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Auf der Suche nach "coolen" Orten

Eine Hitzewelle rollt auf Deutschland zu. Für ältere und besonders gefährdete Menschen wird der Politik seit Jahren geraten, spezielle "Cooling Zones" einzurichten. Passiert ist dazu wenig. In der österreichischen Hauptstadt Wien läuft es offenbar besser.


Hohe Kirchenhalle, am Rand sitzen zwei ältere Menschen.
Kirchen bleiben meist auch in Hitzewellen schön kühl, raten deutsche Städte ihren Bürgern. Beten wird bisher nicht ausdrücklich empfohlen. (Foto: Wim van 't Einde/​Unsplash)

Auch in Wien sind für die kommende Woche bis 35 Grad Celsius vorausgesagt. Für die Stadtverwaltung ist die Hitze die am deutlichsten spürbare Folge des fortschreitenden Klimawandels – nicht allein, weil die Durchschnittstemperaturen im gesamten Jahr steigen.

Besonders belastend sind die immer häufigeren und längeren Hitzewellen, bei denen es mehrere Tage in Folge tagsüber heiß ist und sich in der Nacht kaum abkühlt – so erläutert es die Bereichsleitung für Klimaangelegenheiten der Stadt Wien gegenüber Klimareporter°.

Zudem mache sich gerade in den dicht bebauten innerstädtischen Bezirken der Wärmeinseleffekt bemerkbar, heißt es bei den städtischen Klimaexperten. Dort sind die Temperaturen zum Teil deutlich höher als am Stadtrand oder im Umland.

Auch in Wien sind "vulnerable" Menschen und Risikogruppen besonders betroffen, darunter ältere und sozial isoliert lebende Menschen, Pflegebedürftige und Menschen mit chronischen oder psychischen Erkrankungen, Schwangere und Kleinkinder.

"Nicht jeder kann sich einen Swimmingpool am Dach leisten oder ans Meer fliegen, um sich abzukühlen", sagte Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky Anfang Mai, als er den Wiener Hitzeaktionsplan vorstellte.

Einer der fast 30 Punkte des Plans sind sogenannte "Cooling Zones". In der Hitzewelle könnten viele Wohnungen nicht mehr ausreichend gekühlt und vor allem für verletzliche Bevölkerungsgruppen zur Hitzefalle werden, begründen die Wiener Klimaexperten die Maßnahme. Es sei wichtig, kühle Räume zu schaffen oder zu adaptieren, um diesen Menschen eine Möglichkeit zu geben, einige Stunden im Kühlen zu verbringen.

Nutzbar für die "Cooling Zones" sind den Wiener Klimaexperten zufolge bestehende Räumlichkeiten wie die Volkshalle im Rathaus, Shoppingcenter, Schulen oder Universitäten. Mit kleineren Investitionen könnten soziale Einrichtungen auch bei Kühlungsmaßnahmen unterstützt werden, etwa der Einrichtung von Verschattungssystemen, passiver Klimatisierung oder Begrünungen. So entstünden dann kühle Räume zur öffentlichen Nutzung in einer akuten Hitzewelle.

Gerade läuft in der österreichischen Hauptstadt eine Erhebung geeigneter Räume. Diese sollen dann auf einer Karte dargestellt werden und mit der Smartphone-App "Cooles Wien" aufrufbar sein.

Gedanken macht sich die Stadt auch, wie Hilfebedürftige zu den "Cooling Zones" hinkommen. In der Prüfung sind Shuttledienste zu den kühlen Räumen oder verbilligte oder gar kostenlose Wiener-Linien-Tickets, gerade für Menschen, die unter schwierigen sozioökonomischen Bedingungen leben wie Obdachlose.

Nicht viel mehr als gute Ratschläge

Ortswechsel: Auch Berlin sucht kühle Räume, allerdings in deutlich kleinerem Rahmen. Das Aktionsbündnis Hitzeschutz Berlin konzentriere sich zunächst auf ein Pilotprojekt, das die gesundheitlichen Folgen von Hitzewellen durch kurzfristige Maßnahmen im Gesundheitswesen mindern soll, teilt die zuständige Gesundheitsverwaltung des Senats auf Anfrage mit.

Am Ende wirklich zuständig für die kühlen Räume sind – wie meist in Berlin – die Stadtbezirke. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales solle nur koordinieren, sagt die Senatsverwaltung und teilt noch mit: Vom Umsetzungsstand der Kühle-Räume-Suche habe sie derzeit keine genauere Kenntnis.

Hitze-Tipps von der Stadtverwaltung

Speziell eingerichtete öffentliche Räume für gefährdete Gruppen gibt es in Deutschland offenbar noch nicht, einige Stadtverwaltungen geben aber Hitze-Tipps. Eine kleine Auswahl.

 

In Erfurt verschnauft man unterwegs am besten in klimatisierten Kaufhäusern, Supermärkten, Discountern oder anderen Läden, rät die Stadtverwaltung. Dabei sei zu beachten: Je kleiner der Temperaturunterschied zwischen Innen- und der Außentemperatur, desto geringer die Gefahr von Erkältungen und Kreislaufbeschwerden.

 

Dresden rät zu Räumen, die man kostenlos und ohne großen Aufwand überall besuchen kann. Zum einen seien dies Supermärkte. Diese müssen gekühlt werden, um die Lebensmittel frisch zu halten – dabei bleiben offenbar auch Menschen länger frisch. Ein anderer Dresdner Kühlungs-Tipp sind Kirchen. Auch diese seien durch die dicken Gemäuer immer sehr kühl. Zudem müsse man meist keine weiten Wege auf sich nehmen, denn in jedem Stadtteil befinde sich mindestens eine.

 

Auch Köln rät zu Orten, die bei Hitze einen entspannten Aufenthalt ermöglichen. Diese befänden sich meist draußen im Grünen oder in öffentlichen Gebäuden. Auch könne man sich von Kunst im Museum inspirieren lassen – von einem kostenfreien Eintritt für Hitzebetroffene ist nicht die Rede – oder eine Bibliothek besuchen. Besonders Kirchen wie der Kölner Dom seien an den heißesten Tagen angenehm kühl, schreibt die Stadt weiter und gibt auch noch den Tipp: Wie wäre es mit einem Eis im Kino oder einem Bummel in einem klimatisierten Einkaufszentrum?

Im Berliner Stadtbezirk Pankow forderte die SPD das Bezirksamt kürzlich auf, Hilfsmittel zur Hitzebewältigung an Bedürftige zu verteilen, etwa Sonnencreme, Wasser, Hygieneprodukte und Kopfbedeckungen. Diese Mittel erlaubten es den Menschen, die Hitze für einige Stunden zu umgehen oder zu lindern, hieß es bei den Sozialdemokraten. Makaber gesprochen: Bedürftige sterben vielleicht an Hitze, aber wenigstens nicht an Sonnenbrand.

Für von Obdachlosigkeit Betroffene ging die Pankower SPD sogar noch einen Schritt weiter und ersuchte das Bezirksamt um Prüfung, ob das Konzept "Cooling Center" etabliert werden könne. Andere Kommunen gingen bereits diesen Weg, den Menschen durch kühle, klimatisierte Räume Fluchtmöglichkeiten vor der Hitze zu ermöglichen, heißt es in dem mittlerweile von den Bezirksverordneten beschlossenen Antrag.

Ob die Pankower Sozialdemokraten hier ein konkretes Beispiel aus Deutschland vorweisen können, muss stark bezweifelt werden. Viele, auch große deutsche Kommunen begnügen sich bisher damit, Hitzegeplagten Tipps zu geben, sie könnten etwa in gekühlte Supermärkte gehen (man muss ja nichts kaufen), in Kirchen oder in Bibliotheken, sofern diese geöffnet sind (siehe auch nebenstehenden Kasten).

In Mannheim warnt der Hitzeaktionsplan davor, Wohnungslose von schattigen öffentlichen Plätzen zu vertreiben, und fordert dazu auf, ihnen bei Hitzewellen den Aufenthalt in öffentlichen Gebäuden zu gestatten.

In Köln gab die Stadt einen "Hitze-Knigge" heraus, der ein "angepasstes Verhalten" von gefährdeten Personen wie Pflegebedürftigen, Schwangeren, Kleinkindern und Säuglingen einfordert. Ob auch letztere sich die empfohlenen Sonnenschutzfolien auf die Wohnungsfenster kleben sollen, sagt der Knigge nicht. 

Spezielle Hilfsangebote für vulnerable Gruppen gibt es, soweit bekannt, in Deutschland so gut wie gar nicht. Dabei ist das Konzept der "Cooling Zones" überhaupt nicht neu.

Hitzetote schon heute

Bereits im März 2017, vor fünf Jahren, veröffentlichte das Bundesumweltministerium Empfehlungen der ehemaligen Bund-Länder-Ad-hoc-Arbeitsgruppe "Gesundheitliche Anpassung an die Folgen des Klimawandels". Schon damals wurde den Kommunen geraten, "Cooling Centres" einzurichten – öffentliche kühle Räumlichkeiten in Behörden, Einkaufspassagen, Kirchengebäuden, Büchereien oder Bahnhöfen.

Bei den gesuchten "coolen" Orten handelt es sich auch aus Sicht des Umweltministeriums in der Regel um bereits existierende Orte. Es gehe vor allem auch darum, die Bevölkerung besser darüber zu informieren, wo die Räume sind und wie sie genutzt werden können, teilt das Ministerium auf Nachfrage mit.

Gefördert wird vom Bund die Errichtung von "Cooling Centres" in sozialen Einrichtungen wie Pflegeheimen und Krankenhäusern im Rahmen der Förderrichtlinie "Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen". Es handle sich hier jedoch nicht um öffentlich zugängliche Räume, schränkt das Umweltministerium ein. Förderprogramme der Länder, um dort eigene "Cooling Centres" einzurichten, sind dem Ministerium nicht bekannt.

Überlegungen wie in Wien, gerade älteren und immobilen Menschen für einige Stunden die Möglichkeit zu geben, ihren überhitzten Wohnungen zu entkommen, werden hierzulande bisher nicht verfolgt.

Das Problem dürfte nicht kleiner werden. In Wien schätzt die Stadtverwaltung, dass der Anteil der gefährdeten Bevölkerungsgruppen stetig steigen wird. Allein die Zahl der über 80-Jährigen wird sich laut Statistik bis 2048 mehr als verdoppeln.

So weit in die Zukunft muss man allerdings gar nicht schauen. Ben Clarke, Extremwetterforscher an der Universität Oxford, sieht schon bei der Hitzewelle kommende Woche in Europa ein echtes Risiko für die öffentliche Gesundheit. Es werde viele Menschen geben, die gesundheitliche Komplikationen bekommen und sogar als direkte Folge des Klimawandels sterben werden, warnte Clarke.

Die Zahl der Todesopfer schon bei den jüngsten Hitzewellen zeige, wie schlecht man auf solche Ereignisse vorbereitet sei, betonte der Wissenschaftler. Die am meisten gefährdeten Gruppen seien ältere Menschen, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und – Menschen in den Städten.

Lesen Sie dazu unseren Kommentar:

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