Stoff für grüne Sciene-Fiction

Erst stand es für vergangenen Mittwoch im vertraulichen Vorhabenplan des Kanzleramts, dann rauschte der Blätterwald, morgen werde die "Nationale Wasserstoffstrategie" im Bundeskabinett sein. Auch dazu kommt es voraussichtlich nicht. Dafür schauen inzwischen Opposition und Verbände genauer auf die Zukunftspläne mit dem Wunderstoff.


Mehrere weiße Rohre mit verschiedenen farbigen Markierungen und Flanschen, im Hintergrund dichtes Grün.
Ist der Wasserstoff grün, blau, türkis oder grau? Inzwischen kann er auch braun sein. (Foto: Prapat Aowsakorn/​Shutterstock)

Die aktuelle Farbpalette beim Wasserstoff ist um einen alten Farbton ergänzt worden: Braun. Damit wird Wasserstoff bezeichnet, der zwar per Elektrolyse gewonnen wird, wozu aber nicht allein Ökostrom eingesetzt wird, sondern der derzeit in Deutschland übliche Graustrom-Mix – mit einem ordentlichen Anteil an Steinkohle- und Braunkohlestrom.

Die anderen Farben sind grün (Elektrolyse nur mit Ökostrom), blau (traditionelle Wasserstoffgewinnung mit CO2-Abscheidung), türkis (thermische Methan-Spaltung) und grau (traditionelle Gewinnung aus Erdgas).

Wie sich die Bundesregierung zu all den Farben stellt, wird die Öffentlichkeit auch diese Woche nicht erfahren. Obwohl es seit Tagen im Blätterwald rauscht, die "Nationale Wasserstoffstrategie" der Bundesregierung komme morgen ins Kabinett, wird das nach Klimareporter° vorliegenden Informationen nicht geschehen.

Klar ist mittlerweile: Der Einsatz des deutschen "Graustroms" für die Elektrolyse zu "braunem" Wasserstoff bringt klimapolitisch nichts. Der Klima-Effekt hängt auch nach Ansicht der Bundesregierung vom CO2-Gehalt des Strommixes ab sowie auch davon, welcher Energieträger ersetzt wird, heißt es in einer Klimareporter° vorliegenden Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag.

Eine reale CO2-Minderung durch elektrolytischen Wasserstoff wird laut dem Freiburger Öko-Institut erst erreicht, wenn der Strom einen Emissionsfaktor von höchstens 200 Gramm CO2 je Kilowattstunde hat. Das ist dauerhaft erst bei einem Anteil von 70 Prozent Ökostrom im Netz gegeben – ein Wert, den Deutschland wohl erst nach 2030 erreicht.

Das gilt auch für die Wasserstoff-Gewinnung im Ausland, mit dem die Wasserstoffstrategie stark liebäugelt, wie die Linksfraktion kritisiert. Nach ihren Recherchen liegen die Ökostromquoten in den Ländern, aus denen Deutschland künftig Wasserstoff importieren will, oft unter 30 Prozent. Das betreffe unter anderem Saudi-Arabien, Algerien, Ägypten sowie westafrikanische Länder.

Die Bundesregierung weist hier darauf hin, dass die in diesen Regionen geplanten Wasserstoff-Projekte einen zusätzlichen Klimanutzen generieren sollen und die Projekte weder ökologisch noch sozial zulasten der Staaten wirken sollen, in denen sie stattfinden.

So werde die Regierung keinen Wasserstoff fördern, der zulasten der Eigenversorgung jener Länder produziert würde, heißt es in der Antwort. Unterstützt werden sollten vielmehr die "dekarbonisierte Eigenversorgung" und zusätzlich die Förderung von Exportmöglichkeiten für Ökostrom und Wasserstoff.

"Altmaier setzt auf fossilen Wasserstoff mit CCS"

Den energiepolitischen Sprecher der Linksfraktion Lorenz Gösta Beutin überzeugt das nicht. Auf keine der Fragen habe das Wirtschaftsministerium "belastbare Antworten" gegeben – zur Verfügbarkeit genauso wenig wie zu Kosten, Effizienz oder zu den ökologischen und sozialen Folgen für die Lieferländer im globalen Süden, meint Beutin.

Für den Linkspolitiker setzt das Wirtschaftsministerium "wider besseres Wissen blind auf Wasserstoff". Damit wolle sich die Regierung weiter vor echten Weichenstellungen zur Senkung der Emissionen im Verkehr und bei den Gebäuden drücken.

"Science-Fiction" sind die Träume von kurzfristigen Lieferungen grünen Wasserstoffs aus Afrika oder Südamerika auch für Sascha Müller-Kraenner von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Im ersten Schritt müsse es um den Aufbau einer Elektrolyse-Leistung in Deutschland über geeignete Förderinstrumente gehen.

"Dafür ist aber ausreichend erneuerbarer Strom notwendig. Die Abstandsregeln für Wind müssen vom Tisch und der Deckel für Photovoltaikanlagen muss sofort abgeschafft werden", so der DUH-Geschäftsführer.

Die Umweltorganisation fordert, die Wasserstoffstrategie konsequent an Klima-, Nachhaltigkeits- und Effizienzkriterien auszurichten. Der bisherige Entwurf der Strategie blende diese Aspekte aus. Stattdessen setze Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) auf den "blauen" Wasserstoff mit fossilem Erdgas und CCS.

Auch eine pauschale Befreiung der Herstellung von Wasserstoff von Steuern und Abgaben, wie der EEG-Umlage, lehnt die Umwelthilfe ab. Um grünen Wasserstoff herzustellen, werde zusätzlicher Ökostrom benötigt. Deshalb müssten, verlangt ein aktuelles Positionspapier des Verbandes, auch die Nutzer des Wasserstoffs mit der EEG-Umlage zum Ausbau der erneuerbaren Energien beitragen.

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