Erschlagende Hitze

In Europa droht wegen der Hitzewelle ein Anstieg von Todesfällen. Besonders alte Menschen sind gefährdet. Deutsche Notaufnahmen sind trotz der heißen Tage nicht überfüllt. Seit dem Rekordsommer 2003 haben die Menschen ihr Verhalten angepasst, sagen Ärzte.


Silhouette einer Skyline vor einem roten Himmel
Mit dem Klimawandel werden heiße Tage häufiger. (Foto: Nadine/​Pexels)

Das Jahr 2003 brachte für Europa einen traurigen Rekord: Es starben mehr Menschen an den Folgen extremer Hitze als in irgendeinem Jahr des vergangenen Jahrhunderts. Erste Schätzungen bezifferten die Todesfälle, die es ohne die hohen Temperaturen nicht gegeben hätte, auf 35.000. Jahre später schauten sich französische Forscher die Statistiken noch einmal an und kamen sogar auf die doppelte Zahl. Auch in Deutschland starben Tausende.

Thrombose, Überhitzung, Herzschwäche, Nierenversagen – im Jahr 2100 könnten noch viel mehr hitzebedingte Todesfälle Normalität sein. Forscher der EU-Kommission prognostizieren, dass in der Europäischen Union zum Ende des Jahrhunderts jährlich 152.000 Menschen durch Extremwetterereignisse umkommen werden – fast alle durch Hitze.

Die Wissenschaftler gehen dabei von einer globalen Erwärmung um drei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau aus. Das ist nach optimistischen Prognosen etwa der Pfad, auf dem sich die Welt mit allen bisher zugesagten Klimaschutzmaßnahmen der Staaten befindet. Die Ziele, die sie sich im Paris-Abkommen setzen, sind eigentlich ehrgeiziger und sehen allerhöchstens zwei Grad Erderwärmung vor und möglichst nur 1,5 Grad. Schon jetzt ist die Ein-Grad-Marke geknackt.

Eines lassen die EU-Forscher allerdings außen vor: die Anpassungsfähigkeit des Menschen. Es ist schließlich anzunehmen, dass Europa aus den zunehmenden Erfahrungen mit extremer Hitze lernt und entsprechend anders baut und anders lebt.

Alte Menschen besonders betroffen

Schon jetzt sehen manche Krankenhäuser Anzeichen für einen Lerneffekt bei den Menschen. "Wir gehen davon aus, dass die Menschen sich wegen der anhaltenden Hitze darauf eingestellt haben", heißt es beim Klinikum Stuttgart auf Anfrage. Dass die Notaufnahme besonders stark mit hitzegeplagten Patienten zu tun habe, sei nämlich nicht der Fall. "Vielleicht kommen mal ein, zwei Patienten, bei denen man den Rückschluss ziehen könnte, dass sie ihre Beschwerden durch die Hitze kommen – aber eine Häufung ist erstaunlicherweise nicht festzustellen."

Natürlich kann Hitze die Gesundheit auch strapazieren, ohne gleich tödlich zu enden: Sonnenstich, Sonnenbrand und Kreislaufprobleme sind beispielsweise typisch. Vorbeugen lässt sich mehr oder weniger allen Hitzebeschwerden durch ausreichendes Trinken und den Schutz vor zu viel Sonne.

Auch an der Berliner Charité fallen die Mehraufnahmen wegen Hitze kaum ins Gewicht. "Sie liegen etwas höher als sonst", sagt eine Sprecherin im Gespräch mit Klimareporter°. Bei älteren Patienten gebe es eine geringe Vermehrung von Hitzesymptomen.

In der Zentralen Notaufnahme des Uni-Klinikums Magdeburg sieht es ähnlich aus. "Die Hitze verursacht kaum merklich mehr Patientenfälle, offensichtlich verhält sich die Bevölkerung richtig", sagt Chefarzt Christian Hohenstein gegenüber Klimareporter°. Kaum merklich sei der Anstieg bei Patienten mit Kreislaufproblemen. Aber: "Etwas häufiger kommen ältere Patienten aus Pflegeheimen oder von zu Hause mit Zeichen einer Austrocknung und Nierenschwäche."

Deutscher Wetterdienst hat Hitzewarnsystem angepasst

Tatsächlich sind alte Menschen besonders durch die Hitze gefährdet. Das kann an bestimmten Vorerkrankungen liegen – aber die normalen Alterserscheinungen machen es dem Körper auch schwerer, seinen natürlichen Kühlmechanismus zu nutzen.

Der funktioniert folgendermaßen: Ist es heiß, bildet der Körper mehr Schweiß, dessen Verdunstung kühlt. Der Körper weitet zudem alle seine Gefäße, um möglichst viel warmes Blut in die Nähe der Körperoberfläche zum Kühlen zu transportieren.

Im Alter wird das Herz allerdings häufig schwächer, was die stärkere Durchblutung erschwert. Außerdem lässt das Durstempfinden nach, was gerade bei verstärktem Schwitzen schnell zur Austrocknung führen kann.

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Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat sein Hitzewarnsystem deshalb im vergangenen Jahr erweitert. Ob die Behörde Warnungen herausgibt, hängt – neben Faktoren wie der nächtlichen Abkühlung – von der gefühlten Temperatur am Tage ab, die nach dem sogenannten Klima-Michel-Modell ermittelt wird. Ab 32 Grad wird vor einer "starken Belastung" gewarnt und eigentlich ab 38 Grad vor einer "extremen Belastung".

Das Problem: "Michel" ist dem Modell nach seit den 1970er Jahren ein Durchschnitts-Mann von 35 Jahren. Erst seit einem Jahr nutzt der DWD auch ein Modell mit einem "Michel senior", der im Rentenalter ist. Für ihn gelten andere Hitzemarken. "Jetzt warnen wir schon an Tagen, an denen wir für alte Menschen eine gefühlte Temperatur von 36 Grad feststellen", sagt Andreas Matzarakis vom Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des DWD in Freiburg gegenüber Klimareporter°.

Das halbe Grad macht einen enormen Unterschied

Neben der Anpassung der Lebensweise kann vor allem eines gegen zunehmende Krankheits- und Todesfälle durch Hitze helfen: Klimaschutz.

Ein Forschungsteam um Dann Mitchell von der Universität Bristol hat untersucht, wie sich die Anzahl der hitzebedingten Todesfälle in unterschiedlichen Szenarien für den Klimawandel entwickelt. ist. Genauer: Die Forscher haben den Unterschied zwischen den zwei Temperaturzielen des Paris-Abkommens anhand von Computer-Simulationen zu Paris und London untersucht. Die entsprechende Studie ist kürzlich im Fachmagazin Nature Climate Change erschienen.

Herausgekommen ist, dass den Beispielstädten in der 1,5-Grad-Welt zwischen 15 und 22 Prozent weniger Hitzetode drohen als in der Zwei-Grad-Welt. "Unsere Ergebnisse zeigen einen eindeutigen Anstieg der Sterblichkeitsrate, der auf die Hitzewellen zurückzuführen ist und vermieden werden kann, wenn die Ziele des Paris-Abkommens erreicht werden", resümiert Leitautor Mitchell.

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