Landschaften sollen zu Klimaschützern werden

Moore, Meere, Gewässer, naturnahes Grün in der Stadt und auf dem Land – alte wie neue Natur soll künftig das Klima schützen. Dazu legte Umweltministerin Lemke jetzt einen 70‑seitigen Programmentwurf vor. Fachleute loben den Schritt, die vorgeschlagenen Maßnahmen reichen ihnen aber noch nicht aus.


Weite, flache Moorlandschaft mit Grasland und einem Steg, dahinter Wald.
Moore sind Klimaschützer, das können inzwischen viele aufsagen. Wiedervernässung bedeutet aber Nutzungseinschränkungen. (Foto: Michael Gaida/​Pixabay)

Von Meseberg, dem Klausurort der Bundesregierung, sind es nur 30 Kilometer zu den Möllmer Seewiesen bei Oranienburg nördlich der Hauptstadt. Die Seewiese ist eigentlich keine Wiese, sondern ein 56 Hektar großes Moor, das aus einem verlandeten See entstand und nun dauerhaft wiedervernässt werden soll.

Später sollen auch Wasserbüffel auf der Moorwiese weiden – ein Vorzeigeprojekt und die passende Kulisse für Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne), um nach der Regierungsklausur einen 70‑seitigen Entwurf ihres Programms "Natürlicher Klimaschutz" zu präsentieren.

Schon Ende März hatte Lemke angekündigt, ein Programm für natürlichen Klimaschutz aufzulegen. Das soll bis 2026 mit vier Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt gespeist werden, vor allem aus dem Klima- und Transformationsfonds.

Natürlicher Klimaschutz ist ein neues Schlagwort in der Klimadebatte. Moore, Meere, Gewässer, naturnahes Grün in der Stadt und auf dem Land sollen CO2 binden, die Folgen des Klimawandels puffern, Starkregen abschwächen und bei Hitze für Kühlung sorgen.

Laut einer Studie des Naturschutzbundes sind rund 20 Prozent der Landesfläche für Renaturierung geeignet. Hinzu kommen Seegraswiesen und andere marine Lebensräume in Nord- und Ostsee.

"Wir brauchen technischen und natürlichen Klimaschutz: Erneuerbare und Moore, Einsparungen und Aufforstungen", erläutert Kai Niebert, Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), das Herangehen. Neben dem Herunterfahren des CO2-Ausstoßes durch Umstieg auf erneuerbare Energien müsse auch überschüssiges CO2 wieder in Mooren, Auen und Wäldern gespeichert werden. "Ohne den natürlichen Klimaschutz werden wir die Klimakrise nicht stoppen können", so Niebert gegenüber Klimareporter°.

Nicht ohne staatliches Engagement

Die Möllmer Seewiesen geben derzeit im Trockenzustand noch rund 1.700 Tonnen CO2 jährlich ab. Bundesweit sind heute 95 Prozent einstiger Moorflächen entwässert und in Äcker, Grünland oder auch Straßen und Gewerbeflächen verwandelt. Diese Flächen emittieren bundesweit rund 53 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, die größte Treibhausgasmenge, die in Deutschland aus Landnutzungsänderungen – Fachkürzel: LUCLUF – resultiert. Weitere CO2-Emissionen stammen hier aus Entwaldung oder dem Zubetonieren von Äckern und Grünland.

 

Bei den Mooren soll das neue Programm laut Ministerium dazu beitragen, die existierende Nationale Moorschutzstrategie in die Tat umzusetzen. Mit der Strategie sollen die Treibhausgasemissionen aus Ex-Moorflächen bis 2030 um jährlich fünf Millionen Tonnen reduziert werden.

Nach Jahrzehnten staatlich finanzierter Moor-Entwässerung wird mit dem neuen Programm endlich die Wiedervernässung substanziell staatlich unterstützt, lobt Franziska Tanneberger, die das Greifswald Moor Centrum leitet. Damit folge Deutschland beim Moorklimaschutz sehr erfolgreichen Ländern wie Indonesien und Belarus, in denen schon seit mehreren Jahren großflächig Wiedervernässung durch den Staat betrieben wird.

Tanneberger sieht das staatliche Engagement als entscheidend an. "Auch die Entwässerung der Moore war in den seltensten Fällen eine individuelle Entscheidung derjenigen, denen die Moorflächen gehörten oder die sie bewirtschafteten", erinnert sie an die historische Entwicklung.

Jan Peters, Geschäftsführer der Michael-Succow-Stiftung, nennt das neue Aktionsprogramm einen "wahren Meilenstein", schränkt aber ein, die konkreten Ziele blieben noch immer weit hinter dem Notwendigen zurück. Die fünf Millionen Tonnen seien weniger als zehn Prozent der jährlichen Moor-Emissionen.

"Auch um international ernst genommen zu werden, muss hier das Ambitionsniveau höher liegen", fordert Peters. So sei die Vorgabe nicht hoch genug, um in Deutschland die auf EU-Ebene diskutierten Ziele für entwässerte Moorböden zu erreichen.

Auf die Flächen kommt es an

Der Erfolg des Programms hängt für DNR-Präsident Niebert davon ab, wie viel Fläche zum Wiederherstellen kohlenstoffbindender und artenreicher Lebensräume bereitgestellt wird. Natürlicher Klimaschutz, betont Niebert, brauche vor allem eines: Flächen, auf denen künftig CO2 gespeichert statt ausgestoßen wird.

Niebert fordert auch im natürlichen Klimaschutz eine Zeitenwende. Statt "kleinteiliger, bürokratischer Projekte" müssten jetzt Programme aufgelegt werden, die in der Breite wirken. "Über entsprechende Programme müssen wir es schaffen, Landwirte zu Klimaschützern zu machen", sagt der DNR-Chef.

Der Programmentwurf

Der Entwurf für das "Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz" umfasst 64 Maßnahmen in zehn Handlungsfeldern, darunter:

  • Nationale Moorschutzstrategie umsetzen
  • Wasserhaushalt naturnah gestalten mit lebendigen Flüssen, Seen und Auen
  • Meere und Küsten schützen und ihre Nutzung naturverträglich gestalten
  • Betreuung und Unterhalt von Wildnis- und Schutzgebieten verbessern
  • gesunde Wälder fördern
  • Böden schützen und bodenschonend und humusmehrend bewirtschaften
  • Siedlungs- und Verkehrsflächen renaturieren
  • Städte und Gemeinden klimafest machen
  • Datenerhebung, Monitoring, Modellierung und Berichterstattung verbessern

Niebert wird auch konkret. Die Bundesregierung müsse Möglichkeiten zum direkten Flächenerwerb schaffen. Dafür seien Vorkaufsrechte oder Flurneuordnungsverfahren sowie ausreichend qualifiziertes Personal erforderlich.

Auch für Moorforscherin Tanneberger ist eine enge Kooperation mit der Landwirtschaft das A und O. Mehr als 80 Prozent der entwässerten Moorflächen in Deutschland würden landwirtschaftlich genutzt, betont sie.

"Zukünftig brauchen wir auf Moorböden einen Mix aus Paludikulturen unterschiedlicher Intensität sowie 'nasser Wildnis'. Damit können wir auch moortypische Biodiversität effizient fördern und wiederherstellen." Paludikultur meint die landwirtschaftliche Nutzung von wiedervernässten oder ursprünglichen Moorböden.

Am Programmentwurf des Umweltministeriums kritisieren die Fachleute einhellig, dass Lemke stark auf Freiwilligkeit setzt. Zwar brauche es zunächst starke Anreize für Pioniere, die sich freiwillig auf den Weg machen, meint Jan Peters. "Mittel- bis langfristig reicht aber reine Freiwilligkeit nicht aus." Es müssten auch planungs- und ordnungsrechtliche Anpassungen vorgenommen werden.

Ab dem 5. September können Verbände und alle anderen Interessierten ihre Anregungen für den ministeriellen Entwurf einbringen. Anfang kommenden Jahres könnte die Bundesregierung das Programm dann beschließen.

Tanneberger plädiert jetzt schon dafür, über die Programmlaufzeit bis 2026 hinaus zu denken und bis zur fast vollständigen Wiedervernässung aller Moorböden in Deutschland zu planen. "Ohne diese werden wir keine Klimaneutralität in Deutschland erreichen", stellt sie klar.

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