So soll Hinkley Point C nach der Fertigstellung aussehen. Die jeweils zwei Reaktoren von Hinkley Point A (links unten) und Hinkley Point B (daneben, nicht im Bild) sind alle bereits stillgelegt. (Bild: Hayes Davidson/​EDF)

Ein neuer Rückschlag für die europäische Atomindustrie: Der chinesische Nuklearkonzern China General Nuclear Power Group (CGN) hat weitere Investitionen in das im Bau befindliche Kernkraftwerk Hinkley Point C in Großbritannien eingestellt. Grund sind starke Kostenüberschreitungen bei dem Projekt, bei dem die Chinesen Juniorpartner des französischen Stromkonzerns EDF sind.

Da die britische Regierung signalisiert hat, dass sie bei der Finanzierung von Hinkley Point C nicht einspringen wird, dürfte das die Lage der angeschlagenen EDF noch schwieriger machen. Der Konzern war wegen der im letzten Jahr förmlich explodierten Verschuldung, die rund 65 Milliarden Euro beträgt, in diesem Jahr wieder voll verstaatlicht worden. 

Der Doppelreaktor am Hinkley Point im Südwesten Großbritanniens sollte ursprünglich umgerechnet 21 Milliarden Euro kosten, die jüngste Schätzung von Anfang 2023 belief sich auf rund 38 Milliarden. Derzeit läuft eine Neuberechnung, die nach Meinung von Insidern vermutlich noch höher ausfallen wird. Und auch die für Juni 2027 geplante Eröffnung des Reaktors dürfte sich weiter verzögern.

EDF hatte bereits vor einiger Zeit gewarnt, die Chinesen könnten sich weigern, sich an den zusätzlichen Kosten zu beteiligen. Das ist nun, wie die Agentur Bloomberg zuerst berichtete, auch geschehen.

Ein britischer Regierungsvertreter kommentierte laut Financial Times, dem Bau des Doppelreaktors liege ein kommerzieller Vertrag zugrunde, "an dessen Finanzierung wir uns natürlich nicht beteiligen". Ein Insider der Atomindustrie sagte dazu, es werde "kompliziert" werden, in diesem Stadium andere Investoren für das Projekt zu gewinnen.

Gespräche zwischen Paris und London

Bleibt London hart, müsste EDF unter diesen Bedingungen die Zusatzkosten durch noch höhere Verschuldung aufbringen. Das französische Wirtschaftsministerium erklärte, es stehe wegen Hinkley Point in Kontakt zu den Briten. Man arbeite mit der dortigen Regierung zusammen, "um die Umsetzung des britischen Atomprogramms zu gewährleisten, auch in Bezug auf die Finanzierung", so ein Beamter.

EDF spielt eine Schlüsselrolle in der britischen Energiepolitik, die neben erneuerbaren Energien auch auf Atomkraft für die Klimawende setzt. Pläne zum Bau neuer Reaktoren gab es dort schon seit Mitte der 2000er Jahre, doch die Regierung blieb bei der Suche nach inländischen Investoren erfolglos. Erst als London eine deutlich über dem Marktpreis liegende Strom-Einspeisevergütung garantierte, waren EDF und CGN bereit, in den Bau des französischen AKW-Typs EPR einzusteigen.

Geplant ist neben Hinkley Point auch ein zweites Projekt, Sizewell C. Ohne die AKW-Neubauten wird Großbritanniens AKW-Kapazität wegen der anstehenden Stilllegung alter Reaktoren in den nächsten zehn Jahren stark absinken.

 

Das immer gravierender werdende Kostenfiasko im Fall Hinkley Point dürfte nicht nur in Frankreich, sondern auch in anderen europäischen Ländern Beachtung finden. Neben Paris plant eine ganze Reihe weiterer EU-Länder derzeit den Bau neuer AKW, darunter Deutschlands Nachbarländer Niederlande, Polen und Tschechien.

Hinkley Point zeigt noch einmal deutlich: Ohne extrem hohe staatliche Hilfen, die sich eigentlich nur noch geopolitisch und militärisch begründen lassen und nicht mehr mit Klimaschutz, sind AKW-Neubauten kaum zu finanzieren.

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