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Klimaausgleich ungewiss

Privatpersonen oder Staaten können die Klimagase, die sie verursachen, kompensieren und so ihre CO2-Bilanz verbessern. Doch wie dies künftig geregelt werden soll, ist bislang unklar.


Ein Junge in Sambia lernt für die Schule mit einer Solar-Lampe
Klimaschutzprojekt in Sambia: Mit einer Solar-Lampe können Schüler länger lernen und später einen qualifizierten Beruf ergreifen. (Foto: Patrick Bentley/​SolarAid)

Selbst wenn wir uns noch so sehr anstrengen – nicht alle Treibhausgase lassen sich vermeiden. Bei der Produktion von herkömmlichem Zement etwa setzen auch die chemischen Umwandlungsprozesse riesige Mengen an Kohlendioxid frei – die sogenannten Prozessemissionen. Auch durchaus erfolgversprechende Ansätze, diese Emissionen zu senken, können keine Wunder bewirken.

Flugreisen zu entfernten Zielen verursachen ebenfalls sehr viele Treibhausgase. "Bei einer Flugreise von Berlin nach La Palma entstehen schon über zwei Tonnen CO2-Äquivalent, bei einer Flugreise nach Australien sogar zehn Tonnen", sagt Michael Bilharz gegenüber Klimareporter°. Der Volkswirt ist beim Umweltbundesamt (UBA) für nachhaltige Konsumstrukturen zuständig.

Weil es bei Flugreisen keine "grünere" Variante gibt, sondern nur die Entscheidung zwischen Fliegen und Nichtfliegen, spenden klimabewusste Fluggäste Geld an Klimaschutzprojekte. Die sogenannte Klimakompensation soll die entstandenen Emissionen "neutralisieren", indem sie andernorts vermieden werden.

"In der Praxis beinhaltet das vor allem die Installation von Windkraft- und Photovoltaikanlagen, die Förderung von Solarkochern oder auch Aufforstungsmaßnahmen in Schwellen- und Entwicklungsländern", erklärt Bilharz. Mit der Kompensationszahlung trage man direkt zum Aufbau einer klimaneutralen Infrastruktur in den Ländern bei.

Organisationen wie Atmosfair oder Klima-Kollekte leiten die freiwilligen Zahlungen an Projekte in den Entwicklungsländern weiter, weil sich dort CO2 mit weniger Aufwand einsparen lässt als in den Industrieländern.

Auch die Schweizer Stiftung Myclimate unterstützt die Herstellung und den Verkauf von Solarkochern oder effizienteren Kochern in afrikanischen Ländern. "Dann müssen Frauen und Kinder weniger Holz sammeln und sind geringeren Luftschadstoffkonzentrationen ausgesetzt als bei traditionellen Kochern", sagt Stefan Baumeister von Myclimate gegenüber Klimareporter°.

Mehr als 6,2 Millionen Tonnen Treibhausgase hat Myclimate in den vergangenen 17 Jahren kompensiert – vor allem von Privatpersonen und privatwirtschaftlichen Organisationen. Verwaltungen und öffentliche Institutionen sind bislang kaum dabei.

Mindestanforderungen

Für privat gehandelte CO2-Zertifikate gilt:

 

  • Die Einsparung der vermiedenen Emissionen muss für eine bestimmte Dauer gewährleistet werden.

 

  • Erst der Erwerb der Zertifikate darf die Emissionseinsparungen ermöglichen, diese müssen also zusätzlich wirksam werden.

 

  • Transparenz muss gewährleistet sein.

Anders als Privatpersonen kann in Deutschland oder der Schweiz der Bund auf Zertifikate aus Projekten zurückgreifen, die nach den UN-Regeln des sogenannten Clean Development Mechanism (CDM) zertifiziert sind.

2017 hat das Umweltbundesamt Emissionszertifikate von rund 300.000 Tonnen CO2 aus CDM-Projekten erworben. Das soll alle Emissionen, die durch Dienstreisen der Bundesregierung und von Bundesbehörden entstanden sind, kompensieren und hat 1,7 Millionen Euro gekostet.

Zudem können Staaten auch über den Mechanismus Joint Implementation Emissionszertifikate erwerben. Dabei investieren Industriestaaten zur Senkung ihrer Treibhausgase in Projekte in anderen Industriestaaten.

Die beiden Mechanismen wurden unter dem Dach des Kyoto-Protokolls eingerichtet, dem Vorgängervertrag des Pariser Klimaabkommens. Sie laufen jedoch 2021 beziehungsweise 2022 aus. Die UN-Staaten müssen noch klären, wie es mit beiden Instrumenten weitergehen soll.

Das beim Klimagipfel Ende vergangenen Jahres im polnischen Katowice verabschiedete Regelbuch zum Paris-Abkommen greift das Thema zwar auf. Geklärt ist die Zukunft der Mechanismen aber noch nicht.

Dabei wird der Erwerb von Emissionszertifikaten künftig noch drängender werden. Verfehlt Deutschland die Klimaziele der EU für 2020 sowie für 2030 in den Sektoren Verkehr, Landwirtschaft und Gebäude, die nicht Teil des europäischen Emissionshandels sind, droht ein Vertragsverletzungsverfahren – oder Deutschland kauft CO2-Emissionsrechte von anderen EU-Staaten.

Welche Kosten auf Deutschland dann zurollen, lässt sich bislang nur schätzen. Klar ist nur, es wird nicht billig. Während das Öko-Institut mit Kosten zwischen fünf und 30 Milliarden Euro bis 2030 rechnet, geht die Denkfabrik Agora Energiewende davon aus, dass 30 bis 60 Milliarden Euro Strafzahlungen anfallen werden.

"Völlig intransparent"

Simon Schäfer-Stradowsky, Geschäftsführer des Instituts für Klimaschutz, Energie und Mobilität (Ikem) in Berlin, sieht ein weiteres Problem: "Bislang läuft der Erwerb zusätzlicher Emissionsrechte bilateral zwischen den Staaten."

Die Verkaufsbedingungen für die Zertifikate, sagt Schäfer-Stradowsky gegenüber Klimareporter°, "bleiben dabei völlig intransparent". Besser wäre es, wenn die EU hier koordinierend tätig würde und ein offenes und transparentes Verfahren auflegte, meint der Rechtswissenschaftler.

Doch nicht nur auf der zwischenstaatlichen Ebene mangelt es an Vorgaben. Auch bei den privatwirtschaftlich organisierten Kompensationsprojekten fehlt bislang eine konkrete Regulierung.

"Deshalb muss die Bundesregierung im Klimaschutzgesetz auch Standards für Kompensationszertifikate definieren", fordert der Ikem-Chef. Sonst könne es zu unterschiedlichen Anforderungen aus der Verwaltung und dem privatwirtschaftlichen Bereich kommen.

Für die Kompensationsanbieter wäre das ein Problem. Der Bund sollte deshalb einen Standard festlegen, der von unterschiedlichen Zertifikaten erfüllt werden kann, sagt Schäfer-Stradowsky.

Tipps, um den eigenen CO2-Fußabdruck zu senken

Das empfiehlt Michael Bilharz vom Umweltbundesamt:

 

  • Auf die sogenannten "Big Points" – Wohnen, Mobilität, Ernährung – setzen: Heizenergie sparen durch Dämmen oder geändertes Heizverhalten. Sprit sparen und das Auto bewusster nutzen, zum Beispiel durch Carsharing. Sich vermehrt pflanzlich ernähren.

 

  • Sich politisch für klimafreundlichere Rahmenbedingungen einsetzen, zum Beispiel in Umweltverbänden.

 

  • Im Betrieb und im persönlichen Umfeld dafür eintreten, dass umfassendere Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden.

 

  • CO2-Emissionen kompensieren.

Vorbildliche Kompensationsprojekte gewährleisten eine dauerhafte Einsparung der vermiedenen Emissionen und können nachweisen, dass erst der Erwerb der CO2-Zertifikate die Einsparungen ermöglicht hat. Gegenüber Prüfern können die Kompensierer ihre Aktivitäten transparent darlegen.

Ein Branchenlabel von Umweltorganisationen wie dem WWF, der Gold Standard, soll belegen, dass die Anbieter sich an die genannten Regeln halten. Aus Sicht von Schäfer-Stradowsky hat ein staatliches Gütesiegel jedoch höhere Glaubwürdigkeit.

Auch Lisa Badum, Abgeordnete der Grünen im Bundestag, fordert gesetzliche Standards für Kompensation. "Klimakompensation darf kein CO2-Ablasshandel sein, der der reinen Gewissensberuhigung dient", sagt Badum. Verbraucher sollten seriöse Projekte erkennen können. Besser sei es jedoch in jedem Fall, Emissionen zu vermeiden, statt sie zu kompensieren, betont die Abgeordnete.

Eine andere Sicht darauf hat Michael Bilharz vom UBA. "Grundsätzlich spricht nichts dagegen, beispielsweise seinen gesamten Ausstoß an Treibhausgasemissionen in Höhe von durchschnittlich elf Tonnen CO2 pro Jahr zu kompensieren und so schon heute klimaneutral zu leben", sagt der Ökonom.

248 Euro kostet das bei Myclimate, bei Atmosfair sind es 253 Euro.

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