Toxische Männer

Fast immer sind es Männer, die Aktivistinnen wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer in sozialen Medien mit Hass überhäufen, weil sie ihre Stimme für eine klimapolitische Wende erheben. 


Luisa Neubauer hält ein Transparent in der Hand und ruft etwas.
Frauen wie Luisa Neubauer, die für konsequente Klimapolitik den Mund aufmachen, werden öffentlich beschimpft und beleidigt. (Foto: Jörg Farys)

Der Mob im Netz hat neue Ziele gefunden: Greta Thunberg, eine Klimaaktivistin aus Schweden, die weltweit Schüler inspirierte, für Klimaschutz zu streiken. Die frei ausspricht, was sie denkt.

Und Luisa Neubauer, die unermüdlich die Proteste von "Fridays for Future" in Deutschland mitorganisiert. Beide brechen mit der Vorstellung, junge Frauen seien nicht ernst zu nehmende "Mädchen", deren Existenz darin besteht, nett zu sein, zu gefallen und sich passiv zu verhalten.

Dieses Rollenbild ist leider noch immer tief in unserer Gesellschaft verankert. Frauen wie Greta oder Luisa, die das Bestehende in Frage stellen und fordern, gehört zu werden, stellen angesichts solcher Rollenbilder eine Bedrohung dar. Sie werden zum Ziel widerwärtigen, rechten und primär männlichen Hasses.

Es sind erbärmliche Einschüchterungsversuche, die sich aktuell via Social Media über Greta und Luisa ergießen. Leider klingen all die sexistischen Hetztiraden, Verschwörungstheorien und Gewaltdrohungen vertraut. Viele ähneln den Kommentaren, die sich auf Twitter und Facebook auch gegen mich richten.

Sie begegneten mir das erste Mal, als ich in Gretas Alter war – damals noch teilweise in Briefform – und haben sich aufgrund meiner öffentlichen Wortmeldungen während der Hambacher-Forst-Proteste und für die Aktionen von "Ende Gelände" vervielfacht.

Männer, die am Telefon mit Gewalt drohen

Hier eine kleine Kostprobe, nur aus den letzten Wochen: "Die müsste doch schon lange verhaftet sein, weil sie dauernd Straftaten ankündigt." – "Ihr habt doch alle eine Macke, ihr gehört in eine geschlossene Anstalt oder in den Knast, ihr armen Irren, man sollte euch mit Knüppeln aus dem Wald verjagen."

Oder auch: "Dein Papa hätte dir lieber mal die Ohren lang gezogen." – "Meine Fresse, ist die doof." – "Wenn ihr Eier habt und geschädigt werden wollt, traut euch nur, ihr werdet leiden!"

Finde ich solche Äußerungen über andere – wie jetzt über Greta und Luisa –, werde ich wütend. Lese ich sie über mich, berühren sie mich nicht mehr. Ich bin über die Jahre abgestumpft.

Solche Kommentare sind alltäglich, ich lösche sie mit einem Schulterzucken: Glaubt ihr wirklich, mich damit einschüchtern zu können?

Zur Person

Kathrin Henneberger, Jahrgang 1987, ist studierte Geografin und lebt in Köln. Seit ihrer Jugend ist sie Klima­aktivistin, derzeit unter anderem als Presse­sprecherin von "Ende Gelände". 2008 und 2009 war sie Bundes­sprecherin der Grünen Jugend. (Foto: privat)

Vor ein paar Tagen rief mich auf der Suche nach Tipps eine junge Klimaaktivistin an, die bald zum ersten Mal Pressearbeit machen und in der Öffentlichkeit stehen will.

Unweigerlich führte unsere Unterhaltung zu dem, was sie erwarten könnte: Männer, die ihre öffentliche Presse-Nummer anrufen und mit Gewalt drohen. Männer, die auf ihren Social-Media-Profilen widerwärtige Kommentare hinterlassen. Männer, die ihr schreiben werden, was für ein dummes "Mädel" sie doch sei und dass sie "die Fresse halten" soll.

All dies ist im Jahr 2019 der Alltag jeder Frau, die es wagt, sich öffentlich und politisch zu äußern. Es sind nicht nur Klimaaktivistinnen, die solcherart mit Hetze und Drohungen konfrontiert werden.

Der männliche Mob stürzt sich zu gern auch auf Menschen, die sich für eine gerechtere Gesellschaft und für die Rechte von Minderheiten einsetzen oder für diese sprechen. Er stürzt sich auf Queers und alle, die sich nicht in die Rollenverteilung des letzten Jahrtausends einsortieren lassen.

Online überbieten sich die Hetzer gegenseitig und glauben, mit der Zurschaustellung ihrer Wut und Aggressivität ihre Männlichkeit zu beweisen.

Hetzer und Hasser dürfen sich nicht sicher fühlen

Es ist ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft, all dies zuzulassen. Es ist ein Zeugnis toxischer Männlichkeit, die unsere Gesellschaft tief durchdringt und die dazu führt, dass sich die Männer, von denen solche Kommentare oder Drohanrufe zumeist kommen, sicher fühlen.

Es ist unser aller Aufgabe, dass all die Trolle, Hetzer und Hasser sich nicht mehr sicher fühlen. Es darf für keinen Menschen mehr Alltag sein, mit solchen Kommentaren oder Drohanrufen konfrontiert zu werden. Es darf nicht Gretas und Luisas Alltag werden.

Ich habe keine Lust mehr, besonders jungen Frauen, die kurz davor stehen, öffentlich ihre Stimme zu erheben, vor solchen Reaktionen warnen zu müssen.

Ich will, dass die nächste Generation bewegter junger Menschen zum Megafon oder Smartphone greifen kann, ohne mit Gewaltdrohungen und Hetze konfrontiert zu werden.

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