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"Wir brauchen Prämien für das Gassparen"

Deutschland braucht eine Gaskostenbremse, keinen Preisdeckel, sagt die Energieexpertin Claudia Kemfert. Ohne Anreize zum Sparen sei die Energiekrise nicht zu bewältigen. Niedrigeinkommensbezieher sollten gezielt entlastet werden.


Rechte Hand dreht am Heizungsregler, linke Hand hält verschiedene Euro-Scheine.
Pauschalzahlungen helfen zielgerichtet, ohne den Sparanreiz zu nehmen. (Foto: Veja Jurga/​Shutterstock)

Klimareporter°: Frau Kemfert, über die Gaspreisbremse wird heftig debattiert. Droht ein Fiasko wie bei der Gasumlage?

Claudia Kemfert: Ich hoffe nicht. Das Hin und Her sollte man auf jeden Fall vermeiden. Die Gasumlage ist ja unnötig geworden, bevor sie überhaupt eingeführt wurde. Vor allem deswegen, weil Gaskonzerne inzwischen verstaatlicht wurden und man an diese keine Subventionen zahlen kann.

Die Gaspreisbremse hat einen anderen Ausgangspunkt und eine andere Intention. Daher wird sie hoffentlich nicht als Gaspreis-, sondern als Gaskostenbremse kommen. Denn bei den Gaskosten zielgerichtet zu entlasten, ist absolut sinnvoll.

Gaspreise zu deckeln hingegen nicht, da die Gefahr groß ist, dass der Gasverbrauch dann nicht ausreichend sinkt. Die hohen Gaspreise sind Ausdruck von Knappheiten. Um gut über den Winter zu kommen, muss der Verbrauch deutlich sinken. Man sollte das Gassparen belohnen.

Ist die soziale Schieflage hinzunehmen, weil es halt so schnell gehen muss?

Nein, soziale Schieflagen muss und sollte man nicht hinnehmen. Man muss dringend zielgerichtet entlasten. Derzeit liegen Vorschläge der Gaskommission auf dem Tisch. Was davon politisch umgesetzt wird, ist ja auch noch offen. Hohe Einkommensbezieher verbrauchen mehr und werden prozentual an ihrem Einkommen durch hohe Gaspreise am wenigsten belastet. Bei Ihnen ist das Sparpotenzial hoch.

Müssten denn nicht auch die Nutzer von Öl- und Pelletheizungen entlastet werden? Hier sind die Kosten ja teils ähnlich stark gestiegen wie beim Erdgas.

Im Grunde ja. Aber auch hier gilt: Das Energiesparen ist zentral. Kurzfristig ist es sicherlich sinnvoll, dass überall, wo es geht, entlastet wird. Das Drama ist aber, dass uns das Geld fehlt für die dringend notwendigen Investitionen in das Energiesparen, im Gebäudebereich ist es vor allem die energetische Gebäudesanierung. Wir zahlen den Preis der verschleppten Energiewende. Es ist wirklich bitter.

Bei den Unternehmen befürchtet vor allem der Mittelstand, durchs Raster zu fallen. Was muss da geschehen?

Unternehmen sollten für das Energiesparen belohnt werden. Die Idee, dass man mittels Auktionen Sparpotenziale ermittelt und dann Unternehmen für das Gassparen belohnt, halte ich für sehr sinnvoll. Auch bei den Unternehmen sollten wir nicht mit der Gießkanne wahllos Geld verteilen, sondern es an Einsparauflagen und Umstiegsmaßnahmen knüpfen. Es muss darum gehen, so schnell wie möglich wegzukommen von der fossilen Energie, hin zu erneuerbaren Energien.

Wie sähe Ihr Model für eine Gaspreisbremse aus, die sowohl das Soziale als auch das Energiesparen berücksichtigt?

Porträtaufnahme von Claudia Kemfert.
Foto: Oliver Betke

Claudia Kemfert

leitet die Energie­abteilung am Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung (DIW). Sie ist Professorin für Energie­wirtschaft und Energie­politik an der Universität Lüneburg, außerdem Vize-Vorsitzende des Sach­verständigen­rats für Umwelt­fragen der Bundes­regierung und Heraus­geber­rats­mitglied von Klimareporter°.

 

Zuallererst würde ich, wie gesagt, das Wort ändern. Wir brauchen keine Gaspreisbremse, sondern eine Gaskostenbremse.

Gaskosten entstehen durch Gaspreis und Gasverbrauch. Der Gasverbrauch muss massiv gesenkt werden. Nur den Gaspreis zu senken, kann uns in eine Gasmangellage bringen, die Gaskrise verschärfen. Allein der Eindruck, dass der Gaspreis gedeckelt wird, vermittelt den falschen Eindruck und kann zu Mehrkonsum verleiten.

Der Gasverbrauch muss runter. Prämien für das Gassparen wären sinnvoll, für Unternehmen wie auch für Haushalte. Niedrigeinkommensbezieher sollten zielgerichtet entlastet werden, zum Beispiel durch Pauschalzahlungen.

Wäre das denn schnell genug umzusetzen?

Das Energiegeld von 300 Euro wurde ja bereits eingeführt, da wissen wir, dass es funktioniert. Über diesen Mechanismus kann man pauschale Entlastungen vornehmen. Bezieher höherer Einkommen erhalten so weniger, da sie die Beträge versteuern müssen.

Letzte Frage: Glauben Sie, dass Deutschland halbwegs gut durch den Winter kommt?

Nur wenn der Gasverbrauch deutlich sinkt. Wenn nicht, droht eine Gasmangellage ab Februar oder März. Daher sind alle Gaskunden gefordert zu sparen, wo und wie es nur geht.

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