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Klimastreikende fangen bei sich an

Wer sind die jungen Leute bei "Fridays for Future"? Die meisten sind gut gebildet, weiblich, keiner Partei oder den Grünen zugeneigt und haben wenig Vertrauen in die Regierung, bringt eine repräsentative Befragung an den Tag.


Streikende Schüler vor dem Kanzleramt in Berlin
Fridays for Future: Schulstreik-Aktion vor dem Kanzleramt am 25. Januar. (Foto/​Ausschnitt: Jörg Farys/​Fridays for Future/​Flickr)

"Fremdgesteuert", "infantil", "alles bloß Schulschwänzer": Während zwei Drittel der Bundesbürger die Schulstreikbewegung "Fridays for Future" unterstützen, werden die Protestierenden von vielen aufs Schärfste verurteilt. Doch auf welcher Grundlage eigentlich?

Forschungsgruppen aus neun europäischen Ländern haben sich jetzt genauer angeschaut, wer die jungen Klimaaktivisten eigentlich sind und was sie antreibt.

"Es wird viel über die Protestierenden spekuliert", sagt Dieter Rucht vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung (IPB), das die deutsche Teilstudie durchführte. "Wir wollten wissen, was ist – und damit auch die Diskussion versachlichen."

Bei der weltweiten Großdemo am 15. März führten die Forscherteams in Schweden, Großbritannien, den Niederlanden, Belgien, Polen, der Schweiz, Österreich, Italien und Deutschland repräsentative Befragungen durch. Die Ergebnisse aus Deutschland, für die 340 Aktivisten in Berlin und Bremen befragt wurden, liegen bereits vor. Sie wurden am heutigen Dienstagmittag vom IPB in Berlin vorgestellt.

Das Ungewöhnlichste an der neuen Protestbewegung ist demnach das Alter der Aktivisten. "Es ist selten, dass so junge Leute auf die Straße gehen", sagt Rucht. Knapp 53 Prozent der Befragten gehören der Altersgruppe zwischen 14 und 19 Jahren an. Die etwas höheren Jahrgänge sind deutlich weniger vertreten. "Der Protest wird stark von Schülerinnen und Schülern geprägt", fasst der Sozialforscher zusammen.

"Die Klimastreikbewegung politisiert diese Generation"

Ungewöhnlich ist auch, dass die Bewegung mehrheitlich weiblich ist, nämlich zu rund 58 Prozent. Bei anderen Protestbewegungen in der Vergangenheit war dies meist anders. Bei den Protesten gegen den Bahnhofsbau Stuttgart 21 beispielsweise waren es 60 Prozent Männer und 40 Prozent Frauen.

Wenig überraschend ist hingegen das hohe Bildungsniveau der Klimaaktivisten. Die meisten kommen aus der Mittelschicht und streben das Abitur an, studieren oder haben bereits ein abgeschlossenes Studium. Etwa die Hälfte der Eltern der Befragten hat einen Hochschulabschluss.

Fast ein Drittel der Schülerinnen und Schüler hat am 15. März zum ersten Mal an einer Demonstration teilgenommen, ergab die Befragung. "Die Klimastreikbewegung politisiert diese Generation", bringt es Rucht auf den Punkt.

"Dass das flächendeckend geschieht, ist auch sehr ungewöhnlich", sagt Sabrina Zajak von der Ruhr-Universität Bochum. Frühere Protestbewegungen junger Leute seien oft regional begrenzt gewesen.

Die starke Politisierung ist jedoch wenig parteigebunden. 40 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten keinerlei Parteipräferenz. Am ehesten können sich die Protestierenden mit den Grünen identifizieren (36 Prozent), gefolgt von der Linken (zwölf Prozent), der SPD (drei Prozent) und der CDU (1,5 Prozent). Die FDP wurde gar nicht genannt.

Geringes Vertrauen in Politik und Wirtschaft

Entsprechend gering ist das Vertrauen der Aktivisten in die Regierung, wirklich etwas für den Klimaschutz zu tun. Mehr als drei Viertel sehen bei der Groko keine Lösungskompetenz in Sachen Klimapolitik. Noch schlechter kommen die Unternehmen weg, hier glauben um die 90 Prozent nicht an die Fähigkeit zum Handeln.

Am ehesten trauen es die Jungen noch der Wissenschaft zu, zur Lösung der Klimakrise beizutragen. Insgesamt setzen sie jedoch vor allem auf Veränderungen beim eigenen Lebensstil.

80 Prozent sagten, sie kaufen "gezielt Produkte aus politischen oder ökologischen Gründen", 70 Prozent bemühen sich, weniger zu konsumieren, fast genauso viele stellen ihre Ernährung um. Immerhin fast 40 Prozent haben schon auf Flugreisen verzichtet, um etwas fürs Klima zu tun.

"Schuleschwänzen", sagt Dieter Rucht, "ist nicht das Hauptmotiv – im Gegenteil." Eine weitere, allerdings nicht repräsentative Befragung, die die Universität Konstanz ebenfalls am 15. März durchgeführt hatte, kam zu demselben Ergebnis.

Was die jungen Klimaaktivisten wollen, ist ganz einfach – eine Regierung, der sie mehr zutrauen können.

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