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"Der Wald ist im Klimastress"

Die Forsten sind wegen der Dürre im vergangenen Jahr stark geschädigt. Der Bund der Forstleute schlägt Alarm und fordert einen Hilfsfonds in Höhe von fünf Milliarden Euro. Der Wald muss an den Klimawandel angepasst werden.


Nadelwald
Nadelwälder sind besonders anfällig und sollen je nach Standort in klimastabilere Mischwälder umgebaut werden. (Foto: Free-Photos/​Pixabay)

Forstleute in Deutschland schlagen Alarm. Der Wald ist nach ihrer Einschätzung unter anderem durch den vergangenen Hitzesommer stärker geschädigt als zu Zeiten der Debatte um das Waldsterben in den 1980er Jahren.

Sie fordern deswegen einen staatlichen "Marshallplan" für den Wald – einen Hilfsfonds in Höhe von fünf Milliarden Euro, der zur Aufarbeitung der Schäden und zum klimaangepassten Umbau des Waldes genutzt werden soll.

Der Bund Deutscher Forstleute (BDF) beklagte auf seinem Bundestreffen Ende vergangener Woche in Erfurt, 2018 hätten Stürme, Hitze und Trockenheit sowie der daraufhin massenweise aufgetretene Borkenkäfer den Wald extrem in Mitleidenschaft gezogen.

"An eine normale Forstwirtschaft mit geplanter Waldpflege ist seit über einem Jahr nicht zu denken", sagte der BDF-Bundesvorsitzende Ulrich Dohle. Förster und Waldarbeiter arbeiteten "an der Belastungsgrenze, um den Borkenkäfer einzudämmen, Sturmholz aufzuarbeiten und gleichzeitig noch den Waldumbau voranzutreiben".

Laut einer Bilanz des Bundeslandwirtschaftsministeriums sind im Jahr 2018 durch Sturm und Borkenkäfer mehr als 32 Millionen Kubikmeter Schadholz angefallen. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Setzlinge vertrocknet ist, die in den vergangenen Jahren in den Wäldern nachgepflanzt wurden – der Deutsche Forstwirtschaftsrat (DFWR) schätzt, dass es 750 Millionen der Jungpflanzen erwischt hat.

Besonders betroffen sind der Norden und der Osten Deutschlands. Die finanziellen Schäden für die Waldeigentümer kalkuliert der Forstwirtschaftsrat – er vertritt zwei Millionen Waldbesitzer – für 2018 bundesweit auf rund zwei Milliarden Euro, während der Forstleute-Bund sogar von "drei bis fünf Milliarden" spricht.

Schlimmer als zur Zeit des "Waldsterbens"

"Der Waldzustand ist gravierender als zur Waldsterbensdebatte in den 1980ern", heißt es beim BDF. Damals hatten ungefilterte Emissionen aus Kraftwerken viele Bäume geschädigt und absterben lassen. Daraufhin wurden Kohlemeiler mit Entschwefelungsanlagen und Autos mit Katalysatoren ausgerüstet.

Für 2019 erwarten Forstleute und Waldbesitzer ähnlich hohe Schadenszahlen – vor allem, da der Borkenkäfer und andere Schadinsekten weiter wüten dürften. Tatsächlich hat die Dürre von 2018 die Population des Insekts, das es auf die Fichte abgesehen hat, in vielen Forsten explodieren lassen.

So zeigte eine Studie in Nordrhein-Westfalen, dass wegen der milden Witterung in den vergangenen Monaten bis zu 90 Prozent der Käfer überwintert haben. "Wir starten mit einem hohen Befall in die Saison", sagte DFWR-Sprecher Sebastian Schreiber.

Viel hängt nun von der Witterung ab. Gibt es in den nächsten Wochen nicht genug Regen, um das vielerorts herrschende Defizit in den Böden aufzufüllen, geraten die Fichten, die den letztjährigen Käferansturm überlebt haben, in Trockenstress – und bieten dem Insekt eine neue Angriffsfläche. Dann wird es dramatisch.

Die Angst vor einer neuen Borkenkäferinvasion ist groß. Mancherorts haben die Forstverwaltungen bereits Notmaßnahmen ergriffen – sogar in Naturschutzgebieten.

So empfahlen in Niedersachsen Landwirtschafts- und Umweltministerium gemeinsam, Baumfällungen zwecks Borkenkäferbeseitigung auch in den geschützten Natura-2000-Gebieten weiter zuzulassen, wo sie seit Ende Februar eigentlich untersagt sind. Sogar der Einsatz von Pestiziden wurde dort "punktuell" gestattet – etwa um gestapelte Baumstämme gegen Borkenkäfer zu behandeln und ihre Ausbreitung zu stoppen.

"Wenn der Wald erhalten bleiben soll, muss die Politik handeln"

Forstleute-Chef Dohle zufolge ist freilich nicht nur die Fichte bedroht. Also jene schnellwüchsige Baumart, die in der Nachkriegszeit in Deutschland als "Brotbaum der Förster" vielfach an nicht geeigneten Standorten gepflanzt wurde, um schnell einen Holzlieferanten zu bekommen – was sich nun gewaltig rächt.

Auch der Austrieb der Laubwälder in diesem Jahr lasse viele Fragen offen, berichtet Dohle. "Die Waldbilder sind erschreckend", meint er. Die Bäume könnten gar nicht so schnell reagieren, wie sich das Klima ändert. "Der Wald ist im Klimastress."

Die Forstleute jedenfalls machen gewaltig Druck auf die Politik: "Wenn der Wald weiter in seiner Vielfältigkeit, als Sehnsuchtsort und für die Erfüllung der zahlreichen gesellschaftlich wertvollen Leistungen erhalten bleiben soll, muss die Politik im Bund und in den Ländern spürbar aktiver werden und einen Marshallplan für den Wald auflegen."

Wie viel Eindruck sie dabei in der Politik machen, ist noch offen. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) jedenfalls ließ bei einer Ortsbesichtigung zum Tag des Waldes im brandenburgischen Nauen verlauten: "Die Schäden im Wald sind besorgniserregend." Der Borkenkäferbefall werde zum Absterben weiterer Waldflächen führen.

Bisher hat die Ministerin aber nur 25 Millionen Euro zusätzlich zur Bewältigung der Waldschäden zur Verfügung gestellt. Ein weiter Weg bis zu den geforderten fünf Milliarden.

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