Süße Täuschung

Das internationale "Voice Network" fordert höhere Preise für Kakao, um Bäuerinnen und Bauern ein existenzsicherndes Einkommen zu ermöglichen sowie Umwelt und Klima zu schützen. Nachhaltigkeits-Label könnten das Problem nicht lösen, die Politik müsse handeln.


Kakaofrucht an einem Kakaobaum.
Kakaofrucht an einem Kakaobaum. (Foto: Claus Bunks/​Wikimedia Commons)

Schokolade-Tafeln, Schokoriegel oder -kekse – viele Kakaoprodukte tragen inzwischen Nachhaltigkeitssiegel wie Fairtrade oder Rainforest Alliance. Ziel sind höhere Preise für die Kakaobäuerinnen und -bauern sowie eine ökologische Produktion der Kakaobohnen. Viele Kund:innen orientieren sich daran.

Laut einer neuen Untersuchung wird das Armutsproblem in dieser Branche dadurch "in den meisten Fällen" jedoch nicht gelöst. Notwendig sei, dass die Hersteller von Kakao- und Schokoladeprodukten ihre Produzent:innen auf breiter Front höhere Preise für Kakao bezahlen. Anderenfalls würden sich die sozialen und ökologischen Probleme in dem Sektor weiter verschärfen.

Das diesjährige "Kakao-Barometer", das die aktuellen Entwicklungen in der Branche zusammenfasst, wurde vor einigen Tagen vom NGO-Bündnis "Voice Network" veröffentlicht. Demnach können auch die bäuerlichen Familien, die für Kakaoprojekte mit Nachhaltigkeitslabel arbeiten, in der Regel ihre Grundbedürfnisse nicht decken. Entsprechend zertifiziert ist nach den Angaben zwischen einem Drittel und der Hälfte der weltweiten Kakaoproduktion.

Im Voice Network haben sich mehr als 20 Organisationen aus fünf Kontinenten zusammengeschlossen. Deutschland ist durch die Entwicklungsorganisationen Inkota und Südwind vertreten. Das Kakao-Barometer erscheint alle zwei Jahre.

Kakao wird überwiegend von Kleinbäuerinnen und -bauern angebaut. Weltweit arbeiten rund 5,5 Millionen Menschen in dem Sektor, sie und ihre Familien sind im Wesentlichen von diesem Rohstoff abhängig. Die größten Kakaoanbaugebiete liegen in Ghana und Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste) in Westafrika sowie in Indonesien.

"Ein höherer Kakaopreis ist unvermeidlich"

Laut dem Report sind die Bauernfamilien weiterhin mit einer Vielzahl an Problemen konfrontiert, wie Kinderarbeit, Geschlechterungleichheit, Unterernährung von Kindern, mangelnder Zugang zu Bildung und unzureichende Gesundheits- und Sanitärversorgung. Sie verfügten jedoch nicht über die finanziellen Ressourcen, dagegen anzukämpfen.

Aktuell verstärkt eine hohe Inflation den Druck auf die Bäuer:innen in Westafrika, so die Analyse. Voice zitiert den Kakaobauern Yao Kouamé Martia von der ivorischen Kooperative Ecam: "Früher konnte ich mit dem Verkauf von Kakaobohnen die nötigen Ausgaben für meine Familie finanzieren. Das ist jetzt sehr schwierig geworden. Die Preise für die Produkte liegen weit über meinen bisherigen Einnahmen. Ich habe Kinder, und ich kämpfe jetzt darum, ihre Schulgebühren zu bezahlen."

Voice kritisiert weiterhin, dass zu wenig gegen Klima- und Umweltbelastungen getan werde. "Weder Politik noch Unternehmen haben es bisher geschafft, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren oder die langfristige Einführung guter landwirtschaftlicher Praktiken zu unterstützen", so das NGO-Netzwerk. Stattdessen sähen sich die Produzent:innen gezwungen, Regenwald abzuholzen, um durch neue Plantagen die Erträge zu steigern.

Laut Voice können nationale und internationale Strategien, die darauf abzielen, die Kakaoproduktion zu erhöhen und so die Armut zu bekämpfen, die Probleme auf lange Sicht nicht lösen. Die aktuellen Daten zu den Kakaolieferketten zeigten, dass Entwicklungsprogramme zur Produktivitätssteigerung und Anbau-Diversifizierung langfristig wirkungslos blieben.

Stattdessen müssten "echte Anstrengungen" unternommen werden, um das Existenzminimum der Bäuerinnen und Bauern durch höhere Preise zu sichern und ihnen so die finanziellen Möglichkeiten zu eröffnen, die Umwelt zu schützen. "Ein höherer Preis für Kakao ist unvermeidlich, wenn existenzsichernde Löhne gewährleistet werden sollen", sagte Antonie Fountain vom Voice Network.

Fairtrade sieht sich politisch ausgebremst

Die Organisation Fairtrade verwies auf Anfrage von Klimareporter° in einer Stellungnahme auf eigene Erhebungen, wonach Kakaobauernfamilien dank der zertifizierten Produkte mehr verdienten als vorher, räumte aber ein, dass das "insgesamt noch immer zu wenig" sei.

Man habe 2019 den Mindestpreis pro Tonne Kakaobohnen von 2.000 auf 2.400 US-Dollar und auch die zusätzlich gezahlte Prämie erhöht. Eine Untersuchung des niederländischen Impact Institute habe für 2020/​​2021 gezeigt, dass ivorische Fairtrade-Kakaobauern und -bäuerinnen ihr Einkommen binnen vier Jahren um 85 Prozent gesteigert hätten. Der Anteil derer, die in extremer Armut leben, ist demnach von 58 auf 39 Prozent gesunken, also um ein Drittel.

Fairtrade zufolge sind Preiserhöhungen notwendig, reichen aber in der Regel nicht aus, um die Situation von Produzent:innen zu verändern. Viele Familien besäßen zu wenig Land, um allein vom Kakaoanbau gut leben zu können. Daher setze man auf ein Zusammenspiel von Maßnahmen: höhere Produktivität, Anbau-Diversifizierung, eine Steigerung beim Fairtrade-Absatz sowie Professionalisierung.

Weiter fordert die Organisation "klare Rahmenbedingungen von der Politik". Da das deutsche Lieferkettengesetz das Thema Preise außen vor lasse, brauche es ein starkes EU-Lieferkettengesetz, "das existenzsichernde Löhne und Einkommen als Menschenrecht anerkennt und diese für alle verbindlich fordert".

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