Blick in einen Tunnel mit binärem Datenstrom
Dank Blockchain soll nicht länger anonymer Graustrom aus der Steckdose kommen, sondern ein "persönlicher" Grünstrom mit vertrauenswürdiger Herkunft. (Foto: Luckeysun/​Flickr)

Mit Krypto-Währungen wie Bitcoin oder Ethereum kam ein neues Wort in die Welt: Blockchain. Die digitale Technik kann man sich als eine Art verteiltes Kontobuch vorstellen. Wer wem etwas liefert oder bezahlt, wird nicht mehr auf einem zentralen Rechner verzeichnet, sondern auf jedem Computer, der ins Netzwerk eingebunden ist. Von jedem Rechner aus lassen sich damit die Vorgänge im Netzwerk verfolgen und nachvollziehen.

Wer zum Beispiel von seinem Solardach einige grüne Kilowatt übrig hat, könnte die an seinen Nachbarn liefern, der im Keller über einen großen Stromspeicher verfügt. Der schickt dann den Strom zurück, wenn die Sonne nicht scheint – in der Blockchain werden diese Transaktionen aufgezeichnet und verrechnet – gut verschlüsselt, aber für alle Teilnehmer zugänglich und somit besonders vertrauenswürdig.

In den direkten Stromtausch können sich weitere Partner einklinken – eine Plattform für lokalen Stromhandel entsteht, ganz ohne große Energiekonzerne und Zwischenhändler. Deren Gewinne könnten dann die Blockchain-Teilnehmer unter sich teilen.

Gedämpfte Euphorie beim Branchentreffen

Das Thema Blockchain greife die großen Trends der Energiewende auf: Digitalisierung, Demokratisierung und Dezentralisierung, dozierte Alexander Misgeld vom Beratungskonzern Ernst & Young jüngst auf einem Kongress des Energie-Branchenverbandes BDEW. Alle Netzwerker hätten alle Transaktionsdaten, das mache die Blockchain unfälschbar, sicher und transparent – und für die Energiewende nützlich.

Jede Menge Start-ups träumen schon von einem voll digitalisierten Energienetz, bei dem die bisherigen Vollversorger nicht mehr viel zu melden haben – ähnlich wie bei den Kryptowährungen, die ohne traditionelle Banken auskommen wollen. "Die komplette Ausschaltung von Zwischenhändlern kann aber nur in einem vollautomatisierten Stromhandelssystem erfolgen", schränkt Simon Göß vor der Berliner Beratungsfirma Energy Brainpool gegenüber Klimareporter° ein. "So weit sind wir noch nicht mit der Digitalisierung."

Schaut man auf die Blockchain-Praxis in Deutschland, relativiert sich der Hype weiter. Michael Lucke, Geschäftsführer des Allgäuer Überlandwerks, sieht zwar den lokalen Stromhandel im Kommen – ob aber Blockchains den Sieg davontragen werden, daran äußerte er auf dem BDEW-Kongress Zweifel.

Luckes Überlandwerk testet derzeit mit dem "Allgäu Microgrid" einen direkten Stromhandel zwischen Privatpersonen auf Blockchain-Basis. Ob das Geschäft wirklich funktionieren kann, wisse man erst in drei Jahren, dämpfte Lucke die Erwartungen. Aus seiner Sicht ist die Technologie keineswegs ein "Game Changer", also eine Technik, die – wie bei Uber oder Airbnb – die Spielregeln einer ganzen Branche völlig neu definiert.

Mithilfe einer Blockchain könnten aber zum Beispiel Stadtwerke direkter auf ihre Kunden zugehen und die Kundenbindung stärken, meint Energy-Brainpool-Experte Göß. Ansonsten hält sich für ihn der Nutzen der neuen Technologie für die Energiewende noch in Grenzen. Durch Blockchains allein werde der Anteil von Ökostrom nicht steigen, aber es werde eben möglich, Stromangebot und -nachfrage regional besser abzustimmen.

"Erst, wenn dieser lokal verkaufte grüne Strom plötzlich einen bestimmten Wert erhält und dieser durch Blockchains auch nachweisbar und somit glaubhaft wird, könnte das Anreize zum weiteren Ausbau von erneuerbaren Energien auf lokaler Ebene hervorbringen", sagt Göß. Anders gesagt: Wenn die Blockchain bequem sicherstellt, dass man wirklich den persönlichen Ökostrom hin und her handelt, könnte das zum Motiv werden, sich neue Erzeugungsanlagen zuzulegen.

Ruf nach neuen Regeln

Ein weiteres Problem: Wer Ökostrom lokal handeln will, muss nicht nur genügend Verkäufer, sondern auch genügend Käufer in der Nähe haben. Daran hapert es offensichtlich noch. Damit eine Blockchain richtig funktionieren kann, müsse es erst einmal genügend lokale Märkte für Ökostrom in Deutschland geben, betont denn auch Experte Göß.

Experten-Fazit

"Die ... Beispiele und Geschäftsmodelle zeigen, dass die Blockchain-Technologie genutzt wird, um 'bestehende' Geschäftsmodelle in neue Anwendungen zu überführen. Ähnliches gilt auch für die Verwendung der Blockchain in sich gerade erst bildenden Marktsegmenten wie dem Peer-to-Peer-Handel."
(aus der Kurzstudie "Blockchain – oder Wie aus einer Technologie Geschäftsmodelle werden" von Energy Brainpool)

Das Allgäuer Überlandwerk – wie auch die ganze Branche – wäre schon froh, wenn sich per Blockchain zunächst das normale Geschäft von Stromkauf und -verkauf am Laufen halten lässt. Damit das klappt, müsse der Gesetzgeber endlich handeln, verlangte die Branche auf dem Kongress. Im Moment warte man zum Beispiel darauf, dass Blockchain-geeignete intelligente Stromzähler, auch Smart Meter genannt, ihre Genehmigung bekommen.

Für den Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena) Andreas Kuhlmann ist die Blockchain-Technologie eine von vielen Ideen, um die Energiewende schneller voranzutreiben. "Was hier das beste Mittel ist, kann man heute sicher noch nicht sagen", betont er gegenüber Klimareporter°. Blockchains sieht er aber als "echte Option", nicht nur in Deutschland. In Bangladesch zum Beispiel mit seinen 4,5 Millionen Solaranlagen könne die Technologie ebenfalls eine große Rolle spielen.

Dass sie sich hierzulande vielfach noch nicht rechnet, liegt für Kuhlmann an der frühen Phase, in der sich viele Blockchain-Anwendungen noch befänden, und eben auch am derzeitigen gesetzgeberischen Rahmen. "Das Problem gilt aber grundsätzlich für viele digitale Anwendungen und Geschäftsmodelle", so der Dena-Chef.

Übrigens erprobt ein Anbieter von Elektroauto-Strom derzeit ein Lademodell, bei dem mit Ethereum abgerechnet werden soll. Das Bezahlsystem auf Blockchain-Basis nimmt für sich in Anspruch, die Fehler von Bitcoin zu vermeiden. Ob der eine Blockchain-Hype den anderen befeuern kann, muss sich aber noch herausstellen.