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Zeitenwende bei Naturstrom

Das 1998 gegründete Ökoenergieunternehmen lagert seine Stromerzeugung in die Tochter Naturenergy aus und wirbt um die Beteiligung auch finanzkräftiger Partner. Das gab Naturstrom am Dienstag auf seiner Jahrespressekonferenz bekannt.


Windräder stehen in offener, aufgelockerter Landschaft.
Windpark-Projekt von Naturstrom: Das Unternehmen gehört zu den Energiewendepionieren im Land. (Foto: NSE Oberfranken)

Nicht nur beim Erdgas ändert sich derzeit die Geschäftslage dramatisch – auch die erneuerbaren Energien sehen sich einer Zeitenwende gegenüber. Statt wie bisher mithilfe des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) werden neue große Solar- und Windparks nun frei finanziert. Die hohen Strompreise machen das möglich und auch lukrativ, schrauben aber die finanziellen Anforderungen enorm in die Höhe.

Gab früher der garantierte EEG-Zuschuss die nötige Sicherheit, dass der Kredit etwa für einen Solarpark zurückgezahlt wird, übernehmen diese Absicherung jetzt immer häufiger langfristige, meist über zehn Jahre laufende Stromlieferverträge, sogenannte Power Purchase Agreements (PPA).

Wer also einen großen Solarpark bauen und betreiben will, braucht jemand, der ihm den Strom über die gesamte Dekade zu einem festen Preis abnimmt – und dem die Bank glaubt, dass er das zehn Jahre lang kann.

Der Erzeugungsmarkt sei derzeit hochdynamisch und es fließe "wahnsinnig viel Geld von anderen Playern", betonte Thomas Banning, langjähriger Vorstandschef des Ökoenergieunternehmens Naturstrom, am Dienstag bei der Jahrespressekonferenz des seit 1998 bestehenden Unternehmens.

"In diesem Markt haben wir nur eine Chance, wenn wir ebenfalls entsprechende Größenordnungen erreichen. Wir brauchen finanzkräftige Partner", schlussfolgerte Banning.

Offen für Finanzinvestoren

Für Naturstrom ist diese Entwicklung ein entscheidender Grund, die bisherige Erzeugungssparte zu verselbständigen und in eine neue Gesellschaft namens Naturenergy zu überführen. An dieser hält Naturstrom derzeit rund drei Viertel der Anteile, ein weiteres Viertel ist im Besitz der Naturstrom-Aktionäre selbst. Die Aktionäre hatten einen Teil ihrer letztjährigen Dividende als Sachausschüttung bekommen: Wer eine Naturstrom-Aktie besaß, bekam eine von Naturenergy dazu.

Banning betonte, Naturenergy stehe weiteren Gesellschaftern offen, auch Finanzinvestoren. Naturstrom sei auch bereit, in eine Minderheitenposition zu gehen, werde aber immer der größte Aktionär bei Naturenergy bleiben.

Man sei auch schon im Gespräch mit Finanzinvestoren, so Banning weiter. Aber auch Bürger:innen sollten die Möglichkeit erhalten, sich bei Naturenergy zu beteiligen. Dazu werde eine Kapitalerhöhung im Herbst vorbereitet. Die soll es künftig jedes Jahr geben.

Bannings Vertrag als Naturstrom-Vorstandschef endet zwar am 30. September, aufhören wird er aber nicht. Die nächsten zwei, drei Jahre wolle er sich um Naturenergy kümmern, sagte der 66-Jährige. Dort nimmt er die Position eines Alleingeschäftsführers ein.

Neuer Vorstandschef bei Naturstrom wird der langjährige Vorstand Oliver Hummel. Künftig werde sich das Unternehmen auf die Rolle als Ökostrom- und Ökogasanbieter sowie als Energielieferant und -dienstleister in dezentralen Mieterstrom-, Quartiers- und Wärmeprojekten konzentrieren, betonte er. "Unsere Stärke liegt darin, grüne Energie in den Markt und zu den Menschen zu bringen."

Nach eigenen Angaben versorgt Naturstrom stabil um die 330.000 Haushalte und Gewerbekunden. Der Umsatz lag 2021 bei über 450 Millionen Euro, für dieses Jahr wird mit mehr als 500 Millionen gerechnet, was aber vor allem steigenden Preisen geschuldet ist.

Erneuerbare wirken preisdämpfend

Oliver Hummel hadert dabei sichtlich mit den aktuellen Zuständen am Energiemarkt. Was beim Gas aufgrund der knapperen Menge aus Russland noch halbwegs logisch erscheine, sei beim Strom noch schwerer nachzuvollziehen, sagte er am Dienstag.

Der Großhandelspreis für Stromlieferungen im kommenden Jahr ist seit Wochenbeginn endgültig "durch die Decke gegangen", wie es Hummel ausdrückte. Eine Kilowattstunde koste dort jetzt fast 70 Cent – Anfang 2021 habe der Preis noch bei fünf Cent gelegen.

Aus Hummels Sicht kommen gegenwärtig so ziemlich alle negativen Effekte für die konventionellen Kraftwerke zusammen, darunter die Situation am Gasmarkt, die massiven Probleme der Atomkraftwerke in Frankreich sowie die Versorgungsschwierigkeiten für Kohlekraftwerke aufgrund des Wassermangels. Darauf würden die Märkte "etwas panisch" reagieren, meinte Hummel.

Naturstrom habe dabei dem steigenden Preisniveau entgegenwirken können, indem das Stromaufkommen deutlich diversifiziert wurde, erklärte der designierte Vorstandschef.

Noch 2020 seien 99 Prozent des verkauften Stroms aus Wasserkraft gekommen. Bereits ein Jahr später habe sich dank der inzwischen geschaffenen eigenen Erzeugung ein Mix aus Windkraft, Wasser und Photovoltaik eingestellt. Das hätten sich auch die Kunden gewünscht, betonte Hummel. Mit der eigenen Erzeugung könne man zudem den Preisanstieg "abfedern".

Nach Angaben von Thomas Banning konnte Naturstrom 2021 den verkauften Strom zu einem Drittel aus eigener Erzeugung decken. Aus rechtlichen Gründen habe man aber nur zwei Drittel davon – also rund ein Viertel des gesamten abgesetzten Stroms – zum preislichen "Abfedern" einsetzen können.

Anhaltender Genehmigungsstau

Hätte Naturstrom den eigenproduzierten Strom maximal am Markt verkauft, hätte das Unternehmen 2021 einen deutlich besseren Erlös eingefahren, rechnete Banning vor. Das sei aber nicht die Firmenphilosophie.

Aus Bannings Sicht könnten die Erneuerbaren, gerade weil die atomare und fossile Erzeugung in einer Krise steckt, noch stärker preisdämpfend wirken. Dramatisch sei aber, wie viel Ökostrom in diesem Jahr nicht erzeugt wurde und auch nicht mehr erzeugt werde, kritisierte er am Dienstag.

Nach seinen Angaben liegen allein in Mecklenburg-Vorpommern mehr als 70 Anträge auf Freigabe von Photovoltaik-Freiflächenanlagen vor, die nicht bearbeitet würden.

Trotz der neuen Ziele der Bundesregierung ändere sich an der Basis derzeit noch gar nichts, beschwerte sich Banning. Bei den Behörden sei keinerlei Fortschritt zu erkennen. "Dort werden die Sachen auf die lange Bank geschoben und es wird versucht, möglichst keine Entscheidungen zu treffen."

Redaktioneller Hinweis: Oliver Hummel gehört dem Herausgeberrat von Klimareporter° an.

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