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Mehr Trittbrettfahrer beim Ökostrom

Der Öko-Anteil im deutschen Strommix steigt und steigt – finanziert vor allem von Millionen Verbrauchern über die EEG-Umlage. Dank der Stromkennzeichnung profitieren davon auch immer stärker Stromanbieter, die keine einzige Kilowattstunde Grünstrom selbst erzeugen oder einkaufen. Politische Abhilfe ist nicht in Sicht.


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Irreführende Angaben zum Strommix hat der Grünstromer Lichtblick bei der Graustrom-Konkurrenz ausgemacht. (Grafik: Lichtblick)

Letzte Woche kam meine Stromrechnung für 2018. Wie gesetzlich vorgeschrieben, wird darauf auch mitgeteilt, wie sich die von meinem Haushalt gekaufte Elektroenergie zusammensetzt. Danach sollen 53 Prozent meines Stroms im Jahr 2017 aus erneuerbaren Quellen gekommen sein.

Das verwundert auf den ersten Blick, sitzt doch mein Lieferant in einem Bundesland, das sich seit vielen Jahren zumindest rechnerisch zu mehr als 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen selbst versorgen kann. Und dann bekomme ich nur mickrige 53 Prozent davon?

Das ist, aus Kundensicht, das Absurde an der deutschen Stromkennzeichnung. Die mit der Jahresrechnung mitgelieferte Kennzeichnung hat wenig mit dem zu tun, welchen Strom der Lieferant selbst bezieht oder einkauft.

Die 53 Prozent sagen mir nur, in welchem Umfang ich mit dem von mir gekauften Strom den Ausbau des grünen Stroms über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) fördere. Im Bundesschnitt lag der Anteil des EEG-Stroms bei 33 Prozent – auch das weist meine Stromrechnung getreulich aus.

Ebenso listet meine Rechnung auf, dass in dem Jahr noch vier Prozent Ökostrom außerhalb des EEG hinzukamen – zusammen sind das gut 37 Prozent. Das Umweltbundesamt veranschlagt für 2017 den Ökoanteil beim Strom bundesweit auf 36 Prozent. Das haut also in etwa hin.

Stromkennzeichnung aller Energieanbieter untersucht

Dass mein Anteil am EEG-Strom höher ist, liegt vor allem daran, dass private Haushalte (die sogenannten "nicht-privilegierten" Verbraucher), verglichen mit Großabnehmern aus der Industrie (den "privilegierten"), deutlich mehr von den über 20 Milliarden Euro zu tragen haben, mit denen die Erneuerbaren 2017 gesetzlich übers EEG gefördert wurden. 

Der jeweilige Höhe des EEG-Anteils am Strommix hängt am Ende davon ab, wie die Abnehmerstruktur des Versorgers aussieht. Sitzt der Stromlieferant in einer strukturschwachen Gegend, wo es viele Kleinverbraucher und wenig Industrie gibt, ist der EEG-Anteil vielleicht etwas höher. Da muss nicht mal ein Windrad in der Nähe sein. Das ist schon ziemlich verrückt.

Wer sich nun dafür interessiert, wie sich der Strom seines Versorgers tatsächlich zusammensetzt, kann das ab heute auf der Website des Ökostromers Lichtblick tun. Das Unternehmen hat – nach eigenen Angaben – erstmals die Stromkennzeichnung aller knapp 1.200 inländischen Energieanbieter mit Stand Mitte Februar 2019 untersucht und ins Netz gestellt.

Der allgemein steigende Anteil des EEG-Stroms hat dafür gesorgt, dass viele Versorger 2017 erstmalig über die 50-Prozent-Marke kamen, fand Lichtblick heraus. Was schon eine ähnliche Analyse unter den 50 größten Stromlieferanten vor einem Jahr offenlegte, bestätigt sich jetzt: Die meisten Anbieter sind eine Art "Trittbrettfahrer" und haben deutlich mehr Kohlestrom im Strommix, als in der gesetzlichen Stromkennzeichnung angegeben wird.

Ökostrom auf der Rechnung, Schmutzstrom aus der Dose

Die Kennzeichnung zeige "leider nicht den tatsächlichen beschafften Strom", bekräftigt Lichtblick-Geschäftsführer Gero Lücking seine Kritik. Die immer noch geltende Regelung suggeriere, dass der Anbieter einen hohen Anteil an Ökostrom einkaufe und liefere. Tatsächlich aber hätten 30 Prozent der Versorger weniger als fünf Prozent Öko-Anteil in ihrem Strom.

So weist Innogy – das Unternehmen soll bekanntlich von RWE zu Eon wechseln – laut der Analyse einen Ökostromanteil von 46,6 Prozent aus, hat aber real nur 2,9 Prozent Ökostrom für die Kunden beschafft. Knapp 40 Anbieter hätten sogar überhaupt keinen eigenen Ökostrom in ihrem Portfolio, sondern ausschließlich Fossil- oder Atomstrom – obwohl auch sie den EEG-Anteil in ihrem Strommix ausweisen.

Lücking verlangt – auch dies nicht zum ersten Mal –, dass die Bundesregierung für eine transparente und ehrliche Stromkennzeichnung sorgt. Versorger sollten nur die Energiemengen ausweisen dürfen, die sie auch tatsächlich beschaffen.

Die Kritik an der Praxis, rein rechnerische statt tatsächlicher Anteile in der Stromkennzeichnung auszuweisen, ist inzwischen etliche Jahre alt. Schon 2011 hatten Ökostromanbieter diese Art Verbrauchertäuschung angeprangert.

Übrigens wurden in dem Bundesland, in dem sich mein Versorger befindet, nach Angaben des dort zuständigen Energieministeriums 2017 mehr als fünf Millionen Megawattstunden erneuerbarer Strom abgeregelt – sprich weggeworfen. Da gibt es also Ökostrom im Überfluss, der aber gar nicht bei den Haushalten ankommt. Bezahlen müssen sie ihn trotzdem – aber das ist wieder eine andere Absurdität des deutschen Stromsystems.

Redaktioneller Hinweis: Gero Lücking, Geschäftsführer von Lichtblick, gehört dem Kuratorium von Klimareporter° an.

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