Auch fruchttragende Sträucher fühlen sich geschützt unter den aufgeständerten Solarmodulen der Versuchsanlage im brandenburgischen Rathenow. (Bild: Jörg Staude)

Die Zahl ist echt beeindruckend: Auf bis zu 1,7 Millionen Megawatt Spitzenleistung könnte Agri-Photovoltaik in Deutschland kommen, schätzt das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Nur rund vier Prozent der inländischen Agrarfläche würden reichen, um mit hoch aufgeständerter "Agri-PV" den derzeitigen Strombedarf in Deutschland bilanziell zu decken, rechnen die Forscher weiter vor.

Bilanziell deswegen, weil Photovoltaik in Deutschland pro Jahr im Schnitt gut tausend Stunden Strom mit voller Kraft liefert. Solarstrom braucht deswegen Windkraft und andere erneuerbare Energien als Ergänzung.

Agri-Photovoltaik bedeutet, von der Fläche nicht nur Strom zu "ernten", sondern auch Agrarprodukte. Das ist effizient und mindert die starke Flächenkonkurrenz im Lande.

Die Doppelnutzung durch Land- und Solarwirte gilt als klassische Win-win-Situation. Da stellt sich Politprominenz gern zum Ortstermin ein, so auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) im Juli im brandenburgischen Rathenow.

Seit 2020 erprobt dort die international tätige Sunfarming-Gruppe auf zwei Hektar Agri-PV in der aufgeständerten Variante. Die Solarmodule befinden sich dabei in Höhen von 1,20 bis zu mehr als drei Metern.

Minister sieht Win-win-win-Situation

Bei seinem Besuch entdeckte Habeck, dass Agri-PV sogar dreifach günstig ist. Dank des schützenden Dachs müssten die Apfelbäume weniger gespritzt werden, dazu kämen eben der Strom und die Möglichkeit, landwirtschaftliche Produkte zu ernten, fasste der Minister seine Eindrücke gegenüber einem Regionalportal zusammen.

Er würde sich sehr freuen, so Habeck, wenn die Agri-PV-Anlagen in Deutschland nun "ausgerollt" würden. "Bringen wir sie in die Fläche", forderte er.

Ob Sunfarming weitere Projekte mit aufgeständerter Photovoltaik auflegt, will das Unternehmen auf Nachfrage nicht genau sagen. Mehr als 90 Prozent der eigenen in Entwicklung befindlichen Projekte seien Agri-Solaranlagen, wird mitgeteilt. Umgesetzt würden diese Vorhaben auf Flächen für Pflanzenbau und Tierhaltung sowie auch zur Steigerung der Biodiversität. Dazu kämen erste Agri-PV-Anlagen an Moorstandorten.

Bisher sind laut dem Forschungsprojekt "Synagri-PV" des Fraunhofer ISE erst 16 Megawatt Agri-Photovoltaik installiert, was rund 0,05 Prozent der gesamten Solarstromkapazität entspreche. In Planung seien derzeit rund 450 Megawatt Agri-PV, vor allem als frei finanzierte Projekte.

Freiflächen-Photovoltaik zählt für die Forscher dann als Agri-PV, wenn die Flächen mindestens 66 Prozent des üblichen landwirtschaftlichen Ertrages bringen. Auch darf der Flächenverlust durch die Solaranlage nicht über 15 Prozent liegen.

Solarpaket steckt Agri-PV in neues Sondersegment der EEG-Förderung

Mehr Tempo beim Ausbau der Agri-Photovoltaik strebt die Ampel mit ihrem aktuellen Solarpaket an. Die entsprechende Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) erlebt diese Woche ihre erste Lesung im Bundestag.

Das Solarpaket sieht für frei finanzierte Agri-PV – solche also, die sich nicht an den Photovoltaik-Ausschreibungen der Bundesnetzagentur beteiligen muss – einen Technologiebonus vor. Bemessen soll sich dieser Bonus, soweit bekannt, an der Differenz zwischen den Tarifen, die herkömmliche Dach- oder Freiflächen-Photovoltaik in den Ausschreibungen erhält, und den Tarifen des sogenannten Sondersegments.

Das Sondersegment wird dabei vom Gesetzgeber neu geschaffen. Dort hinein packt das Solarpaket neben der Agri-PV auch die Moor-, Floating- und Parkplatz-PV. Alle diese Doppelnutzungen sollen ab 2024 in Ausschreibungen gegeneinander antreten, wenn sie EEG-gefördert werden wollen. Als maximale Förderhöhe sieht das Solarpaket 9,5 Cent je Kilowattstunde vor.

Für normale Dach- und Freiflächen-PV winkt gegenwärtig in den Ausschreibungen eine Förderung von maximal knapp 7,4 Cent je Kilowattstunde. Die Differenz zur geplanten Förderung im Sondersegment von 9,5 Cent läge also rechnerisch um die zwei Cent. Das könnte ungefähr auch die Höhe des geplanten Technologiebonus für frei finanzierte Agri-PV sein.

Ob der Bonus genügend Solarinvestoren anlockt und ob sich EEG-geförderte Agri-PV künftig in den Ausschreibungen gegen die anderen solaren Techniken durchsetzen kann – das ist beides noch unklar.

Doppelnutzungs-Konzepte sollen untereinander in Wettbewerb treten

Das Bundeswirtschaftsministerium hegt hier wenig Befürchtungen. Zwar würden sich die Technologien im Sondersegment unterscheiden, nicht aber automatisch auch deren Kosten, beruhigt eine Sprecherin auf Nachfrage. Insoweit sei das Zusammenfassen in einem Segment mit dem Höchstfördersatz von 9,5 Cent sinnvoll, betont sie.

Benachteiligung vermutet das Ministerium eher bei der Parkplatz-PV. Bei dieser Variante sei im Vergleich zu den anderen Technologien in der Tendenz von höheren Kosten auszugehen. Deswegen sehe das Solarpaket auch vor, Parkplatz-PV in den Ausschreibungen "vorrangig zu bezuschlagen", betont die Sprecherin.

Parkplatz-Photovoltaik braucht – anders als Agri-PV – aus Sicht des Wirtschaftsministeriums eine zusätzliche Förderung. (Bild: Michał Beim/​Wikimedia Commons)

Dagegen plädieren Fachleute der Deutschen Energieagentur (Dena) dafür, gerade für Agri-PV-Projekte im künftigen Sondersegment die Zuschläge nicht ausschließlich auf Basis der Gebote in den Ausschreibungen zu erteilen. Landwirtschaftliche Systeme könnten sonst von der Entwicklung des Solarmarktes abgekoppelt werden, befürchtet man bei der Dena – anders gesagt, sie könnten ewig in der Nische verharren.

Helfen könnte der Agri-PV hier der dritte Nutzen. Vor allem aufgeständerte Module bringen mit Schatten und Schutz einen weiteren Gewinn für die Landwirte. Erprobungen zeigen bereits, dass besonders Früchte wie Äpfel, Trauben oder Beeren vom modularen Schutz vor Hagel, Starkregen, Hitze und zu starker Sonnenstrahlung profitieren. Die geringeren Verluste bieten dann einen Ausgleich für die geringeren Erträge, die sich wegen der Abschwächung des Sonnenlichts durch die Solarmodule zwangsläufig einstellen.

Auch Sunfarming hebt den Zusatznutzen von Agri-PV hervor. Seine Anlagenkonzepte, erklärt das Unternehmen, eigneten sich besonders für den Einsatz auf ertragsschwachen Böden, für Weideland sowie auf Flächen für die Biodiversitätsverbesserung. Letzteres läuft dann auf die sogenannten grünen Solarparks hinaus.

Konkurrenz durch grüne Solarparks auf stillgelegten Flächen

Die sind inzwischen recht beliebt. Kürzlich legten knapp 20 Unternehmen der Branche, darunter große Player wie Baywa Re, Enertrag und Eon Solar, ein Positionspapier für eine biodiversitätsfördernde Agri-PV vor.

Die Bio-Agri-PV soll vor allem auf stillgelegten oder stillzulegenden Agrarflächen stattfinden. Zwischen den eher niedrigen Modulen bleiben, verglichen mit der klassischen Freiflächen-PV, breitere Grünstreifen frei. Hinzu kommen eine bessere Wasserhaltung, eine insektenschonende Mahd sowie ein Verzicht auf chemischen Dünger und Pflanzenschutz.

Ins Solarpaket hat es die biodiverse Agri-PV in Form einer Ermächtigung geschafft. Diese würde es dem Wirtschaftsminister erlauben, im kommenden Frühjahr eine spezielle Verordnung vorzulegen.

Ihren Vorschlag dazu überreichte die Solarbranche im Sommer auch dem Wirtschaftsminister selbst, sogar in Habecks Wahlkreis in Schleswig-Holstein.

 

Der Minister machte auch der Unternehmens-Initiative Hoffnung. Diese Form der Mehrfachnutzung werde jetzt in der ganzen Breite gebraucht, um in den Gigawattbereich zu kommen, wurde Habeck vom Branchenverband BNE zitiert.

Es könnte also um mehrere tausend Megawatt gehen. Aber selbst wenn die Agri-PV aller Couleur jedes Jahr um, sagen wir, 5.000 Megawatt zulegt, würde es immer noch weit über 300 Jahre dauern, um die eingangs genannten 1,7 Millionen Megawatt zu erreichen. Das Potenzial auch nur im Ansatz auszuschöpfen, wird wohl selbst in Jahrzehnten kaum gelingen.

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