Klimawirkung von Fleisch und Milch kleingehäckselt

Beim Moorschutz wurde die Umweltministerin alleingelassen, zum Waldkonzept gar nicht gefragt – mit dem Schutz des Klimas hat das Bundesagrarministerium wenig am Hut. Zudem rechnete das Haus Klöckner die Treibhausgas-Emissionen heimischer Fleisch- und Milchproduktion systematisch klein, zeigt jetzt eine Greenpeace-Studie.


Rinder tragen nicht nur durch das Methan aus ihren Mägen zum Klimawandel bei. Auch durch den Anbau von Viehfutter wie Soja werden Treibhausgase verursacht. (Foto: Fred Lehmann/​Pixabay)

In der deutschen Klimapolitik läuft die Landwirtschaft noch weitgehend unterm Radar. Das geltende Klimaschutzgesetz verlangt vom Agrarsektor, die Emissionen von Treibhausgasen von 2020 bis 2030 von 70 auf 56 Millionen Tonnen zu senken.

Weil andere Sektoren deutlich stärker reduzieren müssen, würde in der Zeit der Anteil der agrarischen an den gesamten Emissionen Deutschlands zulegen – von 8,6 auf knapp 13 Prozent, also um rund ein Drittel.

Schon jetzt unterschlage aber das von Julia Klöckner (CDU) geführte Ministerium eine enorme Menge an Treibhausgasen aus der Agrarwirtschaft, kritisiert die Umweltorganisation Greenpeace in einem jetzt vorgelegten Gutachten.

Das Ministerium, so der Vorwurf, führe regelmäßig nur die direkten Emissionen aus der Tierhaltung an – etwa 38 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent im Jahr. Weitere Klimagase würden unter den Tisch fallen, beispielsweise Emissionen aus dem Anbau von Futtermitteln oder aus entwässerten und landwirtschaftlich genutzten Mooren.

In die deutsche Agrar-Bilanz gehören nach Auffassung der Umweltschützer auch Emissionen, die außerhalb Deutschlands anfallen, etwa durch die Entwaldung in Südamerika für den Futtermittelanbau.

Eine Ursache für die viel zu hohe Fleisch- und Milchproduktion hierzulande sieht das Gutachten in der zunehmenden Ausfuhr. Der Export sei ein Treiber der klimaschädlichen Überproduktion, heißt es im Gutachten. Deutschland habe sich zur "Schlachtbank Europas" entwickelt.

Werden indirekte Emissionen einbezogen, liegt nach den Berechnungen von Greenpeace die gesamte Klimabelastung durch die deutschlandweite Erzeugung tierischer Lebensmittel bei 120 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr – ein Mehrfaches der sonst üblichen Angaben.

"Das kann der Markt nicht lösen"

"Die Tierhaltung in Deutschland ist der Elefant im Raum, um den die Bundesregierung beim Klimaschutz schon viel zu lange herumschleicht", meint Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Lasse van Aken.

Um die im Klimagesetz vorgegebenen Emissionsziele zu erreichen, müsste die Zahl der Tiere in der Landwirtschaft bis 2035 um die Hälfte sinken. "Die nächste Bundesregierung muss dringend Verbraucher:innen aufklären, Anreize für weniger Konsum tierischer Produkte schaffen und betroffenen bäuerlichen Betrieben bei der fundamentalen Umstellung der Tierhaltung unterstützen", betont der Experte.

Nötig sind für van Aken dabei auch wirksame ordnungsrechtliche Regelungen. "Probleme wie der hohe Stickstoffüberschuss oder die Direktemissionen aus der Tierhaltung werden nicht über den Markt gelöst", betont er gegenüber Klimareporter°.

Entscheidend ist für van Aken der Umbau der Tierhaltung. Aber auch der Konsum von Fleisch und Milch müsse in Deutschland deutlich zurückgehen, da sonst die Produktion lediglich ins Ausland verlagert werde.

Langfristig wird die Landwirtschaft im Klimaschutz an Bedeutung zunehmen, ist sich van Aken sicher. Und das nicht nur wegen ihres steigenden Anteils an den Emissionen. "Neben dem Wald ist lediglich die Landwirtschaft in der Lage, Kohlenstoff zu binden", erläutert er. "Dieses Potenzial muss genutzt werden, da es sonst keine Klimaneutralität geben kann."

Zu den nötigen Maßnahmen zählt der Agrarexperte die CO2-Bindung im Boden, zum Beispiel durch den Aufbau von Humus, oder die Umwandlung von Ackerland in extensiv genutztes Dauergrünland, vor allem wenn dort zuvor Futtermittel angebaut wurden. Möglich sei auch, Flächen zugunsten der Artenvielfalt brach liegen zu lassen.

Agrarsektor erhielt günstigen Startwert

Wie van Aken gegenüber Klimareporter° einräumt, hat die Greenpeace-Studie lediglich bereits erfasste Emissionen im In- und Ausland anders zugeordnet, um die reale Klimabelastung durch die deutsche Landwirtschaft zu verdeutlichen. Die Gesamtmenge menschlich verursachter Klimagase ändere sich dadurch nicht.

Der klimapolitische Zahlenwust um die deutsche Landwirtschaft ist so leicht nicht zu entwirren. Laut einer Schätzung des Umweltbundesamtes hat der Agrarsektor 2020 etwas über 60 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent emittiert. Darunter sind die erwähnten 38 Millionen Tonnen, die direkt auf die Tierhaltung zurückgehen.

Im Klimaschutzgesetz werden für die Landwirtschaft im Startjahr 2020 allerdings rund 70 Millionen Tonnen an Emissionen ausgewiesen. Wie der deutliche Unterschied zustande kommt, ist zurzeit nicht nachzuvollziehen.

Experten erscheint die Corona-Pandemie als Erklärung für die rechnerische Differenz von 15 Prozent wenig plausibel. 2020 sind zwar laut Statistischem Bundesamt einzelne Schlachtbetriebe pandemiebedingt zeitweise geschlossen worden, dennoch war die Fleischproduktion in Deutschland im vergangenen Jahr ungefähr so hoch wie in den Vorjahren.

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