Dicke Luft in Neu-Delhi

Man kann in der indischen Megametropole kaum atmen, doch die Regierung will am Menschen- und Klimakiller Kohle noch lange festhalten.


Ein Straßenkehrer hat einen Schwarm Tauben auf einem Platz aufgescheucht, dahinter eine Straße und ein Gebäude im Kolonialstil, alles in dichtem Smog.
Smog im Finanzdistrikt von Neu-Delhi: Indiens Hauptstadt weist den weltweit höchsten Feinstaubgehalt auf. (Foto: Umweltministerium Indien/​GODL/​Wikimedia Commons)

Das Leben in Indiens Hauptstadt steht still. Die Schulen sind geschlossen, Lastwagen dürfen nur noch eingeschränkt einfahren, Bauarbeiten wurden gestoppt, zu dem sind mehrere umliegende Kohlekraftwerke sind vorübergehend geschlossen worden.

Der Grund: Dicker, stinkender Smog liegt über Neu-Delhi und Umgebung. Die Feinstaubbelastung der Luft liegt aktuell ein Vielfaches über den Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation WHO. Kein neues Problem, aber eines, das sich zuspitzt – und Indiens Festhalten an der Kohle zunehmend fragwürdig macht.

Die Qualität der Luft in der indischen Riesenmetropole mit ihren 28 Millionen Einwohnern gehört weltweit zu den schlechtesten, vor allem im Herbst. Noch dicker als sonst wird sie dann, weil Bauern in den umliegenden Bundesstaaten Erntereste auf den Feldern verbrennen, um schnell wieder anbauen zu können. Außerdem fand jüngst das hinduistische Lichterfest Diwali statt, das mit Feuerwerk gefeiert wird.

Doch auch schon die "normale" Luftverschmutzung ist hoch. Die Abgase von Autos und Industrie, der Staub von Müllverbrennung und Baustellen nebeln die Bewohner der Metropole ein. Die Lage ist so dramatisch, dass das Oberste Gericht des Landes die Regierung aufgefordert hat, Maßnahmen gegen den Smog zu ergreifen.

Interessant ist, dass der zugleich vorgelegte Bericht des Indischen Rates für Medizinische Forschung (ICMR) das Verbrennen von Kohle in Kraftwerken, Industrie und Haushalten ins Zentrum stellt. Das habe zu einem Anstieg der vorzeitigen Todesfälle geführt. Quintessenz: "Deshalb muss Indien dringend von der Kohle als Hauptenergiequelle wegkommen."

Die Regierung sieht das offenbar anders. Denn sie will die Kohlenutzung zwar einschränken, aber nur langfristig. Bei dem Thema machte sie auch international Druck, auf dem jüngsten Klimagipfel in Glasgow. Indiens Delegation setzte sich da mit ihrer Intervention durch, den "Kohleausstieg" aus der Abschlusserklärung zu streichen. Stattdessen heißt es darin lediglich noch, die Kohlenutzung solle "heruntergefahren" werden.

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins Klimareporter°.

Mediziner schätzen, dass in Indien pro Jahr über eine Million vorzeitige Todesfälle auf das Konto der Luftverschmutzung gehen. Wenn schon die Klimakrise für die Regierung kein ausreichender Grund ist, schneller umzusteuern – das müsste doch eigentlich einer sein.

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