Energie aus Holz nicht einfach verbieten

Ein kategorisches Verbot, Holz energetisch zu nutzen, wie es 500 Wissenschaftler fordern, schießt übers Ziel hinaus. Es beachtet wichtige Fakten und Zusammenhänge nicht und hätte unerwünschte Nebenwirkungen. Waldbesitzer und Förster brauchen faire Regeln und Anerkennung erbrachter Leistungen.


Heizzentrale des Blockheizkraftwerks und Hackschnitzelsilo im Bioenergiedorf Lippertsreute bei Überlingen am Bodensee.
Ein mit regionalen Hackschnitzeln betriebenes Blockheizkraftwerk gehört in "Energiedörfern" meist dazu. (Foto: Solarcomplex/​Wikimedia Commons)

Einige Wissenschaftler stellen die pauschale Behauptung in den Raum, statt fossiler Energieträger Holz zu verbrennen sei "wahrscheinlich" doppelt bis dreimal so schädlich, und 500 Kolleginnen und Kollegen verschiedenster Disziplinen unterschreiben ihren offenen Brief (Klimareporter° vom 13. Februar: Energie aus Holz ist kein Klimaschutz). Dahinter stecken sicherlich die besten Absichten, aber gut gemeint ist nicht genug.

Wer sich solche Thesen zu eigen macht und mit der Autorität akademischer Titel Appelle an die Politik richtet, trägt Mitverantwortung für den Inhalt, erweckt er doch den Eindruck, fest auf dem Boden gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse zu stehen und nicht etwa wesentliche Fakten zu vernachlässigen.

Genau das tun die Unterzeichner aber leider Gottes. Richtig ist, dass das Verbrennen von Holz zur Stromerzeugung unsinnig ist. In Nordamerika Bäume zu fällen, um sie als Pellets in europäischen Großkraftwerken zu verfeuern, dient nicht dem Klimaschutz. Ein kategorisches Verbot, Holz energetisch zu nutzen, schießt jedoch übers Ziel hinaus, denn es hätte unerwünschte Nebenwirkungen.

Europa braucht dringend eine zukunftsfähige Waldwirtschaft mit Dauerwäldern, gesunden, lebendigen und regenwurmreichen Böden und intaktem Wildbestand. Nur so können wir die Folgen der Erwärmung, die in den besiedelten Regionen der Erde ein Mehrfaches des globalen Durchschnittswerts von 1,5 oder zwei Grad erreichen wird, noch einigermaßen abpuffern.

Doch die Waldbesitzer – zwei Millionen in Deutschland, 16 Millionen in Europa – zahlen jetzt schon drauf. Sie können das bei der Waldpflege anfallende Holz ("Pflegeholz") nicht kostendeckend verkaufen.

Währenddessen wird der größte Teil der Wärme noch mit billiger fossiler Energie erzeugt. In einem Heizkraftwerk Kohle durch Pellets oder Hackschnitzel aus der Region zu ersetzen, kann also durchaus sinnvoll sein, obwohl der unmittelbare CO2-Ausstoß (ohne die langfristige Kompensation durch nachwachsende Bäume) in etwa gleich bleibt.

Rolle von Wasser und Böden wird vernachlässigt

Ein Verbot liefe darauf hinaus, dass stattdessen weiterhin fossile Brennstoffe verfeuert würden. Die Waldbesitzer würden auf ihrem Pflegeholz sitzenblieben und hätten noch weniger Geld zur Verfügung, um ihr Waldstück klimawandelgerecht umzubauen.

Vor diesem Hintergrund kann man den 500 wohlmeinenden Wissenschaftlern nur eine Themenverfehlung attestieren. Wenn sie wirklich etwas erreichen wollen, müssen sie zur Kenntnis nehmen, dass der Klimawandel eine disruptive Systemänderung in unseren Wald-Ökosystemen bewirkt: Nicht mehr die Temperatur, sondern das in der Vegetationszeit pflanzenverfügbare Wasser wird zum bestimmenden Faktor bei der Biomasseproduktion, zu der nicht nur der sichtbare, oberirdische Teil gehört, sondern auch der im Boden verborgene. Dies hat sich in Wissenschaft und Politik leider noch nicht hinreichend herumgesprochen.

Ludwig Pertl

war 40 Jahre als Revier­förster in Ober­bayern tätig. Er entwickelte ein Nach­haltig­keits­konzept für die Markt­gemeinde Kaufering bei Landsberg. Seit 2016 ist er Projekt­leiter beim EU-Projekt Links4Soils und dem Nach­folge­r Future Forest.

Die in den letzten Jahren sichtbar gewordenen Schäden in den Wäldern sind die Folge von Klimaveränderungen und fehlender Anpassung.

Das ständig beschworene 1,5-Grad-Ziel verführt zu dem Missverständnis, die Bäume müssten nur eine relativ geringfügig höhere Temperatur verkraften. Auf den Landflächen steigt die Temperatur jedoch, am Jahresmittelwert gemessen, doppelt so schnell an wie im weltweiten Durchschnitt.

Zudem verteilt sich der Anstieg nicht gleichmäßig übers Jahr, sondern fällt ausgerechnet während der Vegetationsperiode besonders stark aus.

Forstleute in Süddeutschland und dem nördlichen Alpenraum müssen sich auf heiße, trockene Sommer einstellen, in denen die Mittelwerte laut Worst-Case-Berechnungen im Jahr 2050 um sieben Grad über denen von 1950 liegen könnten und die Tageshöchsttemperaturen, denen die Bäume standhalten müssen, um bis zu elf Grad höher. Bis dahin sind es keine 30 Jahre mehr – eine kurze Zeit für die meisten Baumarten.

Bei so schneller Klimaänderung hilft kein Nichtstun

Viele Naturschützer, die es gut meinen, setzen leider auf Nichtstun. Ihr romantisches Ideal ist der natürliche Wald von 1950. Sie denken, man brauche den Wald nur sich selbst zu überlassen, dann werde er sich schon regenerieren. Das entbehrt jeglicher fachlichen Logik.

Ein Wald, der ans Klima von gestern angepasst war, und einer, der mit dem Klima von morgen zurechtkommt, sind nun einmal zweierlei: In Klimazonen, in denen es so viel wärmer ist als bei uns, herrscht bekanntlich eine ganz andere natürliche Vegetation vor.

Ohnehin gibt es in Mitteleuropa nur noch sehr wenige naturnahe Wälder. Die Umgestaltung der Wälder im vorigen Jahrhundert geht auf das Konto einer Holzindustrie, die nahezu ausschließlich auf stoffliche Nutzung gesetzt hat, nachdem billige fossile Rohstoffe das Brennholz vom Markt verdrängt hatten.

So entstand eine nadelholzreiche Forstwirtschaft, die jahrzehntelang wirtschaftlich rentabel war, aber schwere Schäden in unseren Waldböden angerichtet hat. Diese sind nun übersäuert, schlecht durchwurzelt und stark in ihrer Wasserspeicherfähigkeit beeinträchtigt. In einer Zeit stärker werdender Witterungsextreme führt das zu einer nicht mehr beherrschbaren Katastrophenforstwirtschaft.

Wenn die Wälder durch ihre Ökosystemleistungen noch unseren Kindern Gesundheit und Wohlergehen sichern sollen, müssen wir die Gesetze der Natur endlich ernst nehmen und in unsere Entscheidungen einpreisen. Waldbesitzer und Förster müssen für gesunde, lebendige, regenwurmreiche Böden und einen intakten Wasserkreislauf in gesunden Landschaftshaushalten sorgen.

Dazu benötigen sie faire Spielregeln und Anerkennung der erbrachten Leistungen. Die energetische Verwertung von Pflegeholz zu verbieten, hilft dabei nicht. Es schadet nur.

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