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Der matte Golfstrom

Europas "Zentralheizung" ist derzeit so schwach wie nie in den vergangenen 1.000 Jahren, und der Kipppunkt liegt umso näher, je weniger die Menschheit gegen die globale Erwärmung unternimmt. Es darauf ankommen zu lassen, ist keine gute Strategie.


Visualisierung der warmen Meeresströmungen im Nordatlantik auf Basis einer Nasa-Weltraumaufnahme.
Fällt der Golfstrom teilweise aus, wird es in Europa schnell kälter – und dafür woanders noch wärmer. Die Folgen, etwa für Fischerei und Landwirtschaft, sind nicht abzusehen. (Bild: NASA/​Agencja Artystyczna Antrakt/​Shutterstock)

Der Golfstrom gilt als Europas Zentralheizung. Er ist Teil eines riesigen Strömungssystems, der Atlantischen Meridionalen Umwälzströmung, kurz AMOC.

Diese Meeresströmung befördert pro Sekunde 20 Millionen Kubikmeter warmes Wasser vom Äquator nach Norden, etwa das Hundertfache des Amazonasstroms.

Fiele diese "Heizung" plötzlich aus, hätte das böse Folgen für unseren Kontinent. Es würde dramatisch kälter. Ganz Skandinavien läge unter einer Eisdecke, in Hamburg oder Berlin herrschte sibirisches Klima.

Die Befürchtung, der Klimawandel könne den Golfstrom komplett zum Versiegen bringen, treibt Experten seit Langem um. Inzwischen scheint klar, dass dieses harte Szenario sehr unwahrscheinlich ist, jedenfalls für das 21. Jahrhundert.

Eine neue Studie zeigt nun aber, dass das Golfstrom-System derzeit historisch schwach ausgeprägt ist – und dass der Kipppunkt umso näher rückt, je weniger die Menschheit gegen die globale Erwärmung unternimmt.

Kontinuierlich und direkt wird die Umwälzströmung erst seit 2004 gemessen. Daher hat das deutsch-britisch-irische Forschungsteam andere Zeugen der Vergangenheit herangezogen, darunter natürliche "Umweltarchive" wie Baumringe, Eisbohrkerne, Ozeansedimente und Korallen sowie historische Aufzeichnungen, etwa Einträge aus Schiffslogbüchern.

Ergebnis: Die Strömung war bis zum späten 19. Jahrhundert relativ stabil. Mit dem Ende der Kleinen Eiszeit um 1850 begann sie schwächer zu werden, und ab etwa 1950 folgte ein zweiter, noch drastischerer Rückgang.

"Die Abschwächung der Strömung ist seit mehr als 1.000 Jahren beispiellos", sagte Mitautorin Niamh Cahill, Statistikerin an der irischen Maynooth University. Die neuen Datensätze seien gut verwendbar, da sie ein stimmiges Gesamtbild zeichneten.

Mehr Extremwetter

Initiator der Studie war der Potsdamer Professor und Ozeanexperte Stefan Rahmstorf. Seit 1950 ist der Golfstrom nach Rahmstorfs eigenen früheren Untersuchungen um 15 Prozent schwächer geworden.

Treibt die Menschheit die Erwärmung weiter voran, wird sich das System gemäß der neuesten Generation von Klimamodellen weiter abschwächen – um 34 bis 45 Prozent bis 2100. Das wäre, so der Experte, schon nahe an dem Kipppunkt, an dem es instabil wird.

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins Klimareporter°.

Es darauf ankommen zu lassen, ist garantiert keine gute Strategie. Zumal auch schon während der weiteren Abschwächung unangenehme Folgen drohen.

In Europa könnte es zu mehr extremen Wetterereignissen kommen, etwa durch eine Verstärkung von Winterstürmen über dem Atlantik oder eine spürbare Abnahme der Niederschläge im Sommer.

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