Beleuchtete große Erdölraffinerie am frühen Morgen, im Hintergrund Berge.
Während die Wissenschaft immer dringlicher warnt, gibt es in der Ölbranche praktisch noch gar keinen Klimaschutz. (Bild: Chitsanupong Kathip/​Shutterstock)

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) als wichtige Erdöl- und Erdgas-Produzenten sind Ausrichter des UN-Klimagipfels COP 28, der im November und Dezember in Dubai stattfindet. Das trifft in der Klimabewegung auf heftige Kritik, vor allem, seitdem bekannt wurde, dass ausgerechnet der Chef des staatlichen Erdöl-Konzerns Adnoc, Sultan Ahmed Al Jaber, der Präsident der Konferenz sein wird.

Eine aktuelle Investitionsentscheidung des Unternehmens weniger als zwei Monate vor Gipfelbeginn dürfte dies noch verstärken: Adnoc hat ein Riesenprojekt zur Erhöhung seiner Erdgas-Förderung angekündigt. Fachleute sehen die Behauptung, dies werde dank zusätzlicher unterirdischer Speicherkapazitäten für CO2 klimafreundlich geschehen, sehr skeptisch.

Adnoc – das Kürzel steht für Abu Dhabi National Oil Corporation – will in zwei Offshore-Erdgasfelder, "Ghasha" und "Hail", investieren, die vor der Küste der Emirate im Persischen Golf liegen.

Verträge über 17 Milliarden US-Dollar

Dafür hat das Unternehmen Verträge im Wert von umgerechnet knapp 17 Milliarden US-Dollar abgeschlossen, wie es jetzt mitteilte. Sie gehen an die nationale Baugesellschaft für Ölanlagen NPCC, die in Abu Dhabi ansässig ist, sowie an zwei italienische Unternehmen, Saipem und Maire Tecnimont. Sie sollen die Offshore-Anlagen, also künstliche Inseln und Unterwasser-Pipelines, sowie die Anlagen am Festland bauen, einschließlich einer Abscheidung für CO2 und Schwefel.

Die beiden Felder sind Teil der Ghasha-Konzession von Abu Dhabi, mit der bis 2030 etwa 42,5 Millionen Kubikmeter Erdgas gefördert werden sollen. Man werde die Gasressourcen "verantwortungsbewusst" erschließen, teilte Adnoc mit. Ziele seien, den Eigenbedarf der Emirate zu decken sowie die Exportkapazitäten auszubauen, um zur "globalen Energiesicherheit" beizutragen.

Ein hoher Manager des Konzerns, Abdulmunim Al Kindy, erklärte dazu, Erdgas sei ein wichtiger "Übergangsenergieträger". Die Argumentation hinter dieser Strategie, die von vielen Golfstaaten verfochten wird, lautet: In die fossilen Energieträger muss vorerst weiter investiert werden, um den Übergang zur klimaneutralen Versorgung bewältigen zu können.

Adnoc erklärte, das Projekt sei das erste weltweit, das darauf abziele, "klimaneutral zu arbeiten". Parallel zum Aufbau der neuen Erdgas-Förderung sollen die Kapazitäten für die CO2-Speicherung auf rund vier Millionen Tonnen des Treibhausgases pro Jahr ausgebaut werden.

Das Erdgas soll auch genutzt werden, um Wasserstoff zu produzieren, wobei der darin enthaltene Kohlenstoff abgeschieden und als CO2 unterirdisch eingelagert werden soll. In dem Prozess will Adnoc auch Strom aus Atomkraft und erneuerbaren Energien nutzen.

Im Juli hatte der Konzern angekündigt, seine CO2-Speicherkapazitäten bis 2030 auf zehn Millionen Tonnen pro Jahr anzuheben und Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen.

"Emissionsfreie fossile Energien gibt es nicht" 

Von Klima-Fachleuten kommt Kritik an dem Projekt. Die Energieexpertin Mia Moisio vom Analyse-Portal Climate Action Tracker nannte die Bezeichnung "klimaneutral" für das Gasprojekt irreführend, auch wenn sie sich nur auf die Emissionen in den Herstellungsanlagen beziehe. "Es gibt keine emissionsfreien Projekte fossiler Energieträger", sagte Moisio. Die allermeisten Treibhausgase entstünden beim Verbrennen des Erdgases, nicht bei dessen Förderung.

Climate Action Tracker hat die Klimapolitik der Emirate in seiner turnusmäßig vorgelegten Länderbilanz als "unzureichend" bewertet, obwohl das Land als Ziel angekündigt hat, bis 2050 klimaneutral werden zu wollen.

 

Grund dafür ist vor allem der geplante Ausbau seiner Erdöl- und Erdgasproduktion. Adnoc zum Beispiel will nicht nur das Gas-, sondern auch das Ölgeschäft erweitern. Die Förderkapazität soll hier bis 2027 von gut vier Millionen auf fünf Millionen Barrel pro Tag erhöht werden.

Der Adnoc-Chef Al Jaber verteidigte unterdessen indirekt seine Bestellung zum Klimagipfel-Präsidenten. Motto: Gerade er als Ölmanager könne die fossile Industrie zum Handeln bewegen.

In einem Gespräch mit der Financial Times kündigte er eine Initiative der Branche zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen an, die auf der COP 28 vorgestellt werden soll.

Zum Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen sagte er: "Ich möchte nicht, dass diese Industrie in irgendeiner Form den Eindruck erweckt, sie würde sich gegen den Ausstieg stellen. Dieser findet statt." Die Öl- und Gasbranche müsse dazu "in die Dekarbonisierung des derzeitigen Energiesystems investieren".

Al Jaber zufolge haben bereits 20 Konzerne, die für bis zu einem Viertel der gesamten Öl- und Gasproduktion stehen, großes Interesse, sich der Initiative anzuschließen. Er übe "Druck" auf weitere Unternehmen aus, der "Global Decarbonisation Alliance" anzuschließen.

Ölbranche soll CO2-Abscheidung "aggressiv verfolgen"

Unternehmen der Allianz müssen sich verpflichten, bis 2050 netto null Emissionen zu erreichen und bis 2030 den Ausstoß von Methan auf nahezu null zu reduzieren.

Methan, Hauptbestandteil von Erdgas, ist ein besonders gefährliches Treibhausgas. Es wird unter anderem bei dessen Förderung und durch undichte Pipelines frei. Setzt Al Jaber sich hier durch, wäre das durchaus ein wichtiger Erfolg seiner Gipfel-Leitung.

Der Adnoc-Chef sagte der Financial Times weiter, die COP 28 könne zu großen Veränderungen im globalen Energiesystem führen. Neben der Öl- und Gasallianz, die auch die Speicherung und die Nutzung von CO2 in der Industrie voranbringen soll, drängt er darauf, dass die Staaten auf dem Gipfel eine Vereinbarung zur Verdreifachung der Kapazitäten für erneuerbare Energien bis 2030 treffen. "Wir haben 27 COPs hinter uns. Bitte lassen Sie mich dieses Mal etwas Handfestes liefern", sagte er.

Im Gespräch mit der Zeitung, das auf der wichtigsten Öl-und-Gas-Konferenz in Abu Dhabi stattfand, forderte Al Jaber die Branche auf, die Technologie der CO2-Abscheidung, -nutzung und -speicherung (Carbon Capture, Utilisation and Storage, CCUS), die sich noch nicht in großem Maßstab bewährt hat, zu erweitern und zu kommerzialisieren.

 

Al Jaber sagte, CCUS müsse eine Rolle dabei spielen, dass die Welt bis 2050 netto null Emissionen erreichen könne. "Es ist eine von vielen Lösungen, die wir verfolgen sollten, und wir sollten sie aggressiv verfolgen", sagte er.

Über die Ölindustrie sagte er: "Wir brauchen Taten, Leute. Lasst sie jetzt handeln ... bringt sie dazu, den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen zu befürworten und zu unterschreiben und ... die CCUS-Technologie in großem Maßstab und mit Kapital zu vermarkten."