Anzeige
HYDROGEN DIALOGUE 2021
Anzeige
Weltretter Baum - treedom

Pellets mit schmutzigem Geheimnis

Deutsche Kohlekraftwerke prüfen derzeit, die Energieproduktion auf Holzpellets umzustellen. Damit sich das lohnt, brauchen sie staatliche Hilfen. Diese wären EU-konform. Trotzdem sollte Deutschland darauf verzichten, denn die Verbrennung von Holzpellets schadet den Wäldern und dem Klima.


Mit Rundholz beladener Truck fährt an einem Enviva-Firmenschild vorbei.
Waldzerstörung in den USA für den Holzpellet-Export nach Europa. (Foto: László Maráz/​Forum Umwelt und Entwicklung)

Großbritannien und Dänemark steigen aus der Kohle schneller aus als Deutschland. Großbritannien hat sich verpflichtet, die Kohleverbrennung in Kraftwerken 2025 zu beenden, doch die Energieversorger haben die Menge der verbrannten Kohle bereits von über 50 Millionen Tonnen im Jahr 2010 auf sechs Millionen Tonnen im Jahr 2019 reduziert.

Dänemark hat sich nicht nur verpflichtet, die Kohleverbrennung zu beenden, sondern auch den Verbrauch von fossilem Gas bis 2030 zu halbieren. Das Land verbrennt derzeit weniger als ein Viertel der 1990 verwendeten Kohlemenge. Das größte Energieunternehmen des Landes, Ørsted, will im Jahr 2023 aus der Kohle aussteigen.

In beiden Ländern ist ein großer Teil dieser Erfolge auf den Ausbau von Wind- und Solarenergie zurückzuführen. Doch beide teilen auch ein schmutziges Geheimnis: Sie importieren mehr Holzpellets zur Verbrennung in Kraftwerken als jedes andere Land in Europa.

In Großbritannien verbrennt das einst größte Kohlekraftwerk des Landes im nordenglischen Drax heute mehr Holz als jede andere Anlage auf der Welt und mehr als die jährliche Holzproduktion Großbritanniens.

Die gesamte Prozesswärme von Drax wird in die Außenluft abgeleitet, was zu einem Wirkungsgrad von weniger als 40 Prozent führt. Dafür erhält das Pelletkraftwerk jeden Tag 2,36 Millionen Pfund (2,64 Millionen Euro) an Subventionen.

In Dänemark sind die Kohlekraftwerke, die von Ørsted und anderen auf Holz umgestellt werden, hocheffizient und liefern meist Strom und Fernwärme. Aber auch sie profitieren von großzügigen Subventionen, und die Folgen für Wälder und Klima sind weitgehend gleich.

Kahlschlag in Wäldern an der US-Ostküste

Drax und Ørsted sind die beiden Hauptkunden des weltweit größten Pelletproduzenten Enviva mit Sitz im US-Bundesstaat Maryland.

Enviva bezieht Rundholz, also ausgewachsene Bäume, aus Wäldern im Herzen der nordatlantischen Küstenebene, eines globalen Biodiversitäts-Hotspots. Ein weiterer Teil des Holzes von Enviva stammt aus Kiefernplantagen. Diese haben nach und nach die artenreichen Waldökosysteme in der Region ersetzt.

Sowohl Drax als auch Ørsted beziehen außerdem Holz aus baltischen Staaten wie Estland und Litauen, wo der Holzeinschlag ein Rekordniveau erreicht hat.

Einige deutsche Energieversorger wollen nun dem Beispiel Großbritanniens und Dänemarks folgen und Kohlekraftwerke auf Holzverbrennung umrüsten, sei es für Strom oder Wärme.

Es gibt konkrete Vorschläge, etwa das Kraftwerk Wilhelmshaven von Onyx oder das Kraftwerk Rostock von KNG auf die Verbrennung von Holzpellets umzustellen. Allein die Anlage in Wilhelmshaven würde das Äquivalent von fast der gesamten deutschen Holzpelletproduktion verbrennen.

Die Muttergesellschaft von Onyx, Riverstone Holdings, ist einer der größten Anteilseigner von Enviva. Enviva hat seinen Investoren Anfang des Jahres mitgeteilt, dass der Kohleausstieg in Deutschland wahrscheinlich "eine beträchtliche Nachfrage nach Biomasse in Deutschland auslösen wird" – eine Nachfrage, die Enviva durch Partnerschaften mit deutschen Pelletproduzenten zu decken hofft.

Energie aus Biomasse ist nicht klimaneutral

Doch dafür wird öffentliche Unterstützung benötigt. Vorgeschlagen wird eine Kombination von Mitteln aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, dem Kohleausstiegsgesetz und dem Wärmebonus. Mittlerweile gibt es zwei offene Briefe von Umweltorganisationen, einmal aus Deutschland und einmal aus den USA und Estland, die sich gegen Subventionen für Pelletkraftwerke aussprechen.

Porträtaufnahme von Almuth Ernsting.
Foto: privat

Almuth Ernsting

arbeitet für die Umwelt­organisation Biofuelwatch, die sie mitgegründet hat. Sie recherchierte über Bioenergie und ihre Auswirkungen auf Wälder und andere Ökosysteme, auf das Klima und auf Menschen und veröffentlichte Fachartikel über Agrosprit, Biokerosin, Holzverbrennung in Kraftwerken, Kraftstoffe aus Zellulose und Biokohle. Ernsting unterstützt Kampagnen gegen große Biomasseprojekte und gegen Subventionen für Holzverbrennung zur Energiegewinnung in europäischen Ländern. Sie lebt in Edinburgh.

Unterdessen prüft der Hamburger Senat einen Vorschlag, große Mengen an Buschholz aus Namibia zu importieren. Eine Idee, an der Umweltorganisationen kritisieren, dass sie weder klimafreundlich noch sozial gerecht sei und außerdem dem Energienetz-Volksentscheid aus dem Jahr 2013 widerspreche.

Die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU erlaubt es Energieunternehmen und Regierungen, Energie aus Biomasse als "klimaneutral" einzustufen, obwohl das nicht zutrifft. Die CO2-Emissionen bei der Verbrennung von Biomasse sind ebenso hoch oder sogar höher als bei der Verbrennung von Kohle.

Biomasse-Befürworter argumentieren, dass die Emissionen von neuen Bäumen wieder aufgenommen werden. Doch selbst im optimistischsten Fall wird das viele Jahrzehnte dauern – viel länger, als wir Zeit haben, um eine globale Erwärmung um mehr als zwei Grad zu vermeiden.

Durch die Einstufung der Holzverbrennung als "erneuerbare Energie" wird außerdem Solar- und Windenergie verdrängt. 800 Wissenschaftler warnen deshalb in einem offenen Brief, dass Holzpellets nicht klimaneutral sind, selbst wenn das Holz aus "nachhaltig bewirtschafteten Wäldern" stammt.

Reststoffe reichen nicht zur Energieerzeugung

Pellethersteller geben häufig an, dass sie auf Reststoffe und minderwertiges Holz setzen. Wie ein kürzlich erschienener Bericht der Umweltorganisation Biofuelwatch zeigt, wird der Begriff "minderwertiges Holz" aber ausschließlich durch den Preis definiert.

Sägewerke, die auf der Suche nach perfekt geraden Stämmen mit genau der richtigen Größe sind, werden einen höheren Preis zahlen als Pelletproduzenten oder Zellstoff- und Papierfabriken. Von daher ist Holz, das für Bioenergie verwendet wird, quasi per Definition "minderwertig" – selbst wenn es die große Mehrheit der in einem Wald gefällten Bäume umfasst.

In der EU ist der Begriff "forstwirtschaftliche Reststoffe" nahezu identisch mit "minderwertigem Holz". Auch er umfasst Rundholz von ausgewachsenen Bäumen, die zu groß, zu klein, zu krumm oder aus einem anderen Grund in den Sägewerken nicht erwünscht sind.

Natürlich gibt es auch Holzeinschlagreste wie Bruch- und Unterholz, die zurückbleiben. Ihre Verwertung entzieht dem Boden jedoch Nährstoffe, wodurch das künftige Baumwachstum verringert wird, und schadet der Artenvielfalt.

Dann gibt es Sägewerksrückstände wie Sägemehl und Verschnitt, aber diese werden bereits vollständig genutzt, häufig, um Energie für den Betrieb der Sägewerke selbst zu liefern. Es gibt deshalb keine großen Quellen von "Reststoffen" jeglicher Art, die für die künftige Energieerzeugung mobilisiert werden können, ohne den Waldökosystemen und dem Klima Schaden zuzufügen.

Der Zweck des dringend notwendigen Kohleausstiegs ist der Klimaschutz. Kohle durch einen anderen Brennstoff zu ersetzen ergibt aber keinen Sinn. Stattdessen sollte staatliche Unterstützung den wirklich klimafreundlichen Energieformen vorbehalten bleiben, außerdem für Effizienzmaßnahmen wie die Isolierung von Gebäuden, um den Bedarf an Wärme und Kühlung zu reduzieren.

Übersetzung: Christian Mihatsch

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier