Palmölplantage in Guatemala: Trotz Lieferkettengesetz wissen große deutsche Einzelhändler oft noch nicht genau, woher ihre Produkte kommen. (Bild: Reinhard Jahn/​Wikimedia Commons)

Die Juristin wählt klare Worte. "Die Gewässer sind in erbärmlichem Zustand, häufig nur eine bräunliche Brühe, in die ich nicht einmal meine Hände tauchen würde", schreibt die ehemalige Richterin am Landesarbeitsgericht Düsseldorf. Im Spätsommer 2023 reiste Ingrid Heinlein zum wiederholten Mal nach Guatemala und recherchierte die Folgen der Produktion von Palmöl.

Ihr Bericht ist im neuen "Palmöl-Report" der Christlichen Initiative Romero (CIR) enthalten, der kürzlich erschien. Darin untermauert die Menschenrechtsorganisation ihre Kritik, dass bei der Herstellung des Öls in dem mittelamerikanischen Land die Gesundheit von Beschäftigten und Anwohnern gefährdet werde.

Und "mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit" finde der problematische Rohstoff "seinen Weg in die Regale und Kühlschränke" auch deutscher Supermärkte. Er sei zum Beispiel in Margarine enthalten. Zu den potenziellen Verkäufern zählt CIR die großen Lebensmittelhandelsketten Aldi, Edeka, Lidl und Rewe.

Die aus den Früchten der Ölpalme gewonnene Flüssigkeit ist das meistgenutzte Speiseöl der Welt. Seine Herstellung ist in der Regel billiger als die von Ölen und Fetten aus Soja, Raps, Sonnenblumen oder Oliven.

Der große Teil der Produktion findet in Indonesien und Malaysia statt. Aus Guatemala wird jedoch viel nach Deutschland geliefert. Der Anbau gilt als ökologisch und sozial problematisch, weil die Plantagen Urwälder sowie die örtliche kleine Landwirtschaft verdrängen.

In Guatemala hat CIR zwei Unternehmen ausgemacht, die die Menschenrechte von Bevölkerung und Beschäftigten verletzen könnten. Der Firma Natur Aceites wird unter anderem die Vertreibung von Bauern der indigenen Maya vorgeworfen. Das Unternehmen Industria Chiquibul soll zum Beispiel Abwasser in einen Fluss geleitet haben, wodurch dort Menschen erkrankten. Um solche Vorkommnisse geht es im Bericht von Arbeitsrechtlerin Heinlein.

Aldi sperrt einen Lieferanten

Die Kritiker glauben auch nachweisen zu können, dass in deutschen Supermärkten Produkte aus der problematischen Herstellung der beiden guatemaltekischen Firmen angeboten werden. Unter anderem betrifft das wahrscheinlich Margarine der Edeka-Marke "Gut & Günstig", Pflanzenfett "Vita D'Or" bei Lidl oder auch die Margarinen Rama und Lätta in diversen Märkten.

CIR äußert zudem Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zertifikats RSPO für "nachhaltiges" Palmöl, mit dem einige Plantagen und Mühlen von Natur Aceites ausgezeichnet sind. Das RSPO-Label ist eine Initiative des WWF und mehrerer großer Unternehmen der Branche.

Um derartige Probleme aufzudecken und auszuräumen, ist seit gut einem Jahr das deutsche Lieferkettengesetz in Kraft. Große Unternehmen müssen eventuellen Risiken bei ihren Lieferanten nachgehen und versuchen, Verstöße gegen Menschenrechte wie das Recht auf Land und das Recht auf sauberes Wasser abzustellen.

Vor der Veröffentlichung des Berichts hat CIR hiesige Händler kontaktiert. Anfragen von Klimareporter° haben Aldi Nord, Aldi Süd, Edeka, Rewe und Lidl beantwortet. Alle Unternehmen betonten, die Vorwürfe ernst zu nehmen und eventuelle Konsequenzen zu prüfen.

Rewe erklärte, beide Firmen aus Guatemala seien "mittelbare Zulieferer". Aldi Nord und Süd haben Industria Chiquibul nach eigenen Angaben bereits gesperrt. Im Falle von Natur Aceites werde recherchiert.

Die Palmöl-Untersuchung von CIR zeigt auch, dass der deutsche Einzelhandel noch nicht genau weiß, woher seine Produkte letztlich stammen. Für die Kritiker sind die Firmengeflechte und Lieferwege von außen ohnehin schwer zu durchschauen.

Denn der Weg des Öls verläuft von den Plantagen durch Dutzende oder gar hunderte Firmen in vielen Ländern, die es verarbeiten, mischen, kaufen, verkaufen, transportieren und verpacken. Aufgrund des deutschen Lieferkettengesetzes sind die Händler seit einem Jahr jedoch gefordert, Transparenz herzustellen.

"Wir wollen den Unternehmen Zeit geben, um zu reagieren", sagt Dominik Groß von CIR. Seien die Ergebnisse der Überprüfungen nicht zufriedenstellend, behalte man sich eine formelle Beschwerde beim Bundesamt für Wirtschaft vor, das die Umsetzung des Gesetzes durch die Unternehmen kontrolliert.

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