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Neues Hoffen auf billigen Wüsten-Wasserstoff

Billiger Ökostrom aus sonnen- und windreichen Wüstengegenden – dafür nimmt das Projekt "Desertec 3.0" jetzt einen neuen Ablauf. "Grüner" Wasserstoff soll die Energieprobleme Europas lösen helfen. Bisher fehlen aber Pipelines, Geld und eine politische Strategie.


Solarpark in der saudischen Wüste.
Länder wie Saudi-Arabien haben beste Voraussetzungen für Solarkraftwerke. Damit soll nun grüner Wasserstoff für Europa erzeugt werden. (Foto: Phoenix Solar/​Wikimedia Commons)

Die Idee hört sich bestechend einfach an: In Nordafrika und dem Nahen Osten scheint die Sonne in großen Mengen, auch Wind ist vorhanden. Warum also nicht dort billig Strom erzeugen, damit grünen Wasserstoff herstellen und nach Europa transportieren, wo große Mengen des Brennstoffs benötigt werden, um Erdgas und Öl abzulösen?

Die Regionen mit ihren Wüsten würden profitieren und die Staaten der EU könnten auf dem Weg zur Klimaneutralität zügig vorankommen. Doch bisher steht das "Desertec 3.0" genannte Konzept noch am Anfang. Und besonders mit dem Transport hapert es.

Vor allem Deutschland könnte von dem Wüsten-Brennstoff profitieren. Die Industrie verbraucht noch sehr viel fossiles Erdgas für sogenannte Prozesswärme, ohne die viele Produkte nicht hergestellt werden können. Wird das Erdgas verbrannt, entstehen Treibhausgase, die die Erderwärmung vorantreiben.

Eine Alternative soll Wasserstoff sein. Wird er verbrannt, bleibt Wasser übrig. Der Bedarf in Deutschland ist riesig. Zurzeit sind es etwa 57 Milliarden Kilowattstunden, wie der Nationale Wasserstoffrat der Bundesregierung ermittelt hat. Für 2030 rechnet der Rat mit bis zu 202 Milliarden Kilowattstunden.

2040 könnten es sogar 738 Milliarden sein. Zum Vergleich: 2021 verbrauchte Deutschland etwa 1.000 Milliarden Kilowattstunden fossiles Erdgas. Grüner Wasserstoff könnte in Zukunft also einen ähnlichen Stellenwert wie heute das Erdgas haben.

Ägypten will größter Erzeuger werden

Deutschland habe selbst nicht genug Kapazität, um diese Mengen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien herzustellen, sagte die Wasserstoffrats-Vorsitzende Katherina Reiche kürzlich bei einem Treffen zu Desertec 3.0 in Kairo. Reiche leitet auch den Energieversorger Westenergie, der zum Eon-Konzern gehört.

Hinter Desertec 3.0 steht Dii Desert Energy mit Sitz in Dubai. Die Initiative verweist auf zahlreiche Wüstenenergie-Projekte. Alle Länder in Nordafrika und dem Nahen Osten bauten Solar- und Windenergie aus, sagte Cornelius Matthes, Chef von Dii Desert Energy und ehemaliger Deutsche-Bank-Manager.

Auch die Produktion von Wasserstoff und Ammoniak ist geplant. Es gebe konkrete Wasserstoffprojekte mit einer Gesamtleistung von mehr als 20.000 Megawatt. Für die nächsten Jahre rechnet Matthes mit insgesamt 100.000 Megawatt.

Größter Erzeuger in der sogenannten Mena-Region ist Ägypten. Allein 24 der 61 Wasserstoffprojekte in der Region werden im Gastgeberland der laufenden Weltklimakonferenz realisiert. Auch in Marokko und Oman wird an Wasserstofffabriken gearbeitet. Ägypten baut Matthes zufolge auch den größten Wasserstoff-Verladehafen in der Suez-Freihandelszone.

Viele der Projekte sind allerdings erst im Bau, eine schnelle Lieferung grünen Wasserstoffs ist nicht zu erwarten – zumal Möglichkeiten fehlen, den Wasserstoff in großen Mengen zu transportieren.

Am günstigsten wären dabei Pipelines. Laut Katherina Reiche vom Wasserstoffrat könnten bestehende Gaspipelines von Algerien und Marokko nach Spanien sowie von Algerien über Tunesien nach Italien umgebaut werden. Nötig sei aber auch eine neue Pipeline von Ägypten nach Griechenland und weiter nach Italien.

Pipeline-Umbau und neue Terminals nötig

Dii-Chef Matthes nannte eine Planungs- und Bauzeit von drei bis fünf Jahren. Dazu müsste allerdings klar sein, wer die neue Pipeline finanziert. Das Gleiche gilt für den Umbau bestehender Anlagen. Zudem sind Algerien und Marokko gerade nicht gut aufeinander zu sprechen.

In Deutschland ließen sich 85 Prozent der bestehenden Pipelines so umbauen, dass statt Erdgas Wasserstoff transportiert werden könnte, sagte Wasserstoffrats-Chefin Reiche. Bisher fehlen auch Pläne für große Verladeterminals an Häfen.

Bis günstiger grüner Wasserstoff in großen Mengen von Nordafrika oder gar Saudi-Arabien aus nach Europa und Deutschland strömt, dauert es also noch. Allerdings kennt sich Dii mit solchen Situationen aus.

Alles begann 2009, als die Initiative unter dem Namen Desertec in Deutschland startete. Damals war die Idee, vor allem die Sonne in den nordafrikanischen Wüstenregionen zu nutzen, um im großen Stil günstig Strom zu erzeugen und per Kabel Europa und vor allem der deutschen Industrie zur Verfügung zu stellen. Richtig voran kam das Projekt nicht, trotz großer Partner wie Deutsche Bank, Eon, RWE und Siemens sowie Acwa Power aus Saudi-Arabien und der staatlichen chinesischen Netzgesellschaft State Grid Corporation.

Desertec 2.0 konzentrierte sich dann darauf, in Nordafrika und dem Nahen Osten Wind- und Solaranlagen zu unterstützen. Dii zog von München nach Dubai in die Vereinigten Arabischen Emirate.

Neue Abhängigkeiten?

Anteilseigner sind heute Acwa Power und die State Grid Corporation, der deutsche Stahlkonzern Thyssen-Krupp will sich beteiligen. Dazu kommen inzwischen 93 Partner – vom staatlichen französischen Energiekonzern EDF über Siemens, den Gasehersteller Linde und den staatlichen saudischen Ölkonzern Aramco bis zum Windanlagenbauer Vestas aus Dänemark, dazu Unternehmen aus Nordafrika.

Auch Neom ist Partner von Dii. In die gigantische Planstadt im Nordwesten Saudi-Arabiens will der staatliche Investitionsfonds bis zu 500 Milliarden US-Dollar stecken. Unter anderem soll in Technologien investiert werden, die Saudi-Arabien unabhängiger vom Öl machen. Acwa Power baut hier gerade eine Wasserstofffabrik, die 2026 täglich so viel produzieren soll, wie 20.000 Linienbusse verbrauchen können.

Weitere ähnlich große Fabriken sind in Ägypten und im Oman geplant. "Wasserstoff könnte das neue Öl und Gas werden", sagte Dii-Chef Matthes. Möglicherweise begibt sich Europa dann in eine neue Abhängigkeit, was keine gute Idee wäre.

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