Mehr Kohle-Kraftwerke, aber weniger Auslastung

Weltweit schrumpfen die Kohlekraftwerks-Kapazitäten. Einzig China genehmigt mehr neue fossile Meiler – auch um die Folgen der Coronakrise zu bewältigen. Doch die Auslastung der Kohlekraftwerke sinkt insgesamt.


Heizkraftwerk in China
Wärmekraftwerk in der chinesischen Provinz Hunan: Weltweit schrumpfen die Kohlekraftwerkskapazitäten, aber Chinas Genehmigungsboom frisst den globalen Rückgang wieder auf. (Foto: Huang Dan/​Wikimedia Commons)

Die Corona-Pandemie beeinträchtigt das gesellschaftliche Leben und Unternehmen weltweit. Auch die Kohlekonzerne bekommen die Auswirkungen von Covid-19 zu spüren. Mindestens 14 Kraftwerksprojekte in asiatischen Ländern wurden vorerst ausgesetzt. Der Grund dafür sind Unterbrechungen beim Personen- und beim Lieferverkehr. 

Anders sieht es dagegen in China aus: In diesem Monat hat die Regierung bereits mehr Kohlekraftwerke zum Bau zugelassen als im gesamten Jahr 2019, gemessen an der Leistung.

Konkret hat die chinesische Regierung nun fünf neuen Kraftwerken mit einer Kapazität von zusammen 7.960 Megawatt die Baugenehmigung erteilt. Mit den neuen Kraftwerken soll die heimische Wirtschaft wieder angekurbelt werden.

"Da die politischen Entscheidungsträger nach der Coronakrise nach Möglichkeiten suchen, die Wirtschaft zu stimulieren, wäre eine Welle neuer Kohlekraftwerke die schlimmste Art von Verschwendung", sagt Lauri Myllyvirta, Analyst vom Centre for Research on Energy and Clean Air, einer Forschungsorganisation mit Sitz in Helsinki.

Sowohl Chinas Klimaschutz-Verpflichtungen als auch die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit der erneuerbaren Energien führten aber dazu, dass die Erneuerbaren an Fahrt aufnehmen, sodass für die Kohleverstromung kein Raum zum Wachsen bleibe.

Doch noch wächst Chinas Kraftwerksflotte. Laut dem Kohle-Statusreport "Boom and Bust 2020" des Forschungsnetzwerks Global Energy Monitor wurden 2019 in China Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 43.800 Megawatt neu in Betrieb genommen. Von den im Vorjahr weltweit in Betrieb genommenen Kohleblöcken (68.300 Megawatt) stehen damit knapp zwei Drittel in China. 

Umfassende Datenbasis

Doch der Zuwachs der neuen Kraftwerke übersteigt schon jetzt die Strom-Nachfrage in dem Land. 40 Prozent der 2019 in Betrieb genommenen chinesischen Kohlekraftwerkskapazitäten wurden als Notfallreserve eingestuft, was ihre Nutzung einschränkt.

Der Genehmigungsboom in China führte dazu, dass die weltweiten Kohlekapazitäten 2019 insgesamt um 34.100 Megawatt wuchsen. Rechnet man China heraus, schrumpft die weltweite Kohleflotte aber.

Außerhalb des Reichs der Mitte wurden weltweit mehr Kraftwerkskapazitäten stillgelegt (27.200 Megawatt) als in Auftrag gegeben (24.500 Megawatt), wie aus dem "Boom and Bust"-Bericht hervorgeht, der in Zusammenarbeit mit Greenpeace International, dem Sierra Club und dem Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) entstand.

"Der Bericht basiert auf umfassenden Daten zu allen seit 2010 global existierenden sowie geplanten Kohlekraftwerken und ist damit ein sehr wichtiger Beitrag für NGOs und Forschung zur Einschätzung globaler und regionaler Entwicklungen von Kohlekraftwerkskapazitäten", sagt Hanna Brauers von der Forschungsgruppe "Coal Exit" der TU Berlin. Allerdings könne eine höhere Transparenz einzelner Länder zum Bau sowie zur Abschaltung von Kraftwerken solche Analysen erleichtern.

Auch aus Sicht von Niklas Höhne vom Kölner New Climate Institute sind die Erkenntnisse des Reports belastbar und genau. "Der Global Coal Plant Tracker generiert seine Erkenntnisse durch das Monitoring von jedem einzelnen Kohlekraftwerk", sagt Höhne gegenüber Klimareporter°.

Kohlekraftwerke stehen immer häufiger still

Auch wenn die weltweiten Kapazitäten weiter zunehmen – die bestehenden Kraftwerke laufen immer weniger. "Besonders erstaunt hat mich die Zahl, dass alle Kohlekraftwerke der Welt im Schnitt nur 51 Prozent der Zeit laufen, also zu 49 Prozent stillstehen", sagt Höhne. Man könne sich leicht ausrechnen, dass sich das für die Betreiber auf Dauer nicht lohne.

Eine Entwicklung, die sich vor allem in den USA beobachten lässt. Dort schalten immer mehr Kraftwerksbetreiber ihre Kohlekraftwerke ab oder melden gleich Konkurs an – obwohl Präsident Donald Trump versprochen hatte, den "Krieg gegen die Kohle" zu beenden. Das gelang ihm bislang nicht. Unter Trump sind die Kraftwerksstilllegungen um zwei Drittel höher als in der Amtszeit seines Vorgängers Barack Obama. 

Fast die Hälfte aller 2019 stillgelegten Kapazitäten entfallen denn auch auf die USA (16.500 Megawatt), auch die Stromproduktion der Kohlekraftwerke sank dort um 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auf globaler Ebene ging die Stromproduktion mit drei Prozent nur leicht zurück. 

Einen deutlichen Rückgang dokumentiert der Bericht bei der Kohleverstromung in der Europäischen Union. Dort ist die Stromerzeugung 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 24 Prozent eingebrochen.

Trotzdem sehen Expert:innen die EU nicht als Vorreiter beim Kohleausstieg. "Die Kohlestromproduktion ist im letzten Jahr gesunken, weil Änderungen im EU-Emissionshandel den CO2-Preis erhöht haben und so Kohlekraft weniger attraktiv wurde", erläutert Höhne.

Ein stetig ansteigender CO2-Preis im Emissionshandel würde die Kohlekraftwerke von allein aus dem Netz drängen und die EU zum Vorreiter machen. Diese Entwicklung ist für den Experten derzeit aber noch nicht absehbar.

Auch für TU-Forscherin Brauers ist die EU weit davon entfernt, eine globale Führungsrolle beim Kohleausstieg einzunehmen.

"Berechnungen zeigen, dass zur Erfüllung des Pariser Klimaabkommens die Kohleverstromung in der EU bereits 2030 beendet sein muss", sagt Brauers gegenüber Klimareporter°. "Während weltweit immer mehr Länder ambitionierte Kohleausstiegspläne implementieren, verzögern Deutschland und andere europäische Staaten diesen Prozess."

Kosten des Kohleausstiegs geringer als erwartete Belastungen

Doch einen zügigen Abschied von der Kohle braucht es, wenn es die Weltgemeinschaft ernst mit dem Pariser Klimaabkommen meint. "Bereits die aktuell vorhandene Kohlekapazität kann, wenn das Paris-Abkommen erfüllt werden soll, nicht mit voller Auslastung über die geplante Lebenszeit genutzt werden", sagt Brauers. 

Würden jedoch alle Länder den Kohleausstieg einleiten, käme die Welt dem Ziel des Pariser Klimaabkommens um 50 Prozent näher. Das Ende der Kohleverstromung würde nicht nur die klimaschädlichen CO2-Emissionen massiv senken, sondern wäre auch für die öffentliche Gesundheit und die biologische Vielfalt gut. 

Forscher:innen mit Beteiligung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung haben in einer Studie ausgerechnet, dass die eingesparten Kosten durch geringere Schäden an Gesundheit und Ökosystemen die Kosten des Kohleausstiegs übersteigen.

Den volkswirtschaftlichen Netto-Nutzen beziffert die Studie auf 1,5 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung im Jahr 2050. 

Es lohnt sich also, bestehende Kraftwerke rasch abzuschalten. Und auch für neue CO2 emittierende Infrastrukturen lassen die Klimaziele keinen Raum. "Jedes zusätzlich gebaute Kohlekraftwerk verursacht bei einer Laufzeit von rund 40 Jahren noch weit über das Jahr 2050 hinaus Emissionen", betont Brauers.

Das widerspreche der zur Jahrhundertmitte nötigen weltweiten Treibhausgasneutralität und verschärfe die Klimakrise noch weiter.

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