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Naturbasierte Lösungen dringend gesucht

Klimakrise und Biodiversitätskrise sind zwei Seiten derselben Medaille, sie können nur zusammen gelöst werden – etwa durch nachhaltige Landnutzung. Das ist auch beim Klimagipfel in Glasgow angekommen. 


Mit Pflanzen geschmückter Schriftzug der COP 26 im Konferenzzentrum in Glasgow
Im Konferenzzentrum in Glasgow gibt sich die COP 26 ergrünt und naturfreundlich. (Foto: Karwai Tang/​COP26/​Flickr)

Böse Zungen sagen über Boris Johnson, dass er per Pressemitteilung regiere – mit spontanen Ankündigungen und nicht, weil er einen Plan hat. Dieser Politikstil des britischen Premiers lässt sich auch auf der Weltklimakonferenz in Glasgow beobachten. Ein Versprechen jagt das nächste, ein Pakt folgt auf den anderen. Das bringt gute Presse – doch was davon am Ende wirklich Treibhausgase einspart, bleibt zunächst offen.

Am Samstag folgte die nächste Konferenz-Ankündigung: 45 Regierungen sagten zu, Maßnahmen für eine nachhaltige Landwirtschaft zu ergreifen und Investitionen zum Naturschutz zu tätigen. Großbritannien will 500 Millionen Pfund (585 Millionen Euro) geben, um fünf Millionen Hektar tropischen Regenwald zu schützen.

Zudem sollen vier Milliarden US-Dollar an neuen Investitionen des öffentlichen Sektors in landwirtschaftliche Innovationen fließen. Damit sollen die Entwicklung hitzeresistenter Pflanzen oder Maßnahmen zur Verbesserung der Bodengesundheit finanziert werden. Was die neue Initiative genau beinhaltet und was sie wirklich fürs Klima bringt, blieb allerdings unklar.

In der Land- und Forstwirtschaft entstehen insgesamt rund ein Viertel der weltweiten Treibhausgas-Emissionen. Fast die Hälfte dieser Emissionen stammt dabei aus sogenannten Landnutzungsänderungen, wenn also Wälder zu Äckern oder Weideland umgewandelt oder Moore trockengelegt werden.

Solche Eingriffe in Ökosysteme haben weitreichende Konsequenzen. Sie setzen nicht nur Treibhausgase frei, sondern sie können auch die Ökosysteme schädigen und die Artenvielfalt verringern. Deshalb fordern Wissenschaftler:innen auch, dass mehr Agrarflächen und Forste nachhaltig bewirtschaftet werden müssen.

Das könnte zwei miteinander verkettete Probleme lösen: den Klimawandel und den immer schneller voranschreitenden Verlust der Artenvielfalt. Weil Klimakrise und Artensterben zusammenhängen und sich wechselseitig verstärken, fordern der Weltklimarat IPCC und der Weltbiodiversitätsrat IPBES, dass beide Krisen unbedingt gemeinsam bewältigt werden müssen.

Viele Maßnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt sind auch sinnvoll für den Klimaschutz. Wenn beispielsweise Moore stärker geschützt oder renaturiert werden, ist das gut für die Arten, die sich an Moore angepasst haben, aber auch für das Klima. Ebenso stabilisiert der Schutz von naturnahen Wäldern, Feuchtgebieten, Savannen oder Mangroven das Klima wie die Artenvielfalt.

"Klimapolitik muss die Natur berücksichtigen"

Zudem sind die Methoden, die die Natur für den Klimaschutz einspannen, ohne großen technischen Aufwand heute schon verfügbar und anwendbar – und das zu vergleichsweise geringen Kosten.

Das Potenzial dieser naturbasierten Lösungen ist enorm, Wissenschaftler:innen schätzen sie auf elf Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent jährlich. Das entspräche beinahe einem Drittel der bis 2030 benötigten Einsparungen zum Erreichen der Ziele aus dem Pariser Klimaabkommen.

Die Politik hat die Chancen der Natur als Klimaretterin mittlerweile auch erkannt. Mehr als 90 Prozent der aktualisierten Klimapläne der Staaten enthalten Maßnahmen gegen den Verlust der Natur. Das geht aus einem Bericht der Umweltorganisation WWF hervor, der auf dem Glasgower Klimagipfel vorgestellt wurde.

"Es ist ermutigend, dass mehr Länder auf die Natur beim Klimaschutz setzen, denn es gibt keinen Weg, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, ohne die Natur zu schützen und wiederherzustellen", sagte Stephen Cornelius vom WWF. Die Klimakrise und der Verlust der Natur seien zwei Seiten derselben Medaille, keine der beiden Krisen könne allein gelöst werden.

Dem WWF-Bericht zufolge enthalten die Klimapläne von 96 Staaten naturbasierte Lösungen bei den Maßnahmen zur Reduzierung des Treibhausgasausstoßes. Bei der Anpassung an den Klimawandel setzen immerhin 91 Pläne auch auf die Natur. Ausgeschöpft ist das Potenzial damit noch nicht, meinen die Naturschützer:innen.

"Immer mehr Regierungen verpflichten sich zwar, im Rahmen ihrer Klimapläne Maßnahmen für die Natur zu ergreifen, aber es werden immer noch zu wenige naturbasierte Lösungen verfolgt", sagte WWF-Experte Gavin Edwards.

Es gebe keinen gangbaren Weg, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, ohne dabei die Natur zu berücksichtigen. "Die Natur muss in den Ergebnissen der Klimakonferenz anerkannt werden", so Edwards, "und die Regierungen müssen sich verpflichten, naturbasierte Lösungen schnellstmöglich im großen Umfang anzuwenden."

Landwirtschaft muss sich schneller anpassen

Gleichzeitig müssen sich Landwirte allerdings weltweit auf neue Klimarealitäten einstellen, sagt eine neue Studie der Nasa und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) voraus. So könnten laut dafür vorgenommenen Computersimulationen die Mais-Erträge bis zum Jahr 2100 global um fast ein Viertel zurückgehen, die von Weizen aber möglicherweise um rund 17 Prozent  steigen.

Mais wird viel in subtropischen und tropischen Ländern angebaut, die von steigenden Temperaturen heftiger betroffen sein werden. In Nord- und Mittelamerika, Westafrika, Zentral- und Ostasien könnten die Maiserträge in naher Zukunft um mehr als 20 Prozent zurückgehen.

COP 26 in Glasgow

Nach 25 UN-Konferenzen gibt es noch immer keine Lösung für die Klimakrise, aber wenigstens das Pariser Klimaabkommen. Wie gut es funktioniert, wird sich beim 26. Gipfel in Glasgow zeigen. Ein Team von Klimareporter° ist vor Ort in Schottland und berichtet mehrmals täglich.

Bei Weizen hingegen, der am besten in gemäßigten Klimazonen gedeiht, könnte die Produktivität in den derzeitigen Anbauregionen steigen, so etwa in den nördlichen USA, in Kanada sowie in China.

Das bedeute, dass sich die Landwirte viel schneller anpassen müssen, indem sie zum Beispiel den Zeitpunkt der Aussaat verändern oder andere Pflanzensorten verwenden. So ließen sich schwere Verluste vermeiden, aber auch Gewinne erzielen, etwa in den höheren Breitengraden, meint Studien-Hauptautor Jonas Jägermeyr, Klimawissenschaftler der Nasa und am PIK.

Allerdings: "Unter dem Strich werden die Zuwächse bei Weizen im globalen Norden die Verluste bei Mais im globalen Süden nicht ausgleichen", warnt Mitautor und PIK-Forscher Christoph Müller.

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