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Brasilien will mit Amazonas-Sauerstoff handeln

Ans Ausland gerichtet spricht Brasiliens Präsident Bolsonaro gern davon, Ökonomie und Ökologie zu versöhnen. Sein Wirtschaftsminister will nun den vom Regenwald produzierten Sauerstoff zu Geld machen. Das ist Unsinn, sagen Wissenschaftler und Umweltschützer.


Vier Millionen Setzlinge pflanzten der Fotograf Sebastião Salgado und seine Ehefrau Lélia Deluiz Wanick vor über 20 Jahren auf dem sieben Quadratkilometer großen Grundstück. Um Wälder in großem Maßstab wiederaufzuforsten, braucht es Milliarden an Setzlingen. (Foto: Lauren Dauphin/​NASA Earth Observatory)

Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro nennen manche den "Tropen-Trump". Er demontiert den Umweltschutz in seinem Land, öffnet den Amazonas-Regenwald weiter für die Agrarindustrie und beschneidet die Rechte der dort lebenden Ureinwohner.

Jüngst allerdings gab Bolsonaro wieder einmal den Ökologen. Er wolle "die Entwicklung mit der Erhaltung der Umwelt verbinden", sagte er in einer Rede in der Amazonas-Metropole Manaus. Parallel warb sein Wirtschaftsminister Paulo Guedes dort für Idee, einen weltweiten Sauerstoff-Handel aufzuziehen, aus dem Brasilien Einkünfte für den im Amazonaswald produzierten Sauerstoff beziehen würde. Bei Ökonomen und Umweltschützern trifft das Konzept auf große Vorbehalte.

Für den neoliberalen Minister Guedes ist die Idee, den Amazonas-Sauerstoff in klingende Münze verwandeln zu können, offenbar verlockend. Der größte Regenwald der Erde in Südamerika, der zu rund 60 Prozent auf brasilianischem Gebiet liegt, produziert rund ein Fünftel des weltweit bei der Photosynthese von Algen und Pflanzen entstehenden Sauerstoffs, beliefert also auch den Rest der Welt mit dieser lebenswichtigen Ressource. Brasilien hat rund 214 Millionen Einwohner, die Weltbevölkerung beträgt 7,7 Milliarden Menschen.

"Wir produzieren Sauerstoff für die Welt", sagte Guedes. Er werde prüfen lassen, inwieweit sein Land das Urheberrecht daran bekommen und ihn dann einer Börse handeln könne. Guedes schlug dabei wie Bolsonaro grüne Töne an. Manaus könne so "ein Weltzentrum für Nachhaltigkeit und biologische Vielfalt" werden. Amazonien müsse Vorrang bei der nachhaltigen Entwicklung bekommen.

Die Idee eines globalen Sauerstoff-Marktes ist neu. Für das Treibhausgas Kohlendioxid allerdings gibt es im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen solche Konzepte, bekannt unter dem Kürzel REDD+.

Ziel ist hierbei, dass Industrieländer mit hohen CO2-Emissionen durch Kauf von CO2-Zertifikaten die Erhaltung und Aufforstung von Wäldern finanzieren, die große Kohlenstoff-Speicher sind. Sie können sich dann die entsprechenden CO2-Mengen auf ihre eigenen Klimaschutz-Verpflichtungen anrechnen lassen.

Sauerstoff-Zertifikate könnten zumindest theoretisch eine weitere Einnahmequelle für Brasilien und andere Länder weltweit mit viel produktiver Biomasse sein, die quasi Exporteure des lebenswichtigen Gases sind.

Unbestritten ist: Wälder erfüllen neben der Lieferung von Holz wichtige Ökosystem-Dienstleistungen, regional und global. Sie produzieren nicht nur Sauerstoff, sie binden auch CO2, liefern Holz, reinigen die Luft, sorgen für einen ausgeglichenen Wasserhaushalt und sind ein wichtiger Hort der Biodiversität.

Untersuchungen aus dem Jahr 2016 beziffern den Wert der "Wald-Leistungen" auf weltweit jährlich 16,2 Billionen Dollar. Zum Vergleich: Das Welt-Bruttoinlandsprodukt betrug 2018 rund 84 Billionen.

"Eine Nebelkerze, um Waldschutz-Pflichten zu umgehen"

Wirtschaftsforscher und auch viele Umweltschützer können dem Konzept, die Ökosystem-Dienstleistungen der Natur zu monetarisieren, durchaus etwas abgewinnen. Andere Umweltexperten warnen vor Scheinlösungen.

Beim Münchner Ifo-Institut heißt es zu dem brasilianischen Vorschlag: Wenn Einkünfte aus einem Emissionshandel genutzt werden, um Regenwald zu erhalten – also ihn nicht abzuholzen oder abzubrennen, um ihn in Agrarland umzuwandeln – sei das grundsätzlich sinnvoll.

"Dazu ist ein Handel mit CO2-Zertifikaten aber am sinnvollsten", sagte Ifo-Experte Johann Wackerbauer. Dass ein zusätzlicher Sauerstoffhandel hierfür taugen würde, glaubt er nicht. "Es müsste ja auch Länder geben, die dafür zahlen wollen."

Hier sieht auch Ruth Delzeit, Leiterin des Forschungsbereichs "Umwelt und natürliche Ressourcen" am Institut für Weltwirtschaft Kiel, das Hauptproblem der Guedes-Idee: "Im Gegensatz zum CO2-Handel, wo eine begrenzte Zahl von Emissionszertifikaten gehandelt wird, gibt es beim Sauerstoff keine Knappheit."

Es sei deshalb die Frage, wo da die Nachfrage herkommen soll, die zu einem Handel führt. "Der Preis läge wohl bei null." Davon abgesehen sei es aber durchaus eine berechtigte Frage, ob Brasilien Transferzahlungen erhalten sollte, um für den bei der Erhaltung des Regenwaldes entgangenen ökonomischen Nutzen kompensiert zu werden.

Der Leiter für internationale Biodiversitätspolitik bei der Umweltstiftung WWF, Günter Mitlacher, meinte: "So sinnvoll der Ansatz ist, den Leistungen der Natur auch einen ökonomischen Wert zu geben, hier wird er von der brasilianischen Regierung völlig zweckentfremdet."

Die Idee, ein Urheberrecht auf Amazonas-Sauerstoff zu beanspruchen, sei "völliger Quatsch und nur eine Nebelkerze, um sich aus den Verpflichtungen zum internationalen Waldschutz herauszustehlen", sagte er. Mit großer Sorge müsse man zusehen, wie Brasiliens Regierung eine großflächige Entwaldung fördere, Indigene und ihre Rechte missachte, große Waldschutzgebiete auflöse und den Amazonas als Lunge der Erde insgesamt attackiere.

Ganz knapp fertigt der Klimaexperte Jochen Luhmann vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie den Vorschlag ab: "Es ist ganz einfach: Es gibt keinen Sauerstoffmangel. Das ist ein Lösungsvorschlag für ein nicht existierendes Problem."

Tatsächlich ist bisher von einer echten Wende zur Nachhaltigkeit und zum Schutz der Biodiversität in der brasilianischen Politik nichts zu sehen. Die Waldvernichtung am Amazonas, die in den letzten Jahrzehnten bereits ein Fünftel der Fläche kostete, ist seit Bolsonaros Amtsantritt vor gut einem halben Jahr deutlich angestiegen. Die Rodungen schaffen Platz für Soja- und Rinderfarmen, die zumeist für den Export produzieren.

Bolsonaros Regierung verteidigt die wirtschaftliche Öffnung von Naturschutz- und Indigenengebieten am Amazonas als notwendig, um die ökonomische Entwicklung voranzutreiben. Zurzeit erarbeitet die Regierung in Brasilia ein Gesetz zur Legalisierung von Goldschürfstätten und plant den Bau von Asphaltpisten durch bisher unberührten Urwald.

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