Hundstage auf Französisch

Im Süden Frankreichs werden derzeit Hitzerekorde gebrochen, mit Temperaturen weit über 40 Grad. Wie die Menschen dort mit dem Extremwetter umgehen, zeigt: Wir Deutschen verstehen vom Sommer immer noch sehr wenig.


Sonnenschirm in der Sommerhitze
Unterm Sonnenschirm lässt sich die Hitze aushalten. (Foto: Martina Liel/​Pixabay)

Monsieur ist gerade aus Nîmes zurück nach München gekommen. Brutzelbraun und bestens gelaunt. Denn in Nîmes, das liegt an der französischen Mittelmeerküste, ist es heiß, sehr, sehr heiß. Derzeit liegen die Temperaturen dort bei annähernd 40 Grad, am gestrigen Freitag waren es sogar fast 44 Grad. Und das ist wirklich eine Menge Holz.

Nichts für mich, wo ich doch schon bei 28 Grad in Schweiß regelrecht ersaufe. Ist angeboren, meinem Vater ging es genauso. Schön ist es trotzdem nicht.

Monsieur aber liebt die Hitze. Als es im ganz unwonnigen Mai 2019 in München dauernd regnete und das Thermometer über 15 Grad nicht hinauskam, hatte mein Französischlehrer wochenlang schlechte Laune und zitierte missmutig Heinrich Heine: "L’été allemand est un hiver peint en vert."

Übersetzt lautet das: "Der deutsche Sommer ist ein grün angestrichener Winter." Monsieur war auch deshalb schlecht drauf, weil er sich um seine Strandfigur sorgte. Denn aus lauter Frust über das Münchner Wetter aß er nur noch Nudeln mit Butter. Aber nicht mit ein paar Butterflocken obenauf, sondern gleich einem ganzen Stück. Pro Mahlzeit!

Doch jetzt ist wieder alles in Ordnung. In Nîmes und, dank aktueller Saharakeule, auch in München. Zumindest für Monsieur.

Als ich bei unserem letzten Treffen in kurzen Hosen und T-Shirt erschien, runzelte er die Stirn und meinte, das Französische Kulturinstitut – es liegt in einem alten Palais am Englischen Garten, an dessen Front immer die französische Flagge hängt – sei doch kein Strandbad. Er selbst ist natürlich auch bei warmer Witterung immer korrekt gekleidet, kurze Hosen sind tabu.

Vom Strand versteht Monsieur etwas. Wenn er in Nîmes weilt, geht er immer sehr früh an den Strand, verbringt dort die noch recht angenehmen Stunden bis zum frühen Mittag und fährt dann, wenn die Hitze unerträglich wird und die Touristen kommen, wieder nach Hause in den Schatten. Abends kommen dann auch die krebsroten Touristen.

Deshalb gibt es in Frankreich auch zwei Arten, sich am Strand der Sonne auszusetzen: bronzer (bräunen) und brûler (verbrennen). Monsieur pflegt die erste, die meisten Touristen die zweite Variante.

Für Monsieur herrschen derzeit in München noch eher frühlingshafte Temperaturen. Beinahe vorwurfsvoll belehrte er mich, als ich von einer uns bevorstehenden extremen und außerordentlich frühen Hitzewelle sprach, was das sei, eine echte Hitzewelle – auf Französisch la canicule. Das heißt, frei übersetzt, Hundstage.

Und dass wir Deutschen zwar alles besser wüssten als andere. Aber vom Sommer und vom Leben im Süden verstünden wir nichts und sollten deshalb lieber unseren Mund halten. Wobei fast 44 Grad, wie gestern in Nîmes, auch für Sommerspezialisten und Wärmefans kein Pappenstiel sind.

Fenster zu oder Durchzug?

Gut, dass Monsieur nicht regelmäßig deutsche Zeitungen liest. Die überschlagen sich ja gerade mit Warnungen vor der heranbrausenden Mörderhitze und geben Überlebenstipps: viel trinken, Fenster geschlossen halten, leichte Kost, keine Schwerarbeit im Freien, kaltes Tuch in den Nacken, Schwimmbad und ähnliches.

Allerdings scheint über die möglichen Vorsichtsmaßnahmen gegen einen Hitzschlag keine Einigkeit zu bestehen.

Jörg Kachelmann meinte gerade, es sei völliger Quatsch, den Leuten zu raten, bei großer Hitze nur morgens und abends kräftig durchzulüften und untertags alle Fenster, Gardinen und Jalousien geschlossen zu halten. Stattdessen empfiehlt der Kolumnist und Besitzer eines Online-Wetterportals, die Fenster weit aufzureißen und für Durchzug zu sorgen.

Foto: Monika Höfler

Der Kolumnist

Der Autor und Journalist Georg Etscheit lebt in München – und regt sich leidenschaftlich gern über die kleinen und großen Stressmomente des Alltags auf.

Oder einen Ventilator beziehungsweise die Klimaanlage einzuschalten. Die ständige Angst vor angeblich krank machendem Durchzug sei ein "Mythos", meint Kachelmann: "Bei einem anständigen Wind hält man jede Temperatur aus." Auf dem Foto des Wettermannes im Münchner Merkur trägt der Schweizer dazu Strickjacke und Schal. Vielleicht macht ihm der Durchzug deshalb nichts aus.

Ich weiß jetzt nicht ganz, was ich von alldem halten soll. Klimaanlagen hasse ich, weil ich wirklich das Gefühl habe, dass mir in der künstlich-kühlen Brise schon nach einer halben Stunde der Hals kratzt. Außerdem verbrauchen die enorm viel Energie.

Ventilatoren finde ich besser, allerdings nur die großen, träge vor sich hin kreisenden Propeller an der Decke, wie man sie in Filmen sieht, die im kolonialen Indien spielen. Für draußen bräuchte man dann noch einen Tropenhelm. Ob man den im Outdoor-Geschäft kriegt? Oder sieht der zu militaristisch aus?

Monsieur hält von solch primär technischen Schutzmaßnahmen wenig. Er macht das, was viele Leute im Süden bei großer Hitze machen. Er legt sich mittags hin und hält Siesta.

Vielleicht müsste man im Zuge der Klimaerwärmung auch über solche ganz lebenspraktischen Anpassungsmaßnahmen nachdenken. Könnte der mittlerweile komplett durchgrünte bayerische Ministerpräsident Markus Söder die Einführung einer mindestens vierstündigen Mittagspause nicht mal in die politische Debatte einbringen?

Und den Chiemsee könnte er gleich zum bayerischen Mittelmeer erklären.

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