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Studieren heißt nicht mehr, jeden Tag an der Uni zu sein

Hochschulen sind Stätten der Wissenschaften, aber auch Arbeitgeber und Dienstleister. Wie bewegen sich aber Beschäftigte und Studierende dorthin und welche Auswirkungen hat die Pandemie? Eine Befragung an der Freien Universität Berlin ergab: Vieles scheint nicht mehr so zu sein wie früher.


Vor der Universitätsbibliothek der FU Berlin stehen einige Fahrräder.
Extra in die Unibibliothek fahren? Das machen jetzt noch weniger Studierende und wissenschaftlich Beschäftigte als vor der Pandemie. (Foto: César/​Wikimedia Commons)

An den Hochschulen dominiert die Forschung über andere: über Unternehmen, über Staaten, über Technologien, die Umwelt, einfach über die Welt als Ganzes und in ihren Teilen. Die Universität selbst war und ist dagegen nur selten das Objekt der eigenen Forschung.

Doch wie ist es um die Umweltverträglichkeit der Universitäten bestellt? Welcher CO2-Ausstoß entsteht bei der Produktion der Weltrettung? Denn Wissenschaft ist ja universell und damit raumgreifend und in globalen Netzwerken organisiert.

Für den Bereich der Mobilität fällt die Bilanz besonders dramatisch aus. Auch deshalb, weil in Deutschland viele Hochschulen oder wichtige Erweiterungsbauten in den 1960er und 1970er Jahren entstanden sind und in aller Regel wie damals üblich an den Rand der Städte platziert wurden.

Universitäten sind daher immer so etwas wie Verkehrserzeugungsanstalten. Einmal wegen der vielen internationalen Beziehungen, zum anderen aber auch, weil alle mit der Hochschule verbundenen Menschen immer einen hohen Fahrtaufwand treiben müssen, um vor Ort die wissenschaftliche Arbeit zu verrichten oder an der Lehre teilzunehmen.

Die Freie Universität Berlin (FU) hat vor der Pandemie einmal selbst ausgerechnet, wie ihre CO2-Bilanz ausfällt, und kam zum Ergebnis, dass allein die dienstlichen Flugreisen rund 33 Prozent der gesamten CO2-Emissionen der Universität darstellten. Der Anteil der Fernflüge machte dabei 80 Prozent aus. 2019 hat die FU den Klimanotstand erklärt.

Mobilitäts-Umfrage bei Studierenden und Beschäftigten

Was passiert aber, wenn die Menschen nicht auf Dienstreisen sind, und wie wirken sich die Folgen der Pandemie aus? Eine Forschungsgruppe des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) hat in Kooperation mit der FU-Stabsstelle für Nachhaltigkeit und Energie Anfang des Jahres 2022 alle Studierenden sowie alle Beschäftigtengruppen dazu angeschrieben.

Rund 6.000 Menschen aus allen Statusgruppen haben sich an der Online-Umfrage beteiligt und umfangreich darüber Auskunft gegeben, wie sie sich fortbewegen und was sich dabei geändert hat. Die hier präsentierten Ergebnisse werden allein vom WZB verantwortet.

Balkendiagramm: Je höher die Statusgruppe, desto stärker die Fahrrad- und Autonutzung und desto geringer die ÖPNV-Nutzung.
Mobilität von und zur FU: Ergebnisse der Umfrage an der Freien Universität Berlin. (Grafik: WZB)

Obwohl die FU nicht im Zentrum Berlins liegt und über mehrere räumlich auseinanderliegende Campusse verfügt, nutzen 67 Prozent der Befragten auf dem Weg hin und zurück den öffentlichen Nahverkehr und nur 14 Prozent das Auto.

Der eigene Wagen spielt je nach Status eine sehr unterschiedliche Rolle. Bei den Studierenden und Doktoranden nutzen ihn weniger als zehn Prozent der Befragten, während bei den nicht-wissenschaftlichen Angestellten über 37 Prozent mit dem Auto anreisen.

 

Rund 16 Prozent aller Befragten fahren mit dem Fahrrad zur Uni. Erstaunlich hoch ist der Anteil bei den Lehrenden, von denen fast 40 Prozent das Fahrrad auf dem Weg zur Uni nutzen.

Da außerdem sogar fünf Prozent der Professoren und Professorinnen zu Fuß kommen, liegt der Schluss nahe, dass die Mehrheit der Hochschullehrenden in der unmittelbaren Nähe der Uni wohnt. Die Studierenden und nicht wissenschaftlich Beschäftigten haben dagegen einen deutlich weiteren Anreiseweg.

Bedenkt man zudem, dass die Hälfte der Befragten über kein eigenes Auto im Haushalt verfügt, dann bilden diese Nutzungsprofile der FU in etwa das Bild Berlins ab: Öffentlicher Verkehr und Fahrrad bilden das Rückgrat der verkehrlichen Bewegungen, das Auto bleibt für Menschen, die weiter außerhalb leben, das Maß der Dinge.

Aber in Richtung nachhaltiger Mobilität ist auf dem Weg zur Uni und zurück noch Luft nach oben. Bei den qualitativen Antworten finden sich erstaunlich viele Hinweise und Vorschläge, wie die Fahrradinfrastruktur verbessert werden sollte: mehr und bessere Radwege sowie sichere Abstellanlagen werden durchgehend als Wunsch genannt.

Balkendiagramm: Einige wenige finden die Wege zur Freien Universität Berlin sehr fahrradfreundlich oder sehr fahrradunfreundlich, dazwischen sind alle Bewertungen gleich oft vertreten.
Die Fahrradfreundlichkeit der Wege zur FU wird sehr unterschiedlich bewertet. (Grafik: WZB)

Insgesamt bewerten nur 21 Prozent der Befragten die Bedingungen für das Fahrradfahren als gut oder sehr gut. Die überwiegende Mehrheit ist mit der augenblicklichen Lage weniger bis gar nicht zufrieden. Im Ausbau der Fahrradinfrastruktur läge demnach ein Schlüssel, um den Modal Split aller Gruppen an der Uni noch weiter in Richtung einer nachhaltigen Mobilität zu verlagern.

Diese Ergebnisse zeigen, dass das Auto bei den Studierenden und Beschäftigten eine untergeordnete Rolle spielt und der Fahrradanteil noch deutlich ausgebaut werden könnte.

Bei der Befragung fallen aber auch gravierende Verschiebungen auf, die als Folge der Covid-19-Pandemie zu deuten sind und die offenkundig ganz grundlegend geänderte Alltagsroutinen zeigen.

Hinweise auf größere Umbrüche

Die rund 5.000 Befragten, die zu der Frage der Reisehäufigkeit zur FU Antworten gaben, lassen erkennen, dass die Bedeutung des orts- und zeitflexiblen Arbeitens und Studierens deutlich zugenommen haben dürfte.

Während der Befragung waren nur noch wenige Restriktionen am Arbeitsplatz in Kraft, dennoch gaben lediglich rund acht Prozent der Befragten an, täglich an die FU zu kommen. Vor der Pandemie waren es 40 Prozent, die sich jeden Tag auf dem Campus aufhielten.

Balkendiagramme: Ob zum Studieren oder angestellt, die meisten kommen viel seltener in die Uni als vor der Pandemie.
Die Anwesenheitszeiten an der Uni haben sich durch die Pandemie stark verändert. (Grafik: WZB)

Für die weitläufige und etwas abseits gelegene FU war sicherlich auch schon vor Covid-19 das tägliche Erscheinen nicht unbedingt typisch. Während vor der Pandemie dennoch über 80 Prozent mehrmals pro Woche auf dem Campus waren, hatte sich dieser Wert Anfang des Jahres 2022 auf gerade mal 26 Prozent reduziert.

Selbst wenn man bedenkt, dass deutlich mehr als die Hälfte der Befragten Studierende waren und sich der Lehrbetrieb Anfang des Jahres noch nicht gänzlich normalisiert hatte, scheint dies kein Zufallsbefund zu sein, sondern Teil eines neuen Verständnisses von Arbeit und Studium.

Dies dokumentieren die vielen Kommentare der Befragten, die sich eindeutig im Wunsch zusammenfassen lassen, auch nach Auslaufen aller Restriktionen ein flexibles Arbeiten und Studieren zu ermöglichen.

Zwar zeigen sich insbesondere Studierende sehr unzufrieden mit der Situation während der Pandemie, aber von einer schnellen Rückkehr zu Verhaltensformen und Routinen der Vor-Pandemie-Zeit kann keine Rede sein.

Porträtaufnahme von Franziska Zehl.
Foto: David Außerhofer

Franziska Zehl

ist wissen­schaftliche Mit­arbeiterin am Institut für angewandte Sozial­wissen­schaften (Infas). Davor unter­suchte sie am Wissen­schafts­zentrum Berlin für Sozial­forschung (WZB) im Projekt Mobicor die bundes­weite Mobilität während der Corona-Pandemie und unter­stützte das Team bei der Daten­erhebung und Analyse.

Bei den Formaten des Studierens, des Forschens und des Arbeitens scheinen sich größere Umbrüche anzudeuten, auch wenn die Entwicklung wahrscheinlich noch nicht abgeschlossen ist.

Die Ergebnisse der Befragung könnten Hinweise darauf sein, dass zukünftig die etablierten Orte des Tuns – auch die der Forschung – an Bedeutung verlieren. Das neue Normal ist nicht mehr, jeden Tag oder mehrmals die Woche an der Uni zu sein, sondern vermutlich viel seltener.

Stattdessen werden die digitalen Optionen für Lehre, Forschung und auch für die Verwaltung genutzt und damit Wege eingespart. Dies gilt offenkundig für alle Beschäftigtengruppen, die nicht aus technischen, organisatorischen oder anderen Gründen an einen festen Arbeitsplatz etwa im Labor gebunden sind.

Arbeits- und Studienort Universität wird neu bewertet

Hier wären sogar noch sehr viel weiter reichende Konsequenzen möglich. Wie groß muss eine Universität eigentlich zukünftig sein, wie viele Arbeitsplätze, Seminar- und Lehrsäle sind tatsächlich vorzuhalten? Wenn man bedenkt, dass deutlich mehr als 60 Prozent der Emissionen auf dem Campus für die Energieversorgung der Gebäude anfallen, dann wäre hier eine Stellschraube für eine CO2-Reduktion zu vermuten.

Porträtaufnahme von  Andreas Knie.
Foto: David Außerhofer

Andreas Knie

ist Verkehrsforscher am WZB, wo er die Forschungs­gruppe Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung leitet. Er ist Professor für Soziologie an der TU Berlin, außerdem gehört er dem Heraus­geber­rat von Klima­reporter° an.

Im Ergebnis zeigt sich, dass die Corona-Pandemie auch beim akademischen Arbeiten deutliche Spuren hinterlassen hat. Der Arbeitsplatz und der Studienort Universität werden neu bewertet.

Jeden Tag zur Arbeit oder in den Seminarraum zu kommen, scheint für den überwiegenden Teil der Befragten keine Option mehr zu sein. Vor allen Dingen für die in der Regel weit anreisenden nicht-wissenschaftlichen Beschäftigten ist die Arbeit im Homeoffice eine attraktive Möglichkeit. Aber auch bei den Studierenden kann man nicht von einem Run zurück in die Vorlesungsräume berichten.

Da diese Befunde eine Phase mit großem Abstand zum ersten Lockdown betreffen, kann auch nicht von einer ganz besonderen und eigentlich nicht typischen Situation ausgegangen werden. Ortsflexibilität steht hoch im Kurs und ist offenkundig an der FU bereits in stabilen Routinen verankert.

Sicher bleibt vieles noch Spekulation, aber möglicherweise könnte sich die Universität auch als nachhaltig orientierter Arbeitgeber und akademischer Dienstleister ganz neu positionieren, um tägliche Wege einzusparen und gleichzeitig die Zufriedenheit der Studierenden und der Beschäftigten zu erhöhen.

Digitale Mobilität – das Antiblockiersystem

Wie kommen wir in Zukunft von A nach B? Fest steht: Es geht nur radikal anders als bisher. Aber wie? Die Gruppe "Digitale Mobilität – das Antiblockiersystem" entwickelt Ideen für die Mobilität von morgen. Hier schreiben Wissenschaftler:innen und Expert:innen über Wege in ein neues Verkehrssystem, das flüssig, bequem, gerecht und klimafreundlich ist – jenseits von Allgemeinplätzen und Floskeln. Das Dossier erscheint in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Die Beiträge erscheinen zugleich im WZB-Blog der Forschungs­gruppe Digitale Mobilität.

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