Winzige Killer schlagen noch härter zu

Luftschadstoffe sind weltweit für jeden fünften Todesfall verantwortlich, zeigt eine neue Harvard-Studie. Die Forscher weisen auf die Win-win-Situation beim Umstieg auf alternative Energien hin: besseres Klima und längeres Leben.


Industrieanlagen mit rauchenden Schloten in der Abenddämmerung
Luftverschmutzung im Ruhrgebiet: Klimaschädlich heißt oft auch gesundheitsschädlich. (Foto: Ralf Vetterle/Pixabay)

Luftverschmutzung durch die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle und Erdöl ist ein Killer – sie verkürzt die Lebenserwartung vieler Menschen auf der Welt. Das haben Studien immer wieder gezeigt.

Das Risiko vorzeitiger Todesfälle durch die so entstehenden Partikelemissionen in der Luft ist aber offenbar deutlich höher als bisher angenommen. Eine neue Untersuchung ergab, dass weltweit jedes Jahr mehr als acht Millionen Menschen daran sterben. Etwa jeder fünfte Todesfall geht damit auf das Konto von Kohle und Co. 

Am stärksten betroffen sind laut der Studie Indien und China, wo die Kohleverbrennung eine sehr große Rolle spielt. Die beiden Länder haben die höchsten Todesraten durch Luftverschmutzung.

Aber auch Europa ist ein Schwerpunkt. In Deutschland gibt es jährlich knapp 200.000 vorzeitige Todesfälle durch verschmutzte Luft, rund 22 Prozent der Gesamtzahl. Besonders betroffen sind das Ruhrgebiet, Berlin, Frankfurt am Main und Hamburg.

Erarbeitet wurde die Studie von der renommierten US-Universität Harvard in Zusammenarbeit mit drei britischen Universitäten (Birmingham, Leicester, University College London), veröffentlicht wird sie am heutigen Dienstag in der Zeitschrift Environmental Research.

Die neuen hohen Zahlen überraschen. Frühere Studien kamen zu weitaus niedrigeren Hochrechnungen. So bezifferte die jüngste internationale "Global Burden of Disease Study", die als größte und umfassendste Studie zu den Ursachen der Sterblichkeit weltweit gilt, die Gesamtzahl der Todesfälle durch Feinstaub in der Außenluft auf 4,2 Millionen jährlich – und zwar einschließlich des Rauchs von Waldbränden und vom Abbrennen von Feldern in der Landwirtschaft.

Es stellt sich die Frage: Wie kamen die Wissenschaftler auf eine so hohe Zahl von Todesfällen allein durch fossile Brennstoffe? 2018 waren es nach ihren Daten rund 8,7 Millionen.

Außenluft-Werte erstmals direkt abgeschätzt

Die Experten entwickelten ein neues Modell zur Risikobewertung der Luftverschmutzung, das die Schwachstellen bisheriger Berechnungen behebt. Denn obwohl seit Jahrzehnten bekannt ist, dass Feinstaub gefährlich ist, habe es bisher nur wenige epidemiologische Studien gegeben, die die Gesundheitsfolgen von sehr starker Luftverschmutzung analysierten, wie sie in China oder Indien vorkommt.

In früheren Studien seien deshalb die bekannten Daten zum Passivrauchen in Innenräumen genutzt worden, um die Folgen der hohen Werte im Freien abzuschätzen. "Neuere Untersuchungen aus Asien haben jedoch gezeigt, dass dieser Ansatz das Risiko bei hohen Konzentrationen der Außenluftverschmutzung erheblich unterschätzt", erläutern die Forscher.

Das neue Modell nutzt ein in Harvard entwickeltes globales 3-D-Modell der Atmosphärenchemie, dessen Ergebnisse anhand von Luftmessungen sowie flugzeug- und satellitengestützten Beobachtungen auf der ganzen Welt überprüft worden sei. Anstatt Durchschnittswerte zu nutzen, die große Regionen betreffen, habe man möglichst genau kartiert, "was die Menschen einatmen", so die Forscher.

Damit konnte nun auch gezeigt werden, dass Luftreinhaltemaßnahmen tatsächlich positive Folgen haben. Beispiel China: Nachdem die Regierung in Peking unter anderem besonders schmutzige Industriebetriebe und Kohlemeiler stillgelegt hatte, konnte man das laut der Studie sogar in den globalen Zahlen ablesen. 2012 hätten die Feinstaub-Toten noch 21,5 Prozent der gesamten Todesfälle ausgemacht, 2018 seien es "nur" noch 18 Prozent gewesen.

Harvard-Professor und Mitautor Joel Schwartz betonte: "Wenn wir über die Gefahren der Nutzung fossiler Brennstoffe diskutieren, geschieht das oft im Zusammenhang mit CO2 und Klimawandel, und wir übersehen die möglichen gesundheitlichen Auswirkungen der Schadstoffe, die zusammen mit den Treibhausgasen emittiert werden."

Er hoffe, sagte Schwartz, dass die neue Studie den Politikern und allen Beteiligten noch klarer mache, welche Vorteile der Übergang zu alternativen Energiequellen bringe.

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