Corona infiziert Kohle

Der besonders klimaschädliche Energieträger wird weltweit weniger für die Stromerzeugung genutzt. China bildet die große Ausnahme: Hier sind weiterhin zahlreiche neue Kraftwerke geplant.


Luftaufnahme eines Kohlekraftwerks mit zwei in Betrachtungsrichtung qualmenden Schornsteinen.
Kohlekraftwerke gehen vom Netz – nicht nur in Europa. (Foto: Gooische Luchtfotografie/​Shutterstock)

Die Coronakrise hat die globalen Treibhausgas-Emissionen aus fossilen Energiequellen deutlich zurückgehen lassen – 2020 um sieben Prozent. Viele Experten erwarten, dass der CO2-Ausstoß nach dem sehnlich erwarteten Ende der Pandemie wieder das alte Niveau erreicht, ähnlich wie das nach der Weltfinanzkrise 2008/2009 der Fall war.

Doch diesmal könnte es anders sein. Hauptgrund: Der Anteil der besonders klimaschädlichen Kohle an der Verstromung ist zuletzt deutlich zurückgegangen, und das ist ein Trend, der die Pandemie überdauern könnte.

Die Kohle wurde laut einer neuen Analyse von Potsdamer und Berliner Ökonomen härter getroffen als andere Stromquellen. Als wichtigsten Grund sehen sie die zunehmende Stromeinspeisung aus Solar-, Wind- und Biomasse-Anlagen ins Netz.

"Wenn die Nachfrage nach Strom sinkt, werden in der Regel zuerst die Kohlekraftwerke abgeschaltet", erläuterte Christoph Bertram vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), da die Verbrennung des Rohstoffs hohe Kosten verursacht, während die Solar- und Windkraftwerke, einmal gebaut, deutlich geringere Betriebskosten haben. "Und sie laufen auch dann weiter, wenn die Nachfrage sinkt", so Bertram.

Der Stromerzeugungsmix veränderte sich nach der Studie 2020 weltweit deutlich. Besonders stark traf es die Hauptmärkte USA, Indien und EU. Hier ging die Stromnachfrage im Vergleich zu 2019 in manchen Monaten um bis zu 20 Prozent zurück, der CO2-Ausstoß sogar um bis zu 50 Prozent.

Kraftwerksneubauten in Süd- und Südostasien gestoppt

Die Forscher schätzen, dass die Emissionen ihr bisheriges Allzeithoch von 2018 nicht mehr erreichen werden. Sie erwarten, dass die Stromnachfrage in diesem Jahr wegen der anhaltenden Coronakrise etwa auf dem Niveau von 2019 liegen wird. Angesichts der inzwischen global ausgebauten "grünen" Erzeugung würde das einen geringeren fossilen Anteil bedeuten.

Tatsächlich wurde 2020 laut einer Analyse des Marktforschungsdienstes Bloomberg New Energy Finance die Rekordsumme von 501,3 Milliarden US-Dollar in die Energiewende investiert – ein Plus von neun Prozent gegenüber 2019.

Eine tendenzielle Abkehr von der Kohle spiegelt sich auch in der Entscheidung vieler Regierungen zum Kohleausstieg vor allem in Europa beziehungsweise zum Eindampfen der Pläne für Kraftwerksneubauten in Asien wider. Unter anderem in Ländern wie Indien, Bangladesch, Indonesien und Vietnam ist letzteres zu beobachten.

Der globale Markt für Kohlemeiler gerate zunehmend unter Druck, analysierte jüngst der Informationsdienst Global Energy Monitor. Das Risiko für Investments in Kohlekraftwerke steige wegen des zunehmenden Rückzugs von Investoren sowie sinkenden Stromerzeugungskosten bei Öko-Energien und Gaskraftwerken.

Chinas Klimaziel in Gefahr

Eine Ausnahme indes bildet China, das Kohlemeiler mit der gigantischen Leistung von 247.000 Megawatt in Bau oder in Planung hat. Grund dafür ist aber offenbar weniger der Strombedarf als die Erleichterung bei den Genehmigungen und die Gewährung günstiger Kredite zwecks Wirtschaftsstützung nach der Corona-Pandemie.

Tatsächlich müsste, um das von Peking angekündigte Ziel der Klimaneutralität bis 2060 zu erreichen, die Kraftwerkskapazität laut Expertenschätzung bereits bis 2030 um 40 Prozent sinken, von derzeit knapp 1,1 Millionen auf 680.000 Megawatt. Das ist derzeit nicht in Sicht.

Die Autoren der deutschen Studie halten die aktuelle Situation für eine besonders günstige Gelegenheit, um den generellen Trend des Rückgangs der Kohlenutzung unumkehrbar zu machen. Unterstützt durch die richtigen klimapolitischen Maßnahmen könnten die Emissionen des Stromsektors so schneller sinken als bisher angenommen, meinen sie.

"Unsere Studie zeigt, dass es nicht nur ökologisch unverantwortlich, sondern auch ökonomisch sehr riskant ist, in fossile Energieträger zu investieren", sagte Co-Autor Ottmar Edenhofer, Direktor des PIK und des Berliner Thinktanks MCC. Mit weiteren Maßnahmen wie der Abschaffung von Subventionen für fossile Brennstoffe oder der Erhöhung von Investitionen in Wind- und Solarenergie sei es "nun einfacher als je zuvor, der klimaschädlichen Stromerzeugung ein Ende zu setzen".

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier