Wissen ist Macht und Nichtwissen nicht länger entschuldbar

"Economists4Future – Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt" ist ein überfälliges Buch für den notwendigen Wandel in den Wirtschaftswissenschaften. Es belebt das Prinzip Neugier an einer lebendigen Wissenschaft neu und zeigt, wie wichtig die Demokratisierung von Wissen ist. 


Eines der Logos von Economists for Future: stilisierte Weltkugel mit darübergelegten bunten Streifen.
Die "Economists for Future" machen sich für mehr Pluralität in den Wirtschaftswissenschaften stark. (Grafik: Economists for Future)

Eines führt uns die aktuelle Pandemie unmissverständlich vor Augen: Unser Wirtschaftssystem ist einer Krise in solchem Ausmaß nicht gewachsen. Es steht vor einem Wendepunkt.

Die extreme Abhängigkeit innerhalb globaler Lieferketten macht anfällig. Das System ist nicht nur sozial ungerecht, es schadet auch der Umwelt und dem Planeten in nie dagewesener Art und Weise. Vier weitere Planeten bräuchten wir in Reserve, wenn wir den jetzigen Lebensstil aufrechterhalten wollten. Das wissen wir seit einem halben Jahrhundert, geändert haben wir wenig.

Doch nicht nur das Wirtschaften selbst, auch die Wirtschaftswissenschaften stehen an einem Wendepunkt. Aufgrund der starken Formalisierung und Mathematisierung hat sie sich in den letzten Jahrzehnten von den realen Prozessen immer weiter entfernt.

Was außerhalb der reinen ökonomischen Logik liegt, geriet aus dem Fokus. Unbeirrt von aller praktischen Erfahrung sind die Forschung und Lehre immer noch auf den "Homo oeconomicus" fixiert, jenes eher fiktive Wesen, das Nachfrageentscheidungen allein auf Grundlage von Einkommen, Preisen und bestimmten Präferenzen trifft.

Die Kritik daran – und an dem zugrunde liegenden Menschenbild – wird immer lauter. In jungen wissenschaftlichen Netzwerken werden inzwischen gezielt möglichst unterschiedlichste Forschungsansätze als "Plural Economics" zusammengeführt.

Dabei hat sich die akademische Welt wie so viele andere durchaus von der internationalen "Fridays for Future"-Bewegung inspirieren lassen: Den Anfang machten etwa 20.000 "Scientists for Future" aus unterschiedlichsten Disziplinen.

Anregung zum breiten wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs

Inzwischen gibt es auch die "Economists for Future". Sie verstehen sich als Weiterdenker:innen, die sich in die "jetzt notwendige Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft" einmischen wollen – und zwar wissenschaftsbasiert, reflektiert und demokratisch.

Im besten Sinne wird so die Demokratie gestärkt, werden wissenschaftliche Diskussionen angeschoben und in Theorie und Praxis neue Ansätze verfolgt. So haben es die Scientists for Future vorgemacht.

Claudia Kemfert
Foto: Daniel Morsey

Claudia Kemfert

leitet den Energie- und Umwelt­bereich am Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung (DIW) in Berlin. Seit 2016 ist sie Mitglied im Sach­verständigen­rat für Umwelt­fragen, der die Bundes­regierung berät. Zum kommenden Winter­semester wurde sie auf die neue Professur "Energie­wirtschaft und Energie­politik" an der Leuphana Universität Lüneburg berufen. Sie ist Mitglied im Heraus­geber­rat von Klima­reporter°.

Jetzt ist ein bemerkenswertes Buch zu diesem Wandel der Wirtschaftswissenschaften erschienen, herausgegeben von Lars Hochmann. Beteiligt haben sich daran 25 Autorinnen und Autoren mit Beiträgen zu verschiedenen Denkrichtungen der pluralen Ökonomik.

Es geht nicht nur um den – dringend notwendigen – Diskurs in und um die Wirtschaftswissenschaften, sondern um konkretes politisches Handeln, wie der Untertitel erklärt: "Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt".

Derartige Diskurse sind nicht neu, nur fristen sie bisher ein Schattendasein und werden von den etablierten Wirtschaftswissenschaften ignoriert, belächelt, kleingehalten oder gar ausgeschlossen.

Die breite For-Future-Unterstützungsbewegung von den Entrepreneurs bis zu den Omas gibt solchen Debatten endlich die dringend notwendige öffentliche Aufmerksamkeit und wirkt – wie schon in der Politik zu spüren – von außen auf die inneren Mechanismen des traditionellen Systems.

Um diesen Druck zu erhöhen, ermuntern und regen die Economists for Future mit dem Buch zur Teilnahme an Diskurs, Prozess und Gestaltung an.

Dabei orientieren sie sich an fünf Leitlinien:

  • Reflexion der praktischen Wirkungsmacht
  • Transparenz der Annahmen
  • Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven in der Diversität
  • Partizipation
  • Ermöglichung und Befähigung zu einer besseren Gesellschaft

Diesen Dimensionen widmen sich viele einzelne Buchbeiträge in unterschiedlicher Art und Weise, was die Lektüre leicht macht und die mögliche Vielfalt der Wirtschaftswissenschaften sehr eindrücklich widerspiegelt. Wer sich davon nicht inspirieren lässt, hat das Prinzip Neugier einer lebendigen Forschung und Lehre nicht verstanden.

Wissenschaft nicht privilegierten Eliten überlassen

Doch nicht nur Studierende, Forschende und Lehrende an Schulen wie Hochschulen finden in dem Sammelwerk reichlich Stoff zum Nachdenken, Diskutieren und Weiterforschen.

Auch Bildungspolitiker:innen sowie allen Interessierten an pluralen Diskursen der Wirtschaftswissenschaften sei das Buch auf den Schreibtisch gelegt. Hier werden wichtige Fragen gestellt, vor denen wir bei der notwendigen Transformation unserer Wirtschaft und Gesellschaft in den nächsten Jahren stehen werden, und es werden auch schon mögliche Antworten skizziert.

Buchcover

Das Buch

Lars Hoch­mann (Hrsg.): Econo­mists​4​Future. Ver­ant­wor­tung über­neh­men für eine bes­sere Welt. Mur­mann Verlag, 280 Sei­ten, 34 Euro. E-Book 25 Euro.

www.​economists4future.de

Lese­proben bei Libreka oder Google.

 

Die wichtigste Erkenntnis, die sich aus diesem sehr lesenswerten Buch ziehen lässt, ist jedoch, wie sehr Hochschulen als Teil und Triebkraft demokratischer Gesellschaften wirken können und wie wichtig eine Demokratisierung von Wissen(schaft) geworden ist. Wissen ist Macht und Nichtwissen ist nicht länger entschuldbar.

Forschung und Wissensvermittlung ist eine Gemeinschaftsleistung, die wir nicht privilegierten Eliten überlassen dürfen, sondern als demokratische Vielfalt erbringen müssen.

Deswegen ist das Buch zu Recht nicht nur eine Einmischung in eine drängende Debatte, sondern vor allem eine Einladung an all diejenigen Menschen, die etwas bewegen möchten: "Gemeinsam ist eine bessere Welt möglich. Lasst uns der alten Normalität den Rücken kehren", heißt es am Schluss im Buch.

Die Zeit für den Wandel ist da. Auch und gerade für die Wirtschaftswissenschaften. "Economists4Future" gibt dazu einen wichtigen Anschub. Überfällig. Endlich.

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