Vertikaler Salat

Ein Berliner Forschungsprojekt hat errechnet, wie viele Menschen aus den Gärten der Stadt ernährt werden können. Getestet wurde auch, wie sich die Menge noch steigern lässt. Ein Argument, Kleingärten für Bauprojekte zu opfern, ist das aber nicht.


"Urban Gardening" auf dem Tempelhofer Feld, dem ehemaligen Innenstadtflughafen in Berlin. (Foto: Onnola/​Flickr)

Corona war auch hier ein Einschnitt: Die Lust auf Gärten und am Gärtnern ist seit dem Beginn der Pandemie deutlich gewachsen, gerade in den Großstädten. Die Städter sehnen sich nach mehr Grün, viele auch nach der eigenen Ernte.

Man weiß: Grünflächen heben die Laune, mindern Aggression und Gewalt und sind gut fürs Kleinklima. Und: Das "Urban Farming", ob im Garten am Haus, im Schrebergarten oder in den modernen Mietäckern, trägt zur Lebensmittelversorgung bei.

Gut und schön, das so allgemein zu wissen. Aber wenn es hart auf hart geht, zum Beispiel wenn Kleingartenanlagen für Bauprojekte weichen sollen, zählt das oft wenig.

Deswegen ist es gut, dass ein Forschungsteam jetzt in seinem Projekt "Garten-Leistungen" einmal berechnet hat, was selbige in Euro wert sind – am Beispiel von Berlin. Und ganz konkret auch anhand der Lebensmittel, die dort von den Bürgerinnen und Bürgern erzeugt werden.

Die Berliner Gärten machen laut der Untersuchung 3,3 Prozent der Stadtfläche aus, wobei die reine Anbaufläche 140 Hektar beträgt. Bei einem angenommenen kleinen bis mittelgroßen Ertrag werden dort pro Gartensaison immerhin 7.600 Tonnen Gemüse, Kartoffeln und Kräuter produziert.

Das wäre, so das bei dem Projekt federführende Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), genug für den Jahresbedarf von 50.000 Menschen. Auf dem Markt wären diese Lebensmittel laut dem Berliner Institut rund zehn Millionen Euro wert.

Auf zwei Quadratmetern

Ganz Berlin mit lokalen Produkten zu versorgen, ist natürlich illusorisch: In der Stadt leben über 3,7 Millionen Menschen. Doch es gibt Möglichkeiten, den Anteil zu steigern, wie die Studie auch aufzeigt.

In einem "Reallabor" des Projekts Garten-Leistungen baute die TU Berlin sogenannte vertikale Gärten, wo in Gestellen zum Beispiel Salatpflanzen übereinander wachsen und mit gereinigtem Regen- oder Grauwasser versorgt werden.

Es zeigte sich: Pro Saison deckt so eine Anlage auf nur zwei Quadratmetern den Salat-Bedarf von 28 Personen.

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins Klimareporter°.

Das urbane Gärtnern hat mit Vertikalgärten also tatsächlich noch Luft nach oben. Doch das darf keine Ausrede für Stadtregierungen sein, angesichts des Siedlungsdrucks nun doch Kleingartenflächen zu opfern, weil man auf dem Rest ja mehr anbauen kann.

Im Gegenteil. Mehr statt weniger Fläche für Gärten ist nötig.

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