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ZMP Fachkongress 2021

Bauleute, Facharbeiterinnen, Logistiker – Klimaberufe der Zukunft

Klimaneutralität in Deutschland könnte auch an der mangelnden Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte scheitern. Dagegen müssen frühzeitig Maßnahmen ergriffen werden. Der Wechsel zwischen Branchen und Berufen ist ebenso zu fördern wie eine höhere Erwerbsbeteiligung und umfangreiche Qualifizierung.


Solarforscherin prüft Anlage zur Halbleiterforschung am NREL, dem Erneuerbaren-Forschungslabor des US-Energieministeriums in Colorado.
Bei jedem vierten Job, der 2035 speziell für das Klimaneutralitätsziel gebraucht wird, geht es um komplexe oder hochkomplexe Tätigkeiten. (Foto: DOE/​Unsplash)

Nach dem Klima-Urteil des Verfassungsgerichts hat das Bundeskabinett ein geändertes Klimaschutzgesetz beschlossen. Mit diesem soll Deutschland bis zum Jahr 2045 klimaneutral werden. Zwischenziele sind Minderungen der Treibhausgas-Emissionen um 65 Prozent bis 2030 sowie um 88 Prozent bis 2040.

Über die Wege, wie Deutschland klimaneutral werden kann, gibt es schon eine Reihe von Untersuchungen. Mit am bekanntesten ist die Studie der Boston Consulting Group und der Prognos AG, die 2018 im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) einen Weg zu einem klimaneutralen Deutschland im Jahr 2050 aufzeigte.

Das sollte im Kern im Rahmen üblicher Investitionszyklen durch kosteneffiziente Maßnahmen erreicht werden. Insgesamt ermittelte die Studie einen Investitionsbedarf von 2.150 Milliarden Euro für den Zeitraum von 2015 bis 2050 zu konstanten Preisen des Jahres 2015.

Unbeantwortet blieb in dieser Untersuchung aber die Frage, ob und wie der Fachkräftebedarf zur Umsetzung der notwendigen Investitionen gedeckt werden könnte. Eine Kurzstudie der Autoren im Auftrag der Bundestagsfraktion der Grünen ist jetzt dieser Frage nachgegangen.

Unsere Studie zielt darauf ab, den Bedarf an Arbeitskräften, aufgeschlüsselt nach Qualifikationen und Berufen, in Deutschland zu ermitteln, der zur Herstellung der Investitionsgüter nötig ist, um bis 2050 ein klimaneutrales Deutschland zu erreichen.

Porträtaufnahme von Jürgen Blazejczak.
Foto: privat

Jürgen Blazejczak

forscht zum Struktur­wandel der Wirtschaft im Zusammen­hang mit Umwelt- und Klima­politik. Als Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Wirtschafts­forschung (DIW) in Berlin und als Professor für Umwelt­ökonomie an der Hochschule Merseburg hat er im In- und Ausland Forschungs- und Beratungs­projekte für EU-Institutionen, Ministerien, Stiftungen, Verbände und Unternehmen durchgeführt.

Dieses Ziel ist weniger ambitioniert als das jetzt beschlossene Klimaschutzziel für 2045. Die Befürchtungen, dass seine Erreichung durch Arbeitskräfteengpässe erschwert werden könnte, gelten nach den neuen Beschlüssen umso mehr.

Erfasst werden in unserer Studie die Arbeitskräfte, die direkt bei den Herstellern der Investitionsgüter beschäftigt sind, aber auch jene, die bei Vorleistungen in vorgelagerten Produktionsstufen eingesetzt werden.

Außer Betracht bleiben die Wirkungen, die durch das Zurückfahren klimaschädlicher Aktivitäten entstehen, sowie eine mögliche Verdrängung von Wirtschaftsaktivitäten.

Auch ein allgemeiner Konjunkturaufschwung durch die Klimaschutzmaßnahmen sowie mögliche zusätzliche Exporte werden nicht berücksichtigt. Künftige Veränderungen von Lieferbeziehungen zwischen Wirtschaftssektoren und veränderte Qualifikations- und Berufsanforderungen innerhalb der Wirtschaftszweige konnten im Rahmen dieser Kurzstudie ebenfalls nicht betrachtet werden.

Gebäudesanierung bleibt Sonderfall

Die BDI-Studie unterteilt die für ein klimaneutrales Deutschland notwendigen Investitionen nach vier Handlungsfeldern.

Das Feld "Haushalte und Gewerbe, Handel und Dienstleistungen" hat dabei von 2015 bis 2050 mit 686 Milliarden Euro oder knapp einem Drittel der gesamten Investitionen den größten Bedarf. Es folgen der Verkehr mit 655 Milliarden (30 Prozent) und die Energiewirtschaft mit 580 Milliarden Euro (27 Prozent). Deutlich geringer fallen die Investitionen in der Industrie mit 229 Milliarden Euro (elf Prozent) aus.

Porträtaufnahme von Dietmar Edler.
Foto: DIW

Dietmar Edler

hat langjährige Forschungs­erfahrung zur Wirkung von Umwelt- und Klima­politik auf Beschäftigung und Wirtschaft, vorwiegend durch Input-Output-Analyse und angewandte Ökonometrie. Als Mitarbeiter des DIW Berlin leistete er von 1980 bis 2020 Forschung und Beratung im In- und Ausland für Bundes­ministerien, europäische Einrichtungen sowie Verbände und Stiftungen.

Die BDI-Studie nimmt an, dass der größte Teil der Investitionen für ein klimaneutrales Deutschland zwischen 2025 und 2040 erfolgt. Von Klimaschutzinvestitionen jenseits der energetischen Gebäudesanierung sind danach 19 Prozent bis 2024 zu tätigen, 38 Prozent bis 2030 und 80 Prozent bis 2040.

Ein vergleichsweise verzögerter Ablauf der Investitionen ist bei der energetischen Gebäudesanierung im Bestand zu erwarten. Das liegt an ihrem bisher schleppenden Verlauf ohne einen wesentlichen Anstieg der Sanierungsraten.

Für die energetische Sanierung und den damit verknüpften Einbau von Wärmepumpen wird deshalb angenommen, dass bis 2024 nur knapp zehn Prozent der insgesamt nötigen Investitionen getätigt werden.

Bis 2030 steigt der Anteil auf rund 22 Prozent – und erst 2035 erreichen die Investitionen zur Klimaneutralität im Gebäudebestand mit 121 Milliarden Euro ihren Scheitelpunkt. 2040 werden dann – wie in den anderen Bereichen auch – rund 80 Prozent der Investitionen realisiert sein.

Größter Arbeitskräftebedarf entsteht 2035

Zu beachten ist weiter, dass nur die im Inland produzierten Investitionsgüter auch Arbeitskräfte in Deutschland selbst erfordern. Zudem steigt die Arbeitsproduktivität jedes Jahr gesamtwirtschaftlich um knapp ein Prozent. Das senkt den Arbeitskräftebedarf.

Im Jahr 2035 entsteht – ausgelöst durch das zeitliche Profil der Investitionen – mit 767.200 Personen auch der größte Arbeitskräftebedarf. 2030 und 2040 liegt er jeweils bei rund 440.000 Personen. Danach ist der Bedarf rückläufig (siehe Grafik).

Balkendiagramm: Der zusätzliche Job-Bedarf ist 2035 am höchsten, 2030 und 2040 deutlich weniger hoch und 2045 nochmals deutlich geringer.
Zusätzlicher Arbeitskräftebedarf für ein klimaneutrales Deutschland zwischen 2030 und 2045 in Personen. (Grafik: aus der Studie; Quelle: eigene Berechnungen)

2035 entfällt jeweils ein Drittel der erforderlichen Arbeitskräfte auf Industrie, Dienstleistungen und Bauwirtschaft. Zwar zeigt sich in allen Produktionsbereichen ein spürbarer Bedarf nach Arbeitskräften, eine Konzentration ist aber unübersehbar.

So fallen in zehn von insgesamt betrachteten 72 Sektoren knapp drei Viertel des gesamten Arbeitskräftebedarfs an. Allein auf das Ausbaugewerbe der Bauwirtschaft kommen mehr als 200.000 Personen. Im Jahr 2035 – dem Jahr mit dem Höchstwert von 767.200 Arbeitskräften – ist das mehr als Viertel des für die Klimaschutz-Investitionen benötigten Gesamtbedarfs.

Auch im Maschinenbau mit elf Prozent des Gesamtbedarfs sowie bei der Herstellung elektrischer Ausrüstungen mit sieben Prozent Anteil entsteht ein erheblicher Arbeitskräftebedarf.

Gefragt sind zu 80 Prozent Fachkräfte

Die Qualifikationsstruktur der 767.200 Arbeitskräfte, die in Deutschland 2035 direkt und indirekt zur Produktion von Investitionsgütern benötigt werden, wenn 2050 Klimaneutralität erreicht werden soll, stellt sich so dar: 19 Prozent üben Hilfs- und Anlerntätigkeiten aus, 58 Prozent fachlich ausgerichtete Tätigkeiten, 13 Prozent sind Spezialisten mit komplexen sowie zehn Prozent mit hochkomplexen Tätigkeiten.

Im Baugewerbe liegen dabei die Anteile der Fachkräfte (68 Prozent) sowie der Helfer (20 Prozent) noch höher als im Schnitt aller Wirtschaftsbereiche.

Der größte Arbeitskräftebedarf ergibt sich bei Büro- und Sekretariatsberufen, bei Berufen der Maschinenbau- und Betriebstechnik, des Hochbaus, der Unternehmensorganisation und -strategie sowie bei Logistikberufen. Auf diese fünf Berufsgruppen entfällt etwa ein Drittel des Arbeitskräftebedarfs für Klimaneutralität.

Diese Berufsstruktur erklärt sich nicht zuletzt aus den indirekten Beschäftigungswirkungen, die die Investitionen für Klimaneutralität auslösen. Diese indirekten Wirkungen machen 2035 etwa die Hälfte des Arbeitskräftebedarfs aus und verteilen sich über ein breites Spektrum von Wirtschaftsbereichen einschließlich vieler Dienstleistungssektoren.

Büro- und Sekretariatsberufe, Logistikberufe, Berufe der Unternehmensorganisation und -strategie sowie Reinigungsberufe machen im Jahr 2035 zusammen mehr als ein Viertel der indirekt benötigten Arbeitskräfte aus.

Mit Qualifizierung gegen Engpässe

Dabei zeichnen sich schon heute Engpässe ab: Von den Arbeitskräften für Klimaneutralität, die 2035 benötigt werden, entfallen etwas mehr als 300.000 oder rund 40 Prozent auf Berufsgruppen, denen die Bundesagentur für Arbeit schon 2019 einen Mangel an Fachkräften, Spezialisten oder Experten attestierte.

Der größte Teil betrifft Berufe in Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung – insgesamt 56 Prozent. Einen weiteren großen Anteil machen mit 32 Prozent die Bau-, Architektur-, Vermessungs- und Gebäudetechnikberufe aus.

One Million Climate Jobs
Eine Million Klima-Jobs – mit der Forderung lag dieser Anti-Kohle-Aktivist auch in der Höhe nicht so falsch. (Foto: Ilias Bartolini/​Flickr)

Eine begrenzte Konkurrenz um Arbeitskräfte zeichnet sich auch mit der Zukunftsaufgabe ab, die Wirtschaft zu digitalisieren. Auf Digitalisierungsberufe entfallen 2035 rund 20 Prozent des Arbeitskräftebedarfs für Klimaneutralität.

Sich abzeichnende Engpässe bei Fachkräften im Übergang zu einem klimaneutralen Deutschland lassen sich durch einen Wechsel zwischen Branchen und Berufen entschärfen.

In begrenztem Maße ist das Arbeitskräfteangebot auch zu steigern, indem die Erwerbsbeteiligung, besonders von Frauen und Älteren, erhöht wird. Möglich ist auch eine Ausweitung von Arbeitszeit, wo das den Wünschen der Menschen entgegenkommt.

Zusätzlich benötigt Deutschland aber auch einen kräftigen jährlichen Zuwanderungsüberschuss. Wünschenswert wäre dabei, dass gerade auch höher qualifizierte Menschen ins Land kommen.

Unverzichtbar sind umfangreiche Qualifizierungsmaßnahmen, auch um weitere Potenziale an Arbeitskräften zu erschließen – bei Arbeitslosen, gering Qualifizierten, Berufsrückkehrer:innen, Geflüchteten.

Aussichtsreich erscheint, modulare Teilqualifizierungsmaßnahmen zu nutzen. Angesichts des hohen Bedarfs an Fachkräften erscheinen aber auch Maßnahmen erforderlich, um den sozialen Status von Ausbildungsberufen aufzuwerten.

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