Warten auf den "Wackersdorf-Moment"

Der jetzt angelaufene Spielfilm "Wackersdorf" feiert den zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen Konzerninteressen und verfehlte Politik. Vor fast 30 Jahren stoppten Proteste den Bau einer Atomfabrik in der oberpfälzischen Gemeinde. Der Vergleich zum Hambacher Forst drängt sich geradezu auf.


Hans Schuierer (Johannes Zeiler) im Film "Wackersdorf" während einer Kundgebung vor dem berühmten Wackersdorfer Zaun. (Foto: Erik Mosoni/​if... Productions)

Hans Schuierer steht vor einem vollen Versammlungsraum. Kritisch sehen ihn die Bergleute an. "Ein Strukturwandel ist unvermeidlich. Wenn jemand eine schnelle Lösung erwartet, den muss ich enttäuschen", sagt Schuierer. Im kleinen Ort Wackersdorf in der Oberpfalz wird 1982 die Förderung der Braunkohle eingestellt – die Vorkommen sind erschöpft.

Jahrzehntelang ist der Braunkohlebergbau ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region gewesen. Anfang der 1970er war die "Bayerische Braunkohlen Industrie" der zweitgrößte Braunkohleförderer der damaligen Bundesrepublik. Nun, da alles zu Ende geht, fürchten viele Menschen um ihre Jobs und erwarten Hilfe von ihrem SPD-Landrat. 

Mit dieser ersten Szene des Spielfilms "Wackersdorf" sind die Zuschauer mittendrin im Konflikt, in dem sich der Landrat, gespielt von Johannes Zeiler, befindet. So ist es auch verständlich, dass dieser erst einmal euphorisch reagiert, als er vom bayerischen Umweltminister erfährt, dass in seinem Landkreis über 3.000 neue Arbeitsplätze entstehen sollen.

Dass das durch eine Wiederaufbereitungsanlage (WAA) für Atommüll passieren soll, nimmt Schuierer zunächst in Kauf. Als er auf einem Volksfest von einer kritischen Bürgerin darauf angesprochen wird, ob "das mit dem Atom" nicht gefährlich sei, lachen er und die anderen Männer am Tisch die Frau noch aus.

Landrat wird vom Befürworter zum Gegner

Der Film zeichnet nun in 120 Minuten die wahre Geschichte nach, wie Hans Schuierer vom Befürworter der Anlage zum Gegner wird und sich schließlich den Protesten anschließt. Ein schneller Weg ist das nicht. Am Anfang gibt er offen zu, nicht viel über Atomenergie zu wissen, es folgen seine Fahrt in die Bücherei, wo er sich mit Argumenten sowohl für als auch gegen Atomenergie beschäftigt, und schließlich sein Schlüsselerlebnis.

Das hat er, als Polizisten einen Holzturm niederreißen. Nicht nur, dass sie dafür, wie der Landrat genau weiß, keine Rechtsgrundlage haben, sie setzen sich auf "Anweisung von oben" bewusst darüber hinweg. Gegner der WAA hatten das Aussichtsgestell auf ihrem eigenen Grundstück gebaut, um die Baustelle besser beobachten zu können. Der Turm kippt um und damit auch das Vertrauen Schuierers in den Rechtsstaat.

Menschen stehen auf einer Waldlichtung um einen gelben Kleinbus herum.
Hans Schuierer wird Teil des Protests. Kundgebung im Film gegen die Wiederaufbereitungsanlage im Taxöldener Forst. (Foto: if...productions/Erik Mosoni)

Von nun an wird er eine prominente Rolle im Widerstand gegen die WAA einnehmen. Dabei gibt es immer mehr Konflikte – sowohl mit der Staatsregierung in München als auch im eigenen Dorf. Denn längst nicht alle sind einverstanden damit, dass sich der Landrat den WAA-Gegnern anschließt.

Es wird sogar extra wegen Schuierer ein Gesetz erlassen: Weil der Landrat sich weigert, die Pläne für die WAA zu unterschreiben, entmachtet die bayerische Staatsregierung faktisch alle Landräte und kann so trotz seiner Weigerung die Baugenehmigungen erteilen.

Doch Schuierer hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Während er darum ringt, eine Haltung zu der geplanten WAA zu entwickeln, dürfen ihm die Zuschauer beim Nachdenken zuschauen. Beim Spaziergang im nebligen Herbstwald oder bei der Rennrad-Tour mit seinen SPD-Kumpels. Die Oberpfälzer Landschaft mit ihren Wäldern und Fischteichen wirkt wie ein Spiegel seiner Gedanken.

Naheliegender Vergleich mit Tagebau Hambach

Als Hans Schuierer sich dann entschieden hat, dass er die mögliche Gefährdung der Bürger durch die Atomanlage nicht riskieren will, steht er zu seiner Meinung. So feiert der Film einen Menschen, der bedingungslos auf sein Gewissen hört und damit seine Karriere aufs Spiel setzt – und erinnert an das zivilgesellschaftliche Engagement gegen die WAA.

"Wackersdorf" ist aus mehreren Gründen hochaktuell. Es ist fast unmöglich, während des Films nicht an die Proteste im Hambacher Forst zu denken. Auch im Wald neben dem Braunkohletagebau im Rheinland kämpfen Aktivisten gegen Konzerninteressen und für den Umweltschutz.

Auch hier lässt sich die Politik von einem Konzern für seine Zwecke einspannen – so findet die derzeitige Räumung der Baumhäuser im Wald aus "Brandschutzgründen" statt. Dass es dem nordrhein-westfälischen Bauministerium rein zufällig wenige Wochen vor der geplanten Rodung durch RWE einfiel, die Baumhäuser als "Gebäude" einzustufen, die Brandschutzrichtlinien genügen müssen, ist eher unwahrscheinlich.

Die Bauherren der WAA in Wackersdorf hatten genauso ihre Genehmigungen wie RWE – auch wenn dafür erst ein Gesetz geändert werden musste. Von Wackersdorf blieben jedoch vor allem die Bilder von den Bürgern am Zaun in Erinnerung – als Symbol für einen der größten Erfolge der Umweltbewegung.

Aus diesem Grund empfiehlt Michael Bauchmüller in der Süddeutschen Zeitung dem Energiekonzern RWE, in eigenem Interesse und aus Imagegründen auf die Rodungen zu verzichten: "Wenn die Sägetrupps anrücken, wird auch RWE mit friedlichen Bürgern rechnen müssen, die sich vor Bäume stellen." Das ist auch die Hoffnung vieler Kohlegegner.

"Wackersdorf"

Der Film "Wackersdorf" wurde an Original­schau­plätzen im Landkreis Schwandorf gedreht. Regie führte Oliver Haffner. Die Hauptrolle des Landrats Hans Schuierer wird von Johannes Zeiler ("Faust") gespielt. "Wackersdorf" läuft seit Donnerstag in den deutschen Kinos.

Wissenschaftler wie Felix Matthes vom Öko-Institut prophezeien schon seit Langem einen "Wackersdorf-Moment" der Braunkohle. Damit meint der Energieforscher, dass sich die Konzerne aus wirtschaftlichen Überlegungen aus der Kohle verabschieden werden.

Denn am Ende war es nicht die Politik, die auf ihre Bürger hörte und das Ende der WAA in Wackersdorf verkündete, sondern ein Konzern. Die Veba, ein Vorläufer des heutigen Eon-Konzerns, stellte die Bauarbeiten aus wirtschaftlichen Überlegungen ein – und weil sie aufgrund des Widerstands vor Ort begann, an der Verwirklichung zu zweifeln. "Genau das Gleiche werden wir meiner Überzeugung nach Mitte der 2020er Jahre bei der Braunkohle erleben", so Matthes im Interview mit Klimareporter°.

Der Film greift aber noch ein weiteres Thema auf, das durch die Braunkohle wieder aktuell ist: den Strukturwandel. Es wird klar, wie stark das Leben in der Oberpfalz vor dreißg Jahren vom Kohleabbau geprägt ist. Der Landrat hält Reden auf dem Volksfest des Knappenvereins und neben seinem grünen Telefon zuhause steht das metallene Modell einer Tagebau-Lore. Dass der Braunkohletagebau in der sonst eher strukturschwachen Region als Arbeitgeber wegfällt, trifft die Menschen tief.

Hier liefert zwar nicht der Spielfilm, aber die Geschichte eine positive Wendung. Nach dem Ende der Bauarbeiten im Jahr 1989 entstand auf dem WAA-Gelände der Innovationspark Wackersdorf. "Wackersdorf ist ein bedeutender Industriestandort der mittleren Oberpfalz", sagt heute der Bürgermeister der Gemeinde, Thomas Falter (CSU). Nach seiner Einschätzung bietet der Innovationspark mehr Arbeitsplätze, als es die Atomfabrik je getan hätte.

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