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Countdown für ein Gasspar-Programm

Die Heizperiode beginnt in gut drei Monaten, bis dahin gilt es, die Einsparpotenziale bei Heizen, Warmwasserbereitung und Strombezug zu heben. Ein Experte schätzt die Kosten auf ein bis zwei Milliarden Euro.


Hände mit mit zwei Rohrzangen bei der Reparatur eines Gaskessels.
Um die Gasheizung auszutauschen, reicht die Zeit nicht, aber auch eine Wartung und Beratung bringt schon etwas. (Foto: Marija Bandevska/​Shutterstock)

Die drohende Erdgaskrise treibt die Deutschen zunehmend um. Knapp zwei Drittel (63 Prozent) halten es für wahrscheinlich, dass Russland den Gashahn künftig ganz abdrehen wird.

Und eine große Mehrheit von 89 Prozent wäre dann auch bereit, den eigenen Gasverbrauch deutlich zu senken, wie eine aktuelle Umfrage des privaten Vergleichsportals Verivox zeigt. Nur elf Prozent würden hier nicht mitmachen.

Nun also doch: Frieren für den Frieden? Jedenfalls gab ein Drittel der Befragten in der Umfrage zum Beispiel an, bis zu vier Stunden pro Tag aufs Heizen verzichten zu können, und jeweils acht Prozent würden das sogar bis zu sechs respektive acht Stunden tun.

Für 30 Prozent der Deutschen wäre es auch akzeptabel, die Heizung nachts komplett abzuschalten. "Der Aufruf der Bundesregierung zum Energiesparen fällt in der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden", sagte Verivox-Energieexperte Thorsten Storck.

Energiesparen in den Haushalten mit Gasnutzung für Heizung, Warmwasser und Kochen ist denn auch dringend nötig, um die Erdgas-Versorgung im nächsten Winter einigermaßen beherrschbar zu halten. Derzeit sind die Gasspeicher zu rund 60 Prozent gefüllt, bis 1. November sollen es mindestens 90 Prozent sein.

Wie die Bundesnetzagentur jetzt mitteilte, ist dies kaum noch ohne zusätzliche Maßnahmen zu erreichen, "sollten die russischen Gaslieferungen über die Nord-Stream-1-Leitung weiterhin auf diesem niedrigen Niveau verharren". Das heißt: Jede Einsparmaßnahme beim Heizen, aber auch jetzt schon, etwa beim Duschen, hilft, die Füllstände zu verbessern.

Die Industrie ist zwar mit 37 Prozent Anteil der größte Erdgasverbraucher, inklusive Gewerbe, Handel und Dienstleistungen geht sogar etwas mehr als die Hälfte des Gases an die Unternehmen.

Doch hier sind kurzfristige größere Einsparungen oft nur schwer möglich, teilweise auch gar nicht. Zum Beispiel in den Fällen, wo Erdgas als Rohstoff genutzt wird, wie in der Ammoniak-Produktion für Düngemittel oder den Abgasreiniger Adblue für Diesel-Autos.

Den Haushalten, die knapp 30 Prozent des Erdgases verbrauchen, kommt also durchaus große Verantwortung zu, zumal hier mit Verhaltensänderungen und Maßnahmen, die wenig kosten, einiges zu holen ist.

Experte fordert kostenlosen Gasspar-Check

Für einen Push bei Energiesanierungen im Gebäudebestand mit Wärmedämmung, Energiesparfenstern und Heizungstausch zu Wärmepumpe und erneuerbarer Wärme ist die Zeit zu kurz. Denn bis zum Beginn der nächsten Heizperiode sind es nur noch gut drei Monate. Die notwendigen Materialien sind in den dafür nötigen Mengen am Markt so kurzfristig nicht zu bekommen, und es gäbe auch gar nicht die Handwerker, um genügend Häuser zu Energiesparern zu machen.

Trotzdem schätzen Fachleute, dass die Erdgas-Haushalte im Schnitt rund 15 Prozent ihres Verbrauchs senken könnten. Eventuell ging noch mehr. So sagt der wissenschaftliche Geschäftsführer des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu), Martin Pehnt: Ziel müsse sein, etwa im Gebäudebereich im nächsten Winter 25 Prozent Gas einzusparen. Dazu müsse es aber auch staatliche Hilfen geben.

In Deutschland heizt etwa die Hälfte der Haushalte mit Gas, es gibt bundesweit knapp sieben Millionen Gasheizungen. Alle, die einen Gaskessel betreiben, müssten einen kostenlosen Gasspar-Check bekommen, fordert Pehnt. Energieberaterinnen, Heizungsinstallateure oder Schornsteinfegerinnen sollten dabei Hinweise geben, wie sich kurzfristig und mit Blick auf die nächsten Jahre der Gasverbrauch reduzieren lässt.

"Dazu sollte jede Heizungswartung, jeder Schornsteinfegerbesuch, jede Energieberatung genutzt werden", so der Experte. Die Maßnahme solle aus einer Überprüfung der Heizungsanlage, einem Check des Heizverhaltens und einer Beratung zu Einsparmöglichkeiten bestehen – auch anhand von mitgebrachten beispielhaften Hilfsmitteln wie Thermometern, elektronischen Thermostatventilen und Hocheffizienz-Umwälzpumpen oder einem Baumarktgutschein für solche Komponenten.

Die Absenkung der Raumtemperatur um ein Grad bringt bereits sechs Prozent Minderung. Weitere Maßnahmen: Heizkurve flacher einstellen, Vorlauf-Temperatur absenken, die Nachtabsenkung verlängern, Stoßlüften statt Kipplüften, überheizte Räume identifizieren und herunterregeln.

Allerdings warnen Experten davor, die Temperatur Räumen zu stark abzusenken. Gerade bei schlecht gedämmten Außenwänden droht dann nämlich Schimmelbildung. Etwa 16 Grad gelten als Minimum, zudem muss dann öfter gelüftet werden.

"Auch beim Warmwasser ist viel zu holen"

Pehnt schätzt, dass kurzfristig allein durch die einfachen Maßnahmen rund zehn Prozent Gas eingespart werden können. In Verbindung mit kleinen Investitionen ist noch mehr drin. Beispiele hier: das Anbringen von Reflexionsfolien hinter Heizkörpern sowie die Dämmung von Heizkörpernischen und Rollladenkästen.

Etwas aufwändiger, aber bis zum Winter machbar, von handwerklich Begabten auch in Eigenleistung: Dämmung der obersten Geschossdecke, wenn das Dachgeschoss nicht zum Wohnen genutzt wird, und der Kellerdecke, Abdichtung von Türen und Fenstern, Dämmung von Rohrleitungen.

Doch es geht nicht nur um die Heizung. "Auch beim Warmwasser ist viel zu holen", sagt Pehnt. Hier könnten helfen: Duschsparköpfe, Durchfluss-Begrenzer für Wasser, Reduktion der Zirkulationszeiten, Temperaturabsenkung beim Heißwasser, allerdings unter Beachtung der hygienischen Anforderungen.

Kürzer duschen ist ebenfalls ein Tipp, der viel bringt. Wer Geld in die Hand nehmen will oder wer sowieso eine Bad-Renovierung plant, dem empfiehlt der Experte den Einbau einer Duschwanne mit Wärmerückgewinnung.

Doch auch Strom sparen bedeutet Gas sparen, weil ein Teil des Stroms durch Gaskraftwerke erzeugt wird, im Jahr 2021 waren es 15 Prozent. Deswegen, so Pehnt: "Alle verbliebenen Glühlampen austauschen gegen LED-Lampen. Abschaltbare Steckerleisten verwenden und alte Kühlschränke außer Betrieb nehmen; eine Solaranlage installieren – selbst eine kleine Balkon-Photovoltaikanlage spart fünf bis zehn Prozent Strom. Außerdem kann man die Wäsche an der Luft trocknen. Denn: Jede eingesparte Kilowattstunde zählt."

Das vorgeschlagene Gasspar-Programm würde laut dem Experten ein bis zwei Milliarden Euro kosten, die in den nächsten fünf Monaten fließen müssten. "Aber das bringt uns mehr Energiesicherheit, eingesparte Heizkosten bei den Endkunden und Klimaschutz in einer überhitzten Zeit."

Effizienzbranche fordert Gutscheine für Unternehmen

Energieexperten halten es aber für genauso wichtig, auch in der Wirtschaft die vorhandenen Energiesparpotenziale nun schnell zu heben. Zu ihrer Jahreskonferenz am heutigen Mittwoch fordert die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff) Anreize und Gutscheine für Maßnahmen zum Gassparen auch in Betrieben. In der Deneff sind rund 200 Firmen zusammengeschlossen, darunter Konzerne wie Covestro, Rockwool und Siemens.

Die notwendigen Maßnahmen seien unter anderem durch vorhandene Energieaudits bekannt. "Jetzt gilt es, die konsequente und schnelle Umsetzung dieser Maßnahmen anzureizen", hatte der Verband bereits kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs gefordert.

Für kleine und mittlere Unternehmen sollten Energiespargutscheine entsprechend ihrer Größe ausgegeben werden, einfach einzulösen über Rechnungen der beauftragten Dienstleister oder Zulieferer. Zudem solle die Regierung Sofort-Abschreibungsmöglichkeit für klimafreundliche Investitionen mit bis zu fünf Jahren Nutzungsdauer einführen.

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