Angst, Überlastung, Depression

Die Klimakrise macht krank. Auch psychisch. Was kann man tun, wenn man erkannt hat, wie sehr die Situation schon außer Kontrolle ist?


Junge Person sitzt auf dem Boden, den Kopf auf die Knie gesenkt
Die volle Bedeutung der Klimakrise ist schwer zu ertragen – und kann sogar ernste psychische Krankheiten auslösen. (Foto: Wokandapix/​Pixabay)

Wie geht es dir?

Am Anfang unserer Plena bei Fridays for Future machen wir oft Runden, in denen wir offen über unsere Befindlichkeit sprechen. Denn vielen geht es eben nicht so gut. Das liegt teilweise an Überlastung und Schlafmangel, an der großen Verantwortung, manchmal natürlich auch an privaten Dingen und – bei allen gemeinsam – am Bewusstsein für die Klimakrise.

Manche schaffen es mehr oder weniger gut, den Gedanken daran wegzuschieben. Für manche ist es schlimmer, sie leiden richtig darunter. Es gab auch schon Plena, bei denen mehrere Menschen geweint haben. Auch zusammen, denn wir haben viel Verständnis und Empathie füreinander.

Wir haben Angst vor der Zukunft – das ist nicht nur der Standardspruch von Fridays for Future. Diese Angst kann tief sitzen, sogar psychische Krankheiten auslösen. Klimadepression ist zu einem Therapiegrund geworden.

Wo früher viel Motivation war, ist heute Schmerz

Bei den Menschen in meinem Umfeld gibt es das immer häufiger. Wo ich früher noch viel Motivation gesehen habe, sehe ich heute Schmerz.

Das Problem bei Klimadepressionen ist, dass die auslösende Angst zusammen mit der Klimakrise immer schlimmer wird und sich politisch keine Besserung abzeichnet. Ich kenne Jugendliche, die Nächte nicht durchschlafen, kaum essen, sich auf nichts mehr konzentrieren können. Wenn Erwachsene dann sagen, man solle sich mal nicht solche Sorgen machen, es werde schon alles nicht so schlimm, ist das komplett unverhältnismäßig. Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass sich alles zum Guten wendet.

Elena Balthesen spricht in ein Mikro.
Foto: privat

Elena Balthesen

ist 18 Jahre alt und geht in die 12. Klasse einer Waldorf­schule in München. In ihrer Kolumne "Balthesens Aufbruch" macht sie sich auf die Suche nach Wegen für ihre Generation, aus der Klimakrise heraus­zu­kommen. Sie ist bei "Fridays for Future" in München aktiv.

Wir alle hatten diesen Punkt im Leben, an dem es klick gemacht hat. Bei mir war das vor über einem Jahr. Ich hatte mich schon eine Weile mit der Klimakrise beschäftigt, wusste, dass es schlimm war. Plötzlich hat sich meine Wahrnehmung aber geändert. Mir wurde bewusst, wie sehr die Situation außer Kontrolle ist.

Ich merke immer wieder, wie mich das ganze Thema fertigmacht. Eine Depression habe ich nicht. Trotzdem löst die Klimakrise bei mir überwältigende Gefühle aus. Ich kann oft nicht schlafen, weil vor meinem inneren Auge Bilder von Bränden oder anderen Katastrophen vorbeiziehen. Weil ich nicht mit einer sicheren Zukunft rechnen kann. Weil ich Menschen um mich herum leiden sehe.

Zwischen Aktivismus und Selfcare

Manchmal wundert es mich direkt, dass nicht alle, die die Klimakrise in ihrer vollen Bedeutung erfasst haben, therapiereif sind. Ich denke, dass das bei Jugendlichen häufiger der Fall ist, weil viele Erwachsene über Jahre eine vermeintliche Normalität als Schutzmauer um sich aufgebaut haben. Das ist ein Abwehrmechanismus. Der ist bei jungen Menschen noch nicht so stark, weshalb sie eher zu dem Punkt kommen, an dem sie die ganze Katastrophe in ihrem vollen Ausmaß begreifen.

In dieser Situation kann man leicht in eine Schockstarre fallen oder das Ganze von sich wegschieben.

Aber was hilft dann?

Für mich würde ich sagen: Aktivismus. Etwas tun, darüber reden, selbst handeln, während andere es nicht tun. Jede muss da seine eigene Form finden. Bei mir ist es auch das Schreiben.

Zum Ausgleich braucht es aber auch noch eine ordentliche Portion Selfcare, damit Aktivismus nachhaltig sein kann – wir werden ihn nämlich noch einige Zeit brauchen. Die Psychologists for Future versuchen, Fridays for Future dabei zu helfen.

Es kann schwierig sein, sich Pausen zu nehmen oder sich mal was zu gönnen. Weil im Hinterkopf immer der Gedanke ist, dass man gerade etwas Sinnvolleres machen könnte, dass es doch falsch ist, was man gerade tut. Viele Sachen, die ich früher als wichtig empfunden habe, kommen mir inzwischen sehr nebensächlich vor.

Klimadepression sollte ein anerkannter Begriff werden, denn diese Diagnose wird wahrscheinlich immer mehr Menschen betreffen. Die Klimakrise macht krank. Kohlekraftwerke und Autos schädigen die Atemwege, das Herz-Kreislauf-System. Die Angst schädigt die Psyche.

Und alle Menschen aus der Klimabewegung sollten einen Preis dafür bekommen, was sie tun und was sie aushalten. Aber bevor damit Zeit geschunden wird, wünsche ich mir vielleicht doch nur eine Klimapolitik, die diesen Namen verdient hat.

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