Architekten lernen endlich, wo Süden ist

Als erste größere Stadt in Deutschland schreibt Tübingen für alle Neubauten Photovoltaik-Anlagen vor. Mit neuen Vorschriften will die Universitätsstadt in Baden-Württemberg erreichen, dass sich möglichst viele Bürgerinnen und Bürger am Erreichen der Klimaziele beteiligen.


Blick über die Dächer der Altstadt von Tübingen.
Jede Menge Dächer: Tübingen macht jetzt zumindest bei Neubauten Ernst mit solaren Bauvorschriften. (Foto: Felix König/​Wikimedia Commons)

Nicht Dutzende, sondern Hunderte Male wurde ich in den letzten Jahrzehnten gefragt: "Warum werden bei Neubauten Solaranlagen nicht vorgeschrieben?"

Ja warum wohl? Ein grüner Bürgermeister in Kassel hat es mal mit einer solchen Vorschrift versucht. Er wurde von seiner hessischen Landesregierung ausgebremst mit der Begründung, eine solche Vorschrift sei "Ökodiktatur".

In Bayern gibt es meines Wissens zwei kleine Kommunen, die solche sinnvollen Vorschriften für Neubaugebiete mit Erfolg erlassen haben. Jetzt aber ist es mit Tübingen die erste größere deutsche Stadt, die mit ihrem grünen Oberbürgermeister Boris Palmer und der Mehrheit des Stadtrats beschlossen hat: Neubauten werden nur noch zusammen mit Solarstromanlagen genehmigt. Architekten müssen also endlich lernen, wo Süden ist.

Die bisherigen Ausreden der Kommunalpolitiker: Die Bauordnung lässt eine solche Vorschrift nicht zu, Denkmalschutz verbiete Photovoltaik-Anlagen, Solarstrom sei zu teuer, eine Solar-Vorschrift sei "Ökodiktatur" oder ähnlicher Unsinn. In Deutschland ist noch immer kein Argument zu doof, um nicht gegen die Energiewende ins Feld geführt zu werden.

Photovoltaik-Anlagen rechnen sich, seit im Jahr 2000 das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Kraft getreten ist. Viele Hausbesitzer und Energiegenossenschaften haben sogar ordentliches Geld damit verdient oder gespart.

Tübingen will mit seinen neuen Vorschriften, dass sich möglichst viele Bürgerinnen und Bürger am Erreichen der Klimaschutzziele beteiligen. Was das Problem von allen ist, muss auch von allen gelöst werden. Die Stadt am Neckar hat sich zum Ziel gesetzt, die CO2-Emissionen bis 2022 um ein Viertel zu senken – gemessen an 2014.

Preiswerte Sonnenenergie

Windräder können in Städten nur in begrenzter Zahl aufgestellt werden, Wasserkraft ist in Tübingen ausgeschöpft und auch Bioenergie ist natürlich begrenzt. Aber Städte haben jede Menge Dächer und Fassaden für Solaranlagen. Hier liegt das größte bisher ungenutzte Potenzial.

Die Sonne scheint auf jedes Dach, kostenlos, umweltfreundlich und fast jeden Tag. Aber der Preis für die Anlagen? Es ist ein nahezu unausrottbares Vorurteil der Ignoranten, dass Solarstrom zu teuer sei.

Zur Person

Franz Alt ist Buchautor und Fernsehmoderator. (Foto: Axel Thomae/​Sonnenseite)

Dabei ist in den meisten Ländern der Welt die Sonnenenergie bereits die preiswerteste Energiequelle und wird immer billiger. Eben weil die Sonne keine Rechnung schickt. Und Solarenergie hat so gut wie keine Folgekosten im Gegensatz zur alten, fossil-atomaren Energieversorgung. Die Stadtwerke Tübingen machen Hausbesitzern, die selbst nicht investieren wollen, das Angebot, ihre Dachflächen anderen zur Verfügung zu stellen. Pachtmodelle sollen ermöglicht werden.

Die Stadtwerke bieten sogar an, die Anlagen selbst zu finanzieren und zu warten. Ein gutes Geschäft. Oberbürgermeister Palmer rechnet damit, dass seine Bürger mitmachen – schon des Preisvorteils wegen. Der Umstieg auf ein Elektroauto mit selbst erzeugtem Solarstrom macht den Ökostrom noch preiswerter. Er kostet höchstens ein Drittel dessen, was die Autofahrer bisher an der Tankstelle bezahlt haben.

Tübingen sollte jetzt überall werden. Es gibt keine Ausreden mehr.

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