Lahme Kohlekraftwerke, philosophische E-Roller und der Mieterstrom-Dschungel

Kalenderwoche 31: Wenn konventionelle Kraftwerke wegen der Hitze heruntergefahren werden, muss sich trotzdem keiner Sorgen machen, sagt Jens Mühlhaus, Vorstand beim Ökostrom-Anbieter Green City und Mitherausgeber von Klimareporter°. Denn Photovoltaik-Anlagen sichern in Zeiten wie diesen die Netzstabilität.


Jens Mühlhaus. (Foto: Dominik Parzinger)

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Jens Mühlhaus, Vorstand beim unabhängigen Ökostrom-Anbieter Green City AG.

Klimareporter°: Herr Mühlhaus, wegen der Hitzewelle mussten zuletzt mehrere Steinkohle- und Atomkraftwerke ihre Leistung drosseln – auch die fossile Energiewirtschaft ist nicht ganz wetterunabhängig. Entkräftet das ein immer wieder bemühtes Argument gegen die erneuerbaren Energien?

Jens Mühlhaus: Es wird auf jeden Fall eines deutlich: Die fossilen Garanten für Stabilität in der Stromversorgung ernten gerade, was sie über Jahre hinweg selbst gesät haben. Ihr eigenes Verschulden – der Klimawandel – wird ihnen jetzt zum Verhängnis. Sie sind nicht hitzebeständig und damit eben auch nicht unkaputtbar. Auf der "Haben-Seite" der Kohle- und Atomkraftwerke kann künftig nicht mehr der Punkt bedingungslose Versorgungssicherheit verbucht werden. Die Argumente zum Schutz dieser Energiequellen verlieren an Substanz.

Sorge um die Stromversorgung in Deutschland muss trotzdem keiner haben, denn wenn fossile Kraftwerke runterfahren, gibt es inzwischen andere, die das auffangen können. Im Juli hatten wir über 300 Stunden Sonne, ein Rekordmonat für die hier installierten Photovoltaikanlagen. Auch wenn Solarmodule nicht komplett hitzeunempfindlich sind, halten sie größtenteils den Temperaturen stand. Die Konsequenz: In Zeiten wie diesen lösen sie ihre fossilen Pendants ab. Denn sie dämmen auf einmal nicht mehr nur den Klimawandel ein, sondern sichern auch die Netzstabilität.

Die Green City AG arbeitet in München mit dem Unternehmen Emmy zusammen, das Elektroroller zum Sharing anbietet. Was ist dabei die Rolle eines Ökostromunternehmens?

Ich habe den Sharing-Dienst in Berlin kennengelernt und mir war sofort klar: Das ist genau das Richtige für unsere schadstoffgeplagte und verkehrsüberlastete Isarmetropole. Deswegen haben wir im vergangenen Sommer ein Joint Venture für München gegründet und betreiben den Sharingdienst hier gemeinsam.

Green City steht seit seiner Gründung dafür, Städte lebenswerter zu machen. Weniger Verkehr, saubere Luft, mehr öffentlicher Raum sind da zentrale Forderungen. Emmy passt genau in diese Philosophie. Und München scheint förmlich darauf gewartet zu haben. Seit Saisonbeginn Ende März sind über 10.000 Nutzer hinzugekommen.

Mit Emmy haben wir außerdem einen Kanal gefunden, um zu zeigen, wie wir die Energie- und Verkehrswende vereinen können. Alle E-Roller in München tanken unseren eigenen Ökostrom, der bis zu 30 Prozent aus Green-City-Windparks stammt. Im Umkehrschluss heißt das: Mit jeder verfahrenen Kilowattstunde unterstützen die Roller unser übergeordnetes Ziel, die Energiewende mit dem Ausbau der Regenerativen weiter voranzubringen. 

Im bayerisch-schwäbischen Ichenhausen hat Green City gerade zusammen mit einem lokalen Immobilienunternehmen ein Mieterstromprojekt in einem Neubauviertel realisiert. Ist der Mieterstrom – und damit im Grunde die Energiewende in den Städten – mittlerweile im Aufschwung?

Leider noch gar nicht. Das seit einem Jahr geltende Mieterstromgesetz zur Förderung war sicherlich gut gemeint. Aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache. In dem Zeitraum wurden lediglich Mieterstromanlagen mit 3,3 Megawatt Anschlussleistung neu installiert, obwohl eigentlich 500 Megawatt pro Jahr im Fördertopf abrufbereit sind.

Mit unserem Projekt in Ichenhausen und den dortigen Bauherren Mayer und Gorzitze sind wir auf Pioniere getroffen, die es zurzeit in diesem Segment braucht. Mieterstrom ist noch überhaupt nicht in der Praxis verankert, die Bedingungen sind sehr undurchsichtig und im permanenten Wandel.

Für Bauherren und Mieter ist das ein wahrer Informations-Dschungel, in dem viel Aufklärungsarbeit und Experten-Know-how gefragt ist. Hier wollen wir mit unseren Leistungen anknüpfen. Denn Mieterstromprojekte bieten ein enormes Potenzial, die Energiewende aus den ländlichen Räumen endlich auch in die Städte zu transportieren.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Bei Green City waren wir es leid, dem "Bashing" gegen die Erneuerbaren weiter tatenlos zuzusehen. Seit über 20 Jahren kämpfen wir gegen Fake News und "alternative Fakten" – doch die halten sich hartnäckig. Deswegen haben wir eine eigene Serie gestartet, in der wir über die Irrtümer der Energiewende informieren. Überrascht hat mich, welche Kreise dies gezogen hat.

Unser erster Artikel wurde sogar von einer Gruppe von Windkraftgegnern im Netz geteilt, ohne bösen Seitenhieb oder Ähnliches. Selbst die vehementesten Antagonisten der Energiewende merken wohl langsam: Zahlen und Fakten sprechen eine andere Sprache. Vorurteile, die vor einigen Jahren noch Gehör gefunden haben, können entkräftet werden.

Die Erneuerbaren sind auf der Überholspur. Und es gibt nur einen, der immer wieder auf die Bremse tritt: der Gesetzgeber.

Fragen: Susanne Schwarz

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