. Ob Boyan Slats Idee aufgeht, wird sich in den kommenden Monaten zeigen, wenn der erste Plastikmüll eingesammelt ist.

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