Energiepolitische Unlust, ölige Taktik und Forderungen von gestern

Kalenderwoche 16: Ob Ölindustrie, Agrarwirtschaft oder Autobranche – alle Interessengruppen wollen jetzt Erleichterungen, sagt Gero Lücking, Geschäftsführer für Energiewirtschaft beim Ökostrom-Anbieter Lichtblick und Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°. Das, was wir gerade abschaffen wollen, sollten wir dabei nicht mit zusätzlichem Geld verlängern.


Gero Lücking. (Foto: Amac Garbe)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Gero Lücking, Geschäftsführer für Energiewirtschaft beim Hamburger Ökostrom-Anbieter Lichtblick.

Klimareporter°: Herr Lücking, die US-amerikanische Umweltbehörde EPA setzt Umweltgesetze wegen der Coronakrise außer Kraft. Auch in Deutschland wollen konservative und liberale Politiker sowie Wirtschaftsverbände Klimaschutz-Maßnahmen aussetzen. Warum ist das keine gute Idee?

Gero Lücking: Corona scheint ein willkommenes Argument dafür zu sein, altbekannte Forderungen noch einmal zu platzieren und jetzt durchsetzen zu wollen. Nun werden sie mit Corona begründet. Irgendein Zusammenhang lässt sich schon herstellen.

Ob es die amerikanische Ölindustrie ist, die deutschen Landwirte, die Autoindustrie, der Hotel- und Gaststättenverband oder sonst irgendeine Interessengruppe – alle wollen Erleichterungen, alle wollen weitermachen wie vor Corona oder sogar noch weiter davor. Alle hoffen auf nachsichtige Politiker, die die Auswirkungen des Lockdowns für sie so gering wie möglich halten.

Die nachsichtigen und in diesen Zeiten besonders spendablen Politiker sollten aber ihren Geldsegen an zukunftsorientierte Kriterien knüpfen. So können sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: erstens die Krise überwinden und zweitens den Turbo für Ziele einlegen, die bereits Gesetz oder aber politisch gesetzt sind.

Die Bereitschaft, nun zusätzliches Geld in die Hand zu nehmen, sollte an entsprechende Bedingungen geknüpft sein. Dem, was man in mühseligen Diskussionen gerade gegen Widerstände hat abschaffen oder beenden können, jetzt nochmal zusätzliches Geld hinterherzuwerfen – das kann es ja nicht sein.

Thinktanks und Verbände beklagen eine immer größere Ökostromlücke im Lande. Um die Lücke zu schließen und bis 2030 das Ziel von 65 Prozent Ökostrom zu erreichen, müssten Windkraft an Land und auf See sowie Photovoltaik im Rekordumfang ausgebaut werden. Ist das überhaupt noch realistisch oder nur ein frommer Wunsch der Erneuerbaren-Branche?

Fast zwei Drittel Ökostromanteil im Jahr 2030 – das ist ja nichts, was sich Verbände, NGOs oder Thinktanks ausgedacht haben. Es handelt sich um politisch beschlossene Ziele. Die Regierung und die Politik müssen sich daran messen lassen. Es ist wichtig, dass die Experten frühzeitig auf sich anbahnende Lücken und Defizite hinweisen.

So wäre es für die Regierung ein Leichtes, beispielsweise den Photovoltaik-Deckel abzuschaffen und damit ein wirksames Signal zu setzen. Aber selbst das passiert nicht. Man hat – ohne Not, aber natürlich politisch gewollt – die Frage des Deckels mit den Regelungen zur Windkraft verknüpft.

Was man der Photovoltaik möglicherweise an Erleichterungen zugestehen will, will man im Gegenzug bei den Rahmenbedingungen für die Windkraft verschlechtern. Dies ist Ausdruck des fehlenden politischen Willens und der Unlust des zuständigen Wirtschaftsministeriums an der Energiewende. Es ist und bleibt ein Trauerspiel.

Das Ölkartell Opec hat sich mit weiteren Ländern auf eine Förderkürzung verständigt, um den in der Coronakrise abgestürzten Ölpreis zu stabilisieren. Klimaschützer halten den Deal für einen Schwindel. Zu Recht?

Die Opec und Russland zusammen haben gegenüber dem Referenzzeitraum Oktober 2018 eine Förderkürzung um 9,7 Millionen Barrel pro Tag beschlossen. Da im ersten Quartal 2020 aber die Förderung schon 4,2 Millionen Barrel niedriger lag als im Oktober 2018, gab es nur einen Nettoeffekt von 5,5 Millionen Barrel pro Tag. Dieser Nettowert ist nicht geschwindelt, liegt aber deutlich unter der öffentlich verbreiteten Zahl von 9,7 Millionen Barrel.

Hinzu kommt der überall starke Rückgang der Nachfrage. Die US-Energieinformationsbehörde EIA geht für den April von einer um 29 Millionen Barrel geringeren weltweiten täglichen Nachfrage aus. Das ist fast sechsmal mehr als der Förderrückgang, der tatsächlich durch den Beschluss von Opec und Russland erreicht wurde.

So wundert es auch nicht, dass die Rohöl- und Kraftstofflagerbestände der USA in der letzten Woche auf einen neuen Allzeit-Rekord angestiegen sind. Corona lässt grüßen.

Für die Förderländer – inklusive der USA – ist das Ziel von Förderkürzungen, einen höheren Ölpreis zu erzielen, ohne dabei aber die Nachfrage abzuwürgen. Wenn aufgrund überhöhter Preise die Nachfrage einbricht, hätten sie ja nichts gewonnen. Die Nachfrage soll aus Sicht der Förderländer also unbedingt hoch bleiben.

Also geht es immer nur um moderate Preisanpassungen, die die Einnahmen stärker sprudeln lassen und zum Beispiel die US-amerikanische Frackingindustrie am Leben erhalten. Doch Corona und der dadurch entstandene Nachfragerückgang haben dem Ganzen den Boden unter den Füßen weggezogen.

All das aber hilft dem Klima natürlich nicht. Zurück zu einem "Normalzustand" mit – aus Sicht der Förderländer – besseren Preisen kann nicht das Ziel sein.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die 29 Millionen Barrel pro Tag, auf die die weltweite Ölnachfrage im April laut EIA fallen wird, wären nicht nur ein historisches Tief, sondern auch der niedrigste Wert seit 25 Jahren. Damit wäre die Nachfrage rund 30 Prozent niedriger als vor der Coronakrise.

Die Stromgroßhandelspreise in Deutschland haben sich dagegen schon wieder erholt. Nach einem starken Einbruch zu Beginn der Pandemie in Europa sind sie schon fast wieder auf dem Niveau, das wir Ende letzten Jahres gesehen haben. Und das trotz stark gesunkener Rohstoffpreise.

Wo sich die Marktpreise für die "Schmierstoffe der Weltwirtschaft" befinden werden, wenn die Coronavirus-Krise einmal überwunden sein wird, kann derzeit keiner sagen. Für das Klima bedeutet das alles eine Verschnaufpause.

Hoffen wir, dass die positiven Erfahrungen, die wir jetzt alle durch Homeoffice, Videokonferenzen und die Digitalisierung machen, einen dauerhaft positiven Effekt haben werden und das Emissionsniveau beispielsweise im Verkehrsbereich nachhaltig nach unten drücken werden.

Eine ganz andere Überraschung war am Freitag für alle Lichtblick-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter der Postbote. Initiiert von der Unternehmensleitung brachte er uns allen einen kleinen Blumengruß ins Homeoffice. Eine kleine Geste und ein Dank an alle, die in diesen herausfordernden Zeiten ein besonderes Maß an Geduld, starken Nerven und Flexibilität an den Tag legen.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, dass auch bei ihnen der Postbote geklingelt hat.

Fragen: Jörg Staude, Sandra Kirchner

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