"Unsere Zukunft wird nicht ernst genommen"

Die Bewegung wächst rasant. Im Dezember hatten noch wenige Hundert Schüler am Klimastreik teilgenommen, am heutigen Freitag gingen bundesweit über 25.000 in mehr als 50 Städten für den Klimaschutz auf die Straße. In einer Woche ist die nächste Großdemo in Berlin geplant – zur entscheidenden Sitzung der Kohlekommission.


Aufwachen, die Krise ist da: Demo-Initiatoren Karl Klingeberg und Luisa Neubauer beim Klimastreik in Berlin. (Foto: Svea Busse)

Dem Beispiel der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg folgend "schwänzen" am heutigen Freitag in über 50 Städten etwa 25.000 Schüler den Unterricht, um für konsequenten Klimaschutz und einen sofortigen Kohleausstieg zu demonstrieren.

In Berlin haben sich bei der "Fridays for Future"-Demo vor dem Bundestag rund 600 junge Menschen versammelt, dreimal so viele wie von den Organisatoren angemeldet. Grundschüler wuseln durch die Menge, auch Studierende und ein paar Erwachsene sind gekommen. Die meisten Demonstranten stellen aber Mittel- und Oberstufenschüler.

Von Ökos in Filzmützen bis zu trendy Hipstern ist alles vertreten. Viele Jugendliche sind augenscheinlich zum ersten Mal bei einer Demo, andere tragen unzählige bunte Buttons an ihren Rucksäcken, die sie als schon länger politisch aktiv ausweisen.

"Wenn wir heute nicht streiken, ist es morgen zu spät", sagt Luisa Neubauer. Die 22-jährige Studentin ist schon länger als Umweltaktivistin unterwegs und organisiert die "Fridays for Future"-Demonstration in Berlin. "Wir haben eine Klimakrise und die wird nicht ernst genommen – und dadurch wird ganz konkret auch unsere Zukunft nicht ernst genommen", erklärt Luisa.

"Wir sind die letzte Generation, die noch die Möglichkeit hat, eine Wende herbeizuführen", ergänzt die 18 Jahre alte Sofia Lehmann, die gerade ein Banner bemalt.

Trotz drohender Fehlzeiten kommen ganze Klassen

Die Reaktionen der Lehrkräfte an den Schulen auf den Streik sind, wie zu hören ist, unterschiedlich. Sie kenne Schulleiter, die den Jugendlichen freistellten, zur Demo zu gehen, und sogar Werbung dafür gemacht hätten, erzählt die 13-jährige Luise Wingerath von der Evangelischen Schule Berlin Zentrum.

Ihr Vater habe sie auf die Aktion aufmerksam gemacht, sagt Luise – so konnte sie bereits vor Weihnachten ihre Schulleiterin ansprechen und von dem Klimastreik erzählen. Um ihren Kindern die Teilnahme zu ermöglichen, sollen manche Eltern sogar Entschuldigungszettel schreiben.

Andere Kinder und Jugendliche bekommen wegen der Teilnahme am Streik voraussichtlich Fehlzeiten eingetragen, die im Zeugnis auftauchen. Dennoch sind einige Klassen fast vollständig erschienen. Viele Schüler müssten gegenüber Eltern und Mitschülern Barrieren überwinden, erklärt Mitorganisatorin Luisa Neubauer. Es sei nicht zu unterschätzen, wie schwierig es für viele ist, nicht zur Schule zu gehen.

Die baden-württembergische Junge Union (JU) hat gemeinsam mit der CDU-nahen "Schüler Union" (SU) gefordert, Schüler, die für den Klimastreik den Unterricht "schwänzen", konsequent mit Fehlzeiten zu bestrafen. Klimawandel mit Schulstreiks zu bekämpfen sei ungefähr so sinnvoll wie mit einem Staubsauger durch die Sahara zu laufen, verkündeten die Vorsitzenden Philipp Bürkle (JU) und Michael Bodner (SU).

"Es sind noch viel zu wenige da"

Das sieht die 13-jährige Luise gänzlich anders: "Ich bin hier, weil ich glaube, dass man noch was für die Welt machen kann, und ich will, dass die Menschen die Augen öffnen und aufwachen. Auch die, die da drin sitzen", sagt sie und zeigt auf das Reichstagsgebäude hinter ihr, den Sitz des Bundestages.

Dort wird demnächst über das Klimaschutzgesetz beraten, in das die Empfehlungen der Kohlekommission einfließen sollen. Luise hofft, dass die Mitglieder der Kohlekommission eine Entscheidung treffen, die gut für den Planeten ist und ihnen eine Zukunft ohne Klimakatastrophe sichert.

Viele der Demonstrierenden wünschen sich mehr Engagement von ihren Klassenkameraden. "Es sind noch viel zu wenige da", beschwert sich Ida Kirschning. "Ab und an zu spät zu kommen finden meine Mitschüler ja alle okay, dann kann man die Zeit auch sammeln und dafür einmal zum Streik kommen", sagt die Vierzehnjährige, die sich auch bei Greenpeace engagiert.

Kurz vor Mittag kommt noch eine Gruppe von Schülern angelaufen. "Wir dachten, es geht jetzt erst los", sagt die 14-jährige Leonie Ottner etwas enttäuscht. An ihre Klasse wurde eine falsche Anfangszeit weitergegeben. Das scheint in Berlin aber die einzige logistische Ungereimtheit zu sein. Die Kommunikation mit der Polizei laufe jedenfalls problemlos, heißt es vom Orgateam.

Größte Demonstration in Freiburg

Währenddessen macht sich eine andere Gruppe auf nach Potsdam. Dort beginnt der Klimastreik erst um 14 Uhr. So können auch alle daran teilnehmen, die nicht den Unterricht "schwänzen" wollen. "Uns macht natürlich eigentlich aus, dass wir so was 'Radikales' machen wie nicht zur Schule oder zur Uni zu gehen", findet Mitorganisatorin Luisa Neubauer. Trotzdem fährt sie mit, um die anderen zu unterstützen.

Das Transparent für die Demo in der kommenden Woche bemalen die Schüler beim heutigen Streik. (Foto: Svea Busse)

Im bundesweiten Vergleich ist heute die Demonstration im badischen Freiburg mit 3.500 Kindern und Jugendlichen am besten besucht, in Hannover, Bonn und Augsburg kommen 2.000 Menschen, in Kiel, Würzburg und München gehen 1.000 junge Leute auf die Straßen.

Nur in Heidelberg wurde die Veranstaltung untersagt, weil die Schüler die Auflagen der Polizei nicht erfüllen konnten. Die Bewegung wächst rasant. Im Dezember hatten erst wenige Hundert Schüler an der Aktion teilgenommen.

Für nächste Woche, wenn die Kohlekommission letztmalig tagen soll, ist eine gemeinsame große Demo in Berlin geplant. Dafür wollen Schüler aus ganz Deutschland mit Bussen in die Hauptstadt kommen, um vor dem Wirtschaftsministerium zu protestieren. Angesichts des Erfolgs in dieser Woche sollte sich das Orgateam vielleicht überlegen, ob es die für kommenden Freitag angemeldete Teilnehmerzahl von 1.000 nach oben korrigiert.

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