Mit Default-Effekt Emissionen vermeiden

Die meisten Menschen wollen das Klima und die Umwelt schützen, tun dann aber wenig dafür. Das lässt sich leicht ändern: Wenn man die "grüne" Variante eines Produkts zum Standard macht, bleiben die allermeisten Menschen dabei.


Grünstrom
Menschen bleiben eher beim Bestehenden, als etwas zu ändern – deshalb muss der Standard öko sein. (Foto: Michael Mikegi/Pixabay)

Deutschland könnte die CO2-Emissionen um 45 Millionen Tonnen pro Jahr reduzieren und gleichzeitig die Wohlfahrt steigern. Noch dazu ließe sich das quasi sofort erreichen und würde den Staat nichts kosten.

Das legen Erkenntnisse von zwei großen Feldversuchen in der Schweiz nahe, die soeben im Wissenschaftsmagazin Nature Human Behaviour veröffentlicht wurden. Der Grund für diese verblüffende Möglichkeit des Klimaschutzes ist der "Default-Effekt".

Doch der Reihe nach. Zwei Schweizer Stromversorger haben ihr Standardprodukt ("Default") umgestellt: von einer Mischung aus Kohle-, Atom- und Grünstrom auf 100 Prozent Grünstrom.

Damit verbunden war eine Preiserhöhung von rund vier bis acht Prozent für private Haushalte und sechs bis 14 Prozent für Geschäftskunden.

Gleichzeitig wurden die Kunden darüber informiert, dass sie die Möglichkeit haben, zu Mixstrom und zum alten Tarif zurückzuwechseln. Doch das haben nur sehr wenige getan: Über 80 Prozent der Kunden blieben beim neuen, teureren Standardprodukt.

"Das hat uns überrascht", sagt Jennifer Gewinner von der ETH Zürich, Mitautorin der Studie. Denn zuvor hatten weniger als drei Prozent der Stromkunden freiwillig den 100-Prozent-Grünstrom gewählt.

Mittlerweile liegen für den einen Stromanbieter die Kundendaten von drei Jahren und für den anderen von sechs Jahren vor. Darin zeigt sich, dass der Effekt auch von Dauer ist. Ebenso zeigt sich der Effekt bei Neukunden: Auch sie wählen zu mehr als vier Fünfteln das teurere Standardprodukt. Selbst Haushalte oder Betriebe mit sehr hohem Stromverbrauch wechseln meist nicht zum billigeren Stromtarif.

Der Default-Effekt beziehe seine Kraft aus "verschiedenen psychologischen Phänomenen", sagt Gewinner. Da ist etwa die "Status-quo-Verzerrung", auch "Tendenz zum Status quo" genannt. Menschen ziehen es generell vor, beim Bestehenden zu bleiben, statt etwas zu ändern.

"Das Tolle: Man kann es sofort machen"

Das Standardprodukt werde außerdem "als das empfohlene Produkt verstanden, als die sichere Wahl", so Gewinner. Sich dagegen zu entscheiden sei daher mit Rechercheaufwand und einem gefühlten Risiko verbunden. Nur wer meint, wirklich kompetent zu sein, wird sich gegen das empfohlene Produkt eines Anbieters entscheiden.

Eine Umstellung des Standardprodukts ist außerdem populär. Das zeigt eine Schweizer Umfrage, die unabhängig von dieser Studie gemacht wurde. Dabei wurden Menschen gefragt, ob es eine Vorschrift geben sollte, die Stromanbieter verpflichtet, Grünstrom als Standardprodukt anzubieten. 76 Prozent der Befragten unterstützen eine solche Vorschrift.

Gewinner hofft daher, dass bei der Förderung von Ökostrom der Default-Effekt in Zukunft als "Politikinstrument" eingesetzt wird. "Das Tolle ist, dass man das sofort machen kann und nicht warten muss, bis die Menschen ihre Einstellungen ändern."

Weil in der Schweiz Strom aus Wasser- und Atomkraftwerken den Strommix dominiert, war der Klimaeffekt der Umstellung relativ gering. In Deutschland sähe das allerdings anders aus, wie die Studie zeigt.

Würde dort für Haushalte Grünstrom zum Standardprodukt und blieben wie in der Schweiz 80 Prozent der Kunden dabei, ließe sich der Ausstoß von 45 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr vermeiden. Das würde die strombedingten CO2-Emissionen durch Haushalte halbieren.

Und es würde sich auch lohnen: Angenommen, die Kilowattstunde kostet dadurch einen Cent mehr und CO2 verursacht externe Kosten von 50 Euro pro Tonne, dann bleibt ein positiver Wohlfahrtseffekt für Deutschland von jährlich 1,2 Milliarden Euro.

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